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Die Welt · 1908-06-19 · 24 (19.6.1908) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
24 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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eine positive Kunde von ihrem Sein und ihrem Aufenthalte zu ihm. Das Andenken aber an die verlorengegangenen zehn Stämme, — als ein Teil des jüdischen Volkes, — verschwand nie unter den Juden, und immer hofften sie auf ihre Wiederkehr. Kaum war der Tempel zerstört, die stolzen und mutigen Söhne Judas durch grausame Römerhand in die Sklaverei geschleppt, und die Selbständigkeit des jüdischen Staates verschwunden, wollte man doch nicht glauben, daß der ganze jüdische Stamm seine staatliche Unabhängigkeit eingebüßt und in Verbannung ein elendes Dasein fristen muß. Von neuem wurde nun die Erinnerung, an die verlorengegangenen Brüder des israelitischen Zehnstämmenreiches aufgefrischt und kühn die Hoffnung gehegt, daß diese Brüder unmöglich unter Fremden aufgegangen sein können, — eine solch kompakte Masse könne national unmöglich ganz verschwinden, — daß sie vielmehr in einer der unbekannten assyrischen. Provinzen, wohin sie deportiert wurden, nach Verfall der assyrischen Macht, das fremde Joch von sich abgeschüttelt, sich zu einem selbständigen und unabhängigen Volke gemacht und die Verbindung mit den übrigen Teilen des jüdischen Volkes durch den Messias sehnsüchtig erwartet. Bis dahin seien sie durch natürliche Hindernisse, — wie z. B. den Sombationfluß, der die ganze Wache, mit Ausnahme der Sabbatsteine, um sich wirft und kein Überschreiten gestattet, — von einer Vereinigung mit uns abgeschnitten. Die Phantasie des jüdischen Volkes bemächtigte sich dieser von Mund zu Mund gehenden Tradition und wob einenganzenSagenkreisumsie, dersich wie. ein roter Faden durch Talmud Midrasch und die ganze jüdische Literatur bis zum heutigen Tage zieht Die scheinbar ursprünglich als Sage entstandene Erzählung vom fernen unnahbaren Judenstaate jenseits des Sombationflusses wurde fast zur glaubwürdigen Tradition, und wirkte ermunternd und belebend auf die durch den Golus gepeinigte und zur Verzweiflung getriebene jüdische Volksseele. Wenn viele sich zwar skeptisch dieser Erzählung gegenüber verhielten, so hielt doch die große Masse am Glauben fest, daß. „das Zepter von Juda nicht gewichen", und daß" ein freies jüdisches Königreich noch immer, —' wenn uns auch dessen nähere Bezeichnung unbekannt ist, — existiert und blüht. Kein Geringerer als Chasdai Jbn Schaprut wähnte , in dem, neu entstandenen jüdischen Chasarenreiche jenes verschollene Reich der zehn Stämme zu sehen, und in seinem berühmten Schreiben an den Chasarenherrscher erklärt er sich bereit, seine hohe staatliche' Stellung, Würden und Reichtum zu verlassen, und sich in Staub vor den jüdischen König zu werfen, nachdem er seinen Traum erfüllt gesehen, einen Flecken unter der Sonne gefunden zu haben, wo Juden ein eigenes Heim und nicht unter der Botmäßigkeit eines fremden Zepters stehen. Allein, wenn auch im Chasarenreiche das Ideal eines freien jüdischen Heimes nicht verwirklicht wurde, da mit Ausnahme einer nicht bedeutenden jüdischen Bevölkerung bloß die von frunischhunischer Abstammung kommende königliche Familie und die höheren Stände sich zum Judentume bekannten, so hat es doch in anderen Gegenden : unabhängige jüdische Staaten gegeben, deren Bevölkerungskern von jüdischem Geblüt stammte, diedurch ihren Kampfesmut und kriegerisches Wesen ihren Nachbaren viel zu schaffen machten, und von denen ein Staat in Siemeu (Abessinien) bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts bestanden haben soll. Der Druck und die stete Verfolgung des jüdischen Volkes, die ihm nicht erlaubten, nach den in fremden Gegenden lebenden Brüdern zu forschen einerseits, sowie die Abgeschlossenheit und Unzugänglichkeit von Südarabien sowie der längs der Küste des roten Meeres sich hinziehenden Provinzen Äthiopiens anderseits, versperrten jede Kunde von den in diesen Gegenden des Orients auftauchenden und oft ziemlich lange dauernden jüdischen Gemeinschaften, die als selbständige jüdische Staaten, von jüdischen Herrschern regiert, ihre Unabhängigkeit behaupteten. Der jüdische Instinkt ahnte von einer Existenz eines selbständigen jüdischen (Zehnstämmen)-Reiches, dessen Spuren ihm unbekannt geblieben. Positives jedoch konnte darüber niemand angeben. Es.war dies bloß eine Tradition, der reale Anhaltspunkte fehlten. Als der abenteuerliche Eldad Hadäni (8. Jahrhundert) und Benjamin aus Tudelä (12. Jahrhundert) von unabhängigen jüdischen Staaten, die stolz und kriegerisch ihren Nachbarn Achtung gebieten, berichteten, da schenkte ihren Schilderungen niemand den geringsten Glauben, da ihre Reiseberichte, neben der Wahrheit — vom Bestände freier jüdischer Staaten .— eine große Dosis phantastischer Beimischung enthielten.;, weswegen auch z. B. Eldad allenthalben als Scharlatan und HBetrüger gebrandmarkt wurde, und seinen Erzählungen der Charakter lügnerischerProselytenmacherei (zugunsten des Karäertums) unterschoben wurde. Und doch entbehrten die Berichte Eldads und Benjamins neben ihren phantastischen Ausschmückungen nicht des realen Hintergrundes. Man ahnte im Mittelalter nicht, daß — wie die Forschung als sieh er festgestellt hat, — im 6. und 7. Jahrhundert -=r in Südarabien resp.- Gemen mächtige jüdische Staaten von' kraftvollen jüdischen Königen regiert wurden. Daß unter dem Schutze dieser Könige neben-der jüdischen Bevölkerung auch andere — damals noch heidnische — und christliche Bürger mit voller Gleichberechtigung ausgestattet, ein glückliches Leben nebeneinander geführt, gereicht der hohen jüdischen Gesittung und traditionellen Toleranz nur zur Ehre. Der Neid und Haß der christlichen Herrscher und speziell der Kaiser von Byzanz, die den Bestand eines jüdischen Staates nicht verschmerzen konnten, machten diesem jüdisch-hunyaritischen Reiche ein Ende. Während wir heute über den Bestand der jüdischen Staaten in Südarabien, dank der wissenschaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts genaue Kenntnis haben, fehlen uns bis heute genaue Forschungen über die Herrschaft der Juden in Äthiopien resp. nach ihrer Verdrängung aus demselben, über ihren bis — zirka zum Jahre 1800 — unabhängig regierten Staat in der abessinischen Provinz Siemeu. Das Studium der Geschichte der Falaschas — abessinischen Juden — war auch zum Teil durch die Abgeschlossenheit ihres Landes, teils dadurch, daß sie den Talmud überhaupt nicht kannten, und deswegen in neuerer Zeit von den übrigen orientalischen. Juden fälschlich , als Karäer angesehen, und deswegen von ihnen nichts wissen wollten, schwierig. Dem Umstände ist es zuzuschreiben, ' daß wir leider bis heute fast gar keine jüdischen Berichte über den mächtigen Judenstaat in Abessinien besitzen, dessen wirklicher Bestand nach dem heutigen Stand der Forschung als sicher angesehen werden kann. Wir verdanken unsere Kenntnisse über diesen interessanten Staat in erster Linie den Berichten verschiedener

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