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Die Welt · 1908-06-19 · 24 (19.6.1908) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
24 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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der Residenz Abessiniens (im 13. Jahrhundert), begründeten : sie, wie oben erzählt, in Siemeu einen unabhängigen" jüdischen Staat. Die christlichen Kaiser Abessiniens, denen der Bestand des jüdischen Staates in Siemeu ein Dorn im Auge gewesen, suchten immerfort denselben zu - bekriegen und seine Macht zu schmälern. - Wenn auch die jüdischen Herrscher von Siemeu im Laufe der Zeit den Kaisern von Abessinientributpflichtiggeworden, jamrtunter auch auf manche befestigten Plätze verzichten mußten; ihre Unabhängigkeit bewahrten sie doch bis zu dem — gegen Ende des 18. Jahrhunderts — erfolgten Unter- gange ihres Staates. Die Heldenmütigkeit der jüdischen Krieger sowie die Uneinnebmbarkeit ihrer befestigten Positionen bewirkten, daßihre Feinde sienurdurchgemeine Hinterlist schwächen konnten, indem sie unter verschiedenenschlauen Vorspiegelungen die jüdischen Krieger aus ihren Festungen hervorlockten und die nichts Böses Ahnenden meuchlings niedermachten^ Die treuen Dienste der jüdischen Bundesgenossen wurden dann von den abessinischen Verbündeten mit schnödem Undank und - Treulosigkeit bezahlt. So erzählen die Chroniken, daß in den Jahren 1412—1429 unter dem abessinischen Kaiser Isaac die Juden viele Kämpfe mit den Abessiniern auszustehen hatten, deren Macht durch Verrat bedeutend geschwächt wurde, bis sie schließlich mit ihren Feinden Frieden und ein gegenseitiges Schutz- und Trutzbündnis geschlossen hatten. Die Juden bewährten sich als treue und gewissenhafte Verbündete. Als nach einem Kriege zwischen den Abessiniern, — die von den Portugiesen unterstützt wurden — und dem mohammedanischen Könige Granje von Odelt, die ersteren den kürzeren zogen, einige Festungen den Mohammedanern überlassen mußten, und der jugendliche Kaiser Claudius neuerlich den Kampf — im Jahre 1452 — aufnahm, unterstützte ihn das verbündete jüdische Siemeu aufs kräftigste, und half ihm die verlorenen Positionen wieder zurückzuerobern. Zum Danke für diese opferreichen Leistungen überzog der Nachfolger Claudius, der Kaiser Nenas, Siemeu und drohte mit Vernichtung desselben, mußte aber den Rückzug wieder antreten, da die Juden unter den Abessiniern viele Freunde hatten, und überdies in Abessinien selbst große Unzufriedenheit ob der Überhandnähme des Einflusses der portugiesischen Missionare, die den Katholizismus am Hofe wie unter der Bevölkerung einzuführen suchten, herrschte. Die Bevölkerung Abessiniens, die sich zur christlich-koptischen Kirche bekannte, drohte angesichts dessen, daß sich der Hof. dem Katholizismus näherte, mit Revolution, falls der Katholizismus als Staatsreligion eingeführt werden sollte. Die portugiesischen Missionare, die nach Vertreibung der Juden aus der iberischen Halbinsel niemand mehr in ihrer Heimat zu verbrennen hatten, überfluteten im 16. Jahrhundert Abessinien und hetzten Herrscher und Volk gegen die Juden Abessiniens sowie gegen das jüdische Siemeu, welches dadurch nicht wenig zu leiden hatte. Nach verschiedenen wechselreichen Kämpfen, die Siemeu mit den Kaisern Abessiniens auszufechten hatte, entstand in der Person des Kaisers Susneos (1607—1632) der größte und erbitterste Feind des jüdischen Staates Siemeu, den zu vernichten Susneos sich zur heiligen Lebensaufgabe gemacht hatte. Kaiser Susneos (in dessen Adern von Seiten seiner Großmutter jüdisches Blut floß) bekehrte sich zum Katholizismus und war dessen eifrigster Verfechter. Von Jesuiten umgeben, und unter, deren. Einfluß, stehend, strebte er mit allen Kräften den Katholizismus in Abessyrrien als; Staatsreligion einzuführen sowie den Judenstaat Siemeu vollständig zu vernichten. •. Erüberzog mit einem" gewaltigen Heere Siemeu, dessen König Gideon ihm kräftigen Widerstand entgegensetzte. Als. aber; die jüdische Festung Messirahe gefallen, und deren ganze Besatzung niedergemacht wurde, war Gideons Macht gebrochen. Doch wäre es Susneos niemals gelungen, Gideon vollständig zu besiegen,' wenn nicht durch treulosen Verrat* durch den Susneos nach einem Waffenstillstände den ahnungslosen Gideon, plötzlich . überfiel. In einem heldenhaften Kampfe fiel Gideon (1630) und mit ihm eine große Anzahl seiner Getreuen, nachdem . er seine Schätze — die nie gefunden wurden — an einem unbekannten Orte verborgen. Unter Leitung der Jesuiten wurde nun eine große Verfolgung und Zwangsbekehrung der Jude inauguriert, die unter anderem auch gezwungen würden, am Sabbat Felddienste zu verrichten. Nicht wenig hatte aber auch unter diesen Zwangsbekehrungen die einheimische christlich-koptische Bevölkerung zu leiden. Eine allgemeine Revolution im ganzen Lande war die Folge dieser fluchbeladenen jesuitischen Wühlereien. Das Volk schüttelte gewaltsam den Katholizismus von sich ab, und vertrieb die Jesuiten. Susneos brach das Herz, als er den Sturz des Katholizismus in seinem Lande und die Organisation -der Juden behufs Restaurierung ihres Staates Siemeu mitansehen mußte. Sein Nachfolger Fasilidas schaffte den Katholizismus völlig ab und setzte einen jüdischen Prinzen wieder als Herrscher in Siemeu ein. Siemeu war wieder1 ein . selbständiger jüdischer Staat, mußte aber von nun ab an'Abessinien jährlich einen Tribut^ bestehend aus Silber, Vieh, Kleider und Eisen leisten. Die Herrscher von Siemeu scheinen nun in HFrieden mit den Kaisern von Abessinien gelebt zu haben, und sollen sich auch einer nicht unbedeutenden Macht erfreut haben. Wie Bruce erzählt, soll während seiner Anwesenheit in Abessinien im Jahre 1770 König Gideon über 50000 bewaffnete Krieger verfügt haben. Dieser Gideon scheint auch der letzte jüdische Herrscher von Siemeu gewesen zu sein. Um das Jahr 1780 wütete eine schreckliche Anarchie und Rebellion in Abessinien, die das ganze Land heimsuchte, die bestehende Ordnung vernichtete und eine ganze Umwälzung der Verhältnisse hervorrief. Während dieser Unruhen scheint Siemeu seine Selbständigkeit eingebüßt zu haben. Die Falaschas leben bis heute im ganzen Lande als. arme Handwerker, Arbeiter und kleine Kaufleute zerstreut. Sie haben weniger von der einheimischen Bevölkerung als von den vielen , (evangelischen) Missionaren zu leiden, die teils durch lügenhafte Vorspiegelung— z.B., daß sämtliche europäischen Juden bereits Christen geworden, — teils durch zwangsweise Bekehrung, derselben, sieder christlichen Heilslehre zuführen. Mehrere tausend Falaschas sind bereits dem Judentum verloren gegangen^ Frülr hat ein grausames Schicksal diese unsere Brüder ihrem Vaterlande entrissen. ... Wenn sie auch während ihres Gotus bessere Tage als. wir gesehen, sie hatten. während mehrerer Jahrhunderte, als freies unabhängiges Volk öhne Fremd- Jierrschaft Autodafe im gelben Fleck gelebt, wenn auch seit mehr als" 2000 Jahren, kerne Beziehungen uns miteinander verbunden, unsere Ideale , wären und sind bis heute auch die ihrigen.;- '-wie.* wt,hielten

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