Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 24 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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14 >DlE3jj Zeremonialgesetzes, wie auch unter dem Einfluß des neu erwachten nationalen Sinnes für die Erinnerungen an die Vorzeit, scheinen die Formen des Seders festgesetzt worden zu sein. Im großen und ganzen ist der heutige Seder dem in der Mischna beschriebenen ähnlich. Drei ungesäuerte Brote, in Servietten eingewickelt, werden auf die Sederschüssel gelegt; Petersilie und eine Schüssel mit Salzwasser, Lattich und Rettichköpfe dienen als Bitterkraut, dazu eine Mischung von Nüssen und Äpfeln, als Imitation des Lehms, aus dem die Israeliten Ziegel bereiteten. Ein gerösteter Knochen mit Fleisch als Erinnerung an das Passahlamm, ein geröstetes Ei soll die freiwilligen Festopfer darstellen (nach manchen ist das Ei römischen Ursprungs: ab ovo, als Beginn der Mahlzeit), und Krüge oder Flaschen mit Wein nebst Gläsern oder Silberbechern für jedes Mitglied der Familie und für jeden Gast werden ebenfalls auf den Sedertisch gestellt Es ist auch Sitte, ein besonderes Glas für den Propheten Elijahu zu füllen. Der Sedertisch, in bunten Glanz getaucht, eine blendende Tafel mitschimmerndem, funkelndem Geschirr, Familienreliquien, überdenen der Geist der Ahnen schwebte, Sederschüsseln mit Gravüren, fein gewebte Tischdecken, blinkende Becher und allerlei Flitter mit sinnigen Zitaten aus der heiligen Schrift und mit frommen Sprüchen der Weisen, Figürchen und Abbreviaturen, die sich auf das weihevolle Zeremoniell beziehen, goldene Grüße und Segenssprüche, von einem trauten Hauch wehmütiger Erinnerungen umschwebt, und die Haggaden mit den vielen Kommentaren, oftmals auch mit Illustrationen von rührender Naivetät, zuweilen auch von hohem künstlerischem Wert, — alle das bildet das wundervolle, kulturhistorisch höchst interessante Bild des Seders. An dem Glauben rankte sich auch der Kunstsinn sieghaft empor. Von der Haggadah bis zum Charosseth-Schüsselchen, alle Akzessorien der Sedertafel wurden verschönert und verziert, je nach der Geschmacksrichtung und nach den Verhältnissen ausgestattet und sehr oft von Geschlecht zu Geschlecht vererbt. Eheverträge. Ketubah, — eine jüdische Ehevertragsurkunde, die unter anderem eine Bestimmung wegen eines Betrages enthält, der der Ehefrau im Fall des Ablebens ihres Gemahls oder im Scheidungsfalle ausgezahlt werden muß. Ohne auf genaue Daten einzugehen, kann man mit Sicherheit behaupten, daß die Ketubah schon in der vorchristlichen Zeit eine regelrechte Institution unter den Juden war. Doch wurde der Text, wie wir ihn besitzen, erst unter griechisch-römischem Einfluß festgesetzt. In der Genizah von Kairo befinden sich zahlreiche Ketubotexemplare, die mit dem zehnten Jahrhundert beginnen. Die Jahreszahl, die in den europäischen Ländern für Ketubot benutzt wird, ist die traditionelle Ära der Welterschaffung („li-briat ha-Olam"). Der Ort, in dem die Ketubah abgefaßt wird, wird — nach der Art der Scheidebriefe — mit einer ganz eigenartigen geographischen Genauigkeit angegeben. (Paris an der Seine und der Bievre, London an der Themse und der Galbrook (Walbrook), Köln am Rhein und Duffesbach und dergl. Als ein äußeres Wahrzeichen eines so bedeutungsvollen, für das menschliche Leben epochemachenden Ereignisses in einem Volke, in dem der Familiensinn so hoch entwickelt war, bot die Ketubah begreiflicherweise einen ergiebigen Stoff für die verschiedensten Verzierungen und Ausschmückungen. Die italienischen Ketubot vom 17. und 18. Jahrhundert waren besonders künstlerisch verschönert Die ältere Verzierung war im allgemeinen illustrierender Natur, mit vergoldeten Schriftzügen und kalligraphischen Zutaten. Zuweilen kam auch die Kleinschreibekunst die biblische Abschnitte verwendete, zur Geltung. Türkische Ketubot sind gewöhnlich mit arabischen undhebräischenZeichnungenundskizzenhaft hingeworfenen Musterentwürfen geschmückt Spätere italienische Exemplare enthalten oft Illustrationen, die in irgendeiner Weise, auf das kontra- [ELT . ., ..........-.......'..... ' . . No. 24. hierende Paar oder auf ihre Familien anspielen-: Heißt: die Braut z. B. Esther, so stellt ein Bild Achaschverosch dar,, wie er. Esther sein Zepter reicht Heißt-der Bräutigam Isaak, so wird die-Ketubah mit einer JDarstellung der Opferung des Sohnes Abrahams,, der denselben Namen trug, geziert Auch allgemeine Sinnbilder/der Liebe, und der Ehe kommen «häufig vor, wie z. B.; zwei Herzen durchstochen, ein Taubenpaar, ein Liebesknoten und dergl.; Engel und Kronen, Blumen und Früchte wiederholen sich am häufigsten in der italienischen Ketubot-Illustration. . Die Ketuboth enthalten oft auch die Verlobungsbedingungen und die Bestimmungen für den Fall der Auflösung der Verlobung. Irrtümlicherweise werden letztere als Zusätze zu den Ketubot betrachtet (so von dem Verfasser des einschlägigen Aufsatzes in der Jewish Encyclopedia, der diese Zusätze „pecuniary stipulations" nennt während doch der Ketubahtext selbst die „pecuniary stipulations" enthält). Nur selten waren diese Zusätze Ergänzungen der eigentlichen Ketubot am häufigsten enthielten sie die sogenannten Verlobungsbedingungen „Tno'im". Es finden sich noch manche Tno'im-Ürkunden, nach der Art der Ketubot illustriert doch sind sie sehr selten. ' Solange die Juden ihre Justizautonomie hatten und das Rabbinat einen Beth-Din (Gerichtshof) bildete, hatte die Ketubah als Dokument eine große Bedeutung, und da sie außerdem noch' als Andenken geschätzt wurde, so ist es natürlich, daß sie zu einem Gegenstand pietätvoller Aufbewahrung und sinnreicher künstlerischer Ausstattung geworden ist Nachdem aber die Ketubah als Urkunde den Wert eines Kontrakts, eingebüßt hat wurde sie zu einer gewöhnlichen Formalität herabgedrückt Die illustrierten Ketubot können also als ein Stück jüdischer -Vergangenheit betrachtet werden. Megilla. Megilla, eig. Megillath -7- Esther — Pergamentrolle; enthaltend die Geschichte der zur Perserkönigin erhobenen Jüdin Hadassa („Myrte"), mit dem persischen Namen Esther, nach welcher das Buch Esther im Alten Testament genannt ist Esther war die Nichte und Pflegetochter des Mardochai aus dem Stamme Benjamin und wurde wegen ihrer anspruchslosen Anmut Gemahlin des Königs Ahasveros. Als solcher gelang es ihr, den Anschlag des Ministers Hainau auf die Existenz ihr.es/Vblkes zu vereiteln. Zur Erinnerung an die Volksrettung wurde der Esther-Fasttag („Thaanith-Esther") und der darauf folgende Purimfeiertag eingesetzt. An diesen Tagen ist es Pflicht die Megilla, die in Synagogen und sonstigen Betversammlungen verlesen wird, anzuhören „Die Megilla muß hebräisch, auf einer Pergamentrolle und mit Tinte geschrieben sein." (Traktat Megilla, Abschnitt II, Mischna I.) „Liest man sie auswendig, so genügt das -nicht" (Ibidem.) Der Talmud erklärt: In der Mischna steht wenn man die Megilla auswendig gesagt hat, ist es ungültig, — woher weiß man das? Die Antwort auf diese Frage lautet: Es heißt (Esther 9, 28): „Dieser Tage soll gedacht und sie sollen gehalten werden, u. Exod. 17, 14 heißt es: „Schreibe dies als Andenken in das Buch"; so wie an letzter Stelle, ausdrücklich „in ein Buch" gesagt ist so muß auch die Megilla aus einem Buche gelesen werden. Ferner, daß die Megilla auf einer Rolle und mit Tinte geschrieben werden muß, wird aus der Analogie des Wortes „schreiben" (Esther 9, 29) und dem Vers: „Baruch sprach: Aus seinem Munde sagte er mir vor all' diese Worte, und ich schrieb sie mit Tinte in das Buch" (Jirmija 13,. 18) gefolgert „Am 14. Adar abends nach dem Maariwgebet liest man die Megilla, sagt vorher drei und nachher einen Segensspruch, verläßt den Almemor und geht zum Betpulte hin und spricht das Uwp l'zion-Gebet". Am darauffolgenden Morgen wird die Megilla mit. den Segenssprüchen wiederholt Der Hauptsegensspruch lautet: „Gebenedeit seist Du, Ewiger, unser Gott, der uns durch seine Gebote geheiligt und befohlen hat das Verlesen der Megilla anzuhören." Wie man diesen späteren. Brauch als Gottesgebot betrachten kann, erklärt der Talmud (Megilla, Abschnitt II): „Im