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Die Welt · 1908-06-19 · 24 (19.6.1908) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
24 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Missionare,*). die im 17.—19. Jahrhundert zu Missionszwecken Abessinien. bereisten und über die-fast ganz unbekannte innere Geschichte Abessiniens Mitteilungen machten, aus denen einige Aufklärungen über die hohe staatsrechtliche Rolle, die die Falaschas in Abessinien gespielt, hervorgehen. Von jüdischer Seite hat zuerst der Pariser Orientalist Halevi, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu Forschungszwecken Abessinien bereiste, - in seinem Berichte an die Pariser Alliance Israelite (1868) Beiträge zur Geschichte der Falaschas geliefert. Eingehend und kritisch beschäftigte sich mit diesem Thema der leider allzufrüh im Jugendlichen Alter verstorbene Pariser Gelehrte Louis Marcus,**) dessen Werk zwar unvollendet' geblieben, in dessen zurückgebliebenen Bruchstücken jedoch viel Material zu.dieser Frage gesammelt ist. Die Arbeit von Metz über die Geschichte der Falaschas in der Graetzschen Monatsschrift (1878), der wir viele Angaben verdanken, enthält zwar eine kurze, aber, nicht genug kritisch behandelte Übersicht des. vorliegenden Materials. . Die eingehende und auf präziser wissenschaftlicher Forschung gebaute Geschichte dieses -merkwürdigen Zweiges des jüdischen Volksstammes harrt noch des Forschers. Vielleicht gelingt es dem vor kurzem-sich speziell mit den Falaschas an Ort und Stelle in Abessinien sich beschäftigenden Dr. Faitlowicz mehr Licht und Aufklärung über dieses interessante Gebiet durch eingehendes.. Studium zu bringen. Aus dem bisher zusammengebrachten Material läßt sich nur folgendes feststellen: , r Die abessinischen Juden, Falaschas (Vertriebene) genannt, wohnen schon seit sehr alten Zeiten in diesem Lande. Eine in Abessinien herrschende Sage erzählt: Mekeda, die Königin von Saba, habe dem König Salomo einen Sohn namens Menelik, geboren, diesem, dem späteren König von Abessinien, habe sein Vater, König Salomo, 12000 Juden (1000 von jedem .Stamme) und. eine Anzahl Priester als Geschenk nach Abessinien mitgegeben. Von diesen Juden entstammen die Falaschas. Die jüdische Religion — von Menelik, dem Sohne Salomos — nach -Abessinien gebracht, sei bis zum Jahre 340 d. i. his zur Einführung des Christentums in Abessinien,: Staatsreligion gewesen. Soviel die Sage. Nach Ansicht Halevis seien die nach Zerstörung des hunyaritischen Judenstaates (6. Jahrhundert) vertriebenen Juden nach Abessinien gekommen, und bildeten den Grundstock der Falaschas. Ihre Anzahl soll durch den steten Zuzug orientalischer Juden verstärkt worden sein. Dieser Ansicht steht aber der gewichtige Umstand entgegen, daß die Falaschen manche religiöse Einrichtungen besitzen (z. B. Nasiräer),. die das heutige Judentum gar nicht kennt, daß ferner Mischna und Talmud, und ebenso Chanukah und Purim ihnen ganz fremd sind, was bei jeiher so späten Einwanderung und stetem Zuzug von Juden gänzlich; ausgeschlossen wäre. Viel stichhaltiger und positiver ist die Ansicht des Marcus, die er .an der Hand alter griechischer .Historiker und. des . Josephus beweist, daß die "Falaschas viel früher (4. Jahrhundert *) 1. Nicoläus Godignus : De abassinarum rebus, Lyon 16T5. 2. Ludolf: Historia Aetbiopica, Frankfurt 1681. 3. Bruce: - .. Reise zur Entdeckung der .Quellen des Nil, Leipzig 1791. 4. Rüppell: Reise in Abessinien, Frankfurt 1868. 5. Flad : Kurze Schilderung der abessinischen Juden, 1869. 6. Derselbe: Zwölf Jahre in Abessinien.;; **); Notice sur l'epoque de Tetablissement des Juifs dans 1'Abessinie, Paris 187.9. v. Chn) dorthin gekommen sind und zwar durch Alexander den Großen, der eine Anzahl von Juden nach Abessinien verpflanzt hatte.: Die Unzugänglichkeit dieses. Landes sowie die natürliche. Abgeschlossenheit Siemeus, wo die Falaschen nach Verfall ihrer Herrschaft über Abessinien (.14. Jahrhundert) einen selbständigen. Staat gründeten, haben ihre Trennung von . dem in Palästina zurückgebliebenen und später in alle Weltteile zerstreuten Reste des jüdischen Volkes verschuldet. Wie aus den Chroniken und historischen Urkunden. Abessiniens, die bis heute christlichen, und jüdischen Forschern vorlagen, hervorgeht, soll, nachdem die Herrscher Abessiniens das Christentum angenommen, ein Teil der Bevölkerung sich den Juden und ihrer Religion angeschlossen, in der Provinz Dambea sich angesiedelt, und unter der Führung eines Prinzen der abessinischen Kaiserdynastie Namens Pinchas als Nachkomme König Davids (die abessinischen Kaiserdynastien . betrachten sich bis heute als Nachkommen Davids), der sich zum Judehtume bekannte, ein selbständiges jüdisches Fürstentum begründet haben. Die Juden Abessiniens nannten sich Beth Israel, während die Christen (deren koptische Kirche viele jüdische Merkmale hat) die Bezeichnung Beth-Juda führten. Eine Tochter des herrschenden jüdischen Herrscherpaares Gideon und Judith (die jüdischen Fürstenpaare in Abessinien. trugen sehr oft am Throne die Namen Gideon und Judith) Namens Saar oder Judith, habe etwa im neunten, Jahrhundert unserer Zeitrechnung gegen den christlichen Kaiser von Abessinien Delnaad eine Revolution heraufbeschworen; nachdem sie den Kaiser aus seiner Residenz vertrieben, und die Macht und Herrscherwürde an sich gerissen, habe sie eine jüdische Herrschaft über. ganz Abessinien begründet, die mehr als 300 Jahre dauerte. Die Chroniken nennen 9 Nachkommen Judiths, die als Kaiser von Abessinien weise, zur Zufriedenheit aller Untertanen das Zepter Aethiopiens geführt bis etwa im 13. Jahrhundert von einem Nachkommen des vertriebenen Delnaad die jüdische Dynastie aus der Residenz Abessiniens vertrieben und sie blos auf das Fürstentum Siemen angewiesen wurden. Der von Judith nämlich vertriebene Kaiser Delnaad. sei nach seiner Vertreibung nach Schoa zurückgewichen, die Einwohner zu Christen gemacht und die ganze Provinz seinem Szepter untergeordnet. Von hier aus wurden die jüdischen Kaiser Abessyniens von den Nachfolgern Delnaäds stets befehdet und bekriegt,- bis es endlich einem Nachkommen derselben gelungen ist, die jüdische Dynastie aus der Residenz Abessiniens zu verdrängen und selbe sich nach Siemeu zurückzuziehen gezwungen sah. Siemeu ist eine Provinz in Abessinien,. etwa 20 Meilen lang und ca. 3—4 Meilen breit, von hohen steilen und schluchtenreichen Gebirgen, deren einzelne Spitzen mehr als 10 000 Fuss hoch sind, durchschnitten, deswegen fast uneinnehmbar und gegen feindliche Angriffe geschützt. Auf den Höhen der Berge .erstrecken sich stets .fruchtbare und wasserreiche Plateaus, durch weiche jede. Belagerung unschädlich wird. Einer dieser Berge heißt. noch heute im Volksmunde Juden- •fels, und die Spitze des Berges Ambay Hay wird noch heute Beth-El. genannt. Die natürlichgeschützte Lage dieser. Provinz sowie ihr natürlicher Bodenreichtum sicherten! ihren Bewohnern grosse. Erträge im Feldbau und Viehzucht sowie ein .Ungefährdetes sicheres Dasein. Siemeu war .schon früher ein Sammelpunkt vieler Juden; nach Vertreibung der jüdischen Dynastie aus Assum,

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