Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 24 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316321--50741-3378039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
jüdische Proletariat wird eine revolutionäre Rolle in der Verwirklichung des Zionismus zu spielen haben. Die Verhältnisse in Palästina werden sich so entwickeln, daß die Übernahme dieser Rolle durch das jüdische Proletariat unvermeidlich sein wird. Gleich Kaplansky legt Redner besonderes Gewicht auf die Frage der jüdischen landwirtschaftlichen Arbeiter, denn mit der Industrialisierung Palästinas wird das Land noch nicht jüdisch sein. Er wendet sich aber scharf gegen eine künstliche Kolonisation und will beweisen, daß eine Genossenschaft, wie sie Oppenheimer und mit ihm Kaplansky vorgeschlagen haben, in der Landwirtschaft unmöglich günstige Resultate erzielen kann. Auch das Projekt der Gründung einer Gesellschaft, welche schon jetzt an die Realisierung der ersten genossenschaftlichen Kolonie herantreten soll, bekämpft der Redner. Genau bespricht er die Verhältnisse in Palästina, Okin (Brody) beschäftigt sich zunächst mit den Verhältnissen in Palästina, welche er als schlechte bezeichnet Es fehlt an idealistisch begeisterten und zur Arbeit fähigen Proletariern, welche die jüdische Arbeit ins Land verpflanzen sollen. Aufgabe der poale-zionistischen Organisation soll es sein, die Emigration zu regulieren und eine eigene Vertretung in Palästina zu erhalten. Redner legt auf das kulturelle Moment der palästinensischen Arbeit ein besonderes Gewicht Darauf wird ein Palästinaausschuß gewählt welcher die Resolutionen Kaplanskys zu überprüfen hätte. Die Debatte wird fortgesetzt. Sokol wendet sich gegen die poale-zionistischen Theoretiker, welche die Behauptung aufstellen, daß die Emigration nach Palästina schon heute elementar vor sich gehe. Es handelt sich noch nicht um einen elementaren Prozeß, aber die Möglichkeit für ihn ist schon vorhanden. Die Gründung einer Siedlungsgenossenschaft ist für uns notwendig. Lipschütz verlangt, daß die Poale-Zion zusammen mit der ganzen zionistischen Organisation in Palästina arbeiten sollen. Er kritisiert die Stellung der Sozialisten-Territorialisten. Locker meint daß die Siedelungsgenossenschaft nur ein Experiment sei. Die poale-zionistische Organisation habe keinen Grund, sich mit dieser Frage zu befassen. Die großen jüdischen Gesellschaften sollten diese Genossenschaft gründen. Herz Sal. bezeichnet die Resolutionen des Referenten bezüglich der Genossenschaft als unpraktisch und warnt vor ihrer Annahme. Er glaubt nicht daran, daß wir in kurzer Zeit' einen Stand von jüdischen Landwirtschaftsarbeitern heranziehen können werden. Das ideale Moment habe in der bisherigen Emigration die wichtigste Rolle gespielt, und daher können wir auch nicht auf das weitere der „elementaren" Entwicklung freien Lauf lassen. Seiler spricht sich für die Siedelungsgenossenschaft aus. Die Palästinadebatte wird darauf geschlossen. Im Namen des Budget-Ausschusses konstatiert Rosenfeld, daß das Defizit der Organisation nur 976 Kronen beträgt und beantragt die Erteilung des Absolutoriums an die Exekutive für die Kassaführung. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Nachmittagssitzung. Im Auftrage des Palästinaausschusses empfiehlt Kaplansky dem Parteitag seine etwas abgeänderten Resolutionen zur Annahme. Er widerlegtzunächstin längeren Ausführungen die Behauptung Kasriels über die genossenschaftliche Kolonisation und beweistihren praktischen und sozialen Wert. Einer ausführlichen Kritik unterwirft er die Form der Gründung der P. L. D. C. (Land-Entwicklungs-Gesellschaft). Ober die Gründung von neuen zionistischen Institutionen, welche eine so wichtige Bedeutung für unsere ganze Arbeit haben, kann und soll nur der Kongreß entscheiden. Die Bedenken gegen die Genossenschaft habe er schon wissenschaftlich zu widerlegen versucht; er macht aber darauf aufmerksam, daß die österreichischen Poale-Zion schon seit drei Jahren die Forderung der Gründung einer Siedlungsgenossenschaft gestellt haben, und es zieme sich nicht jetzt wo der Kongreß sogar schon eine diesbezügliche Resolution angenommen hat, von dieser Forderung zurückzutreten. HerzI hat übrigens schon auf dem V. Kongresse die genossenschaftliche Kolonisation offiziell als Programm des Zionismus erklärt und das A.-C. hat die Pflicht den Beschluß des ganzen Kongresses durchzuführen. Bei der Abstimmung wurden die vorgelegten Resolutionen Kaplanskys einstimmig angenommen. Danach hielt Rosenfeld (Drohobycz) ein Referat über „Unser Gemeindeprogramm". Die sozialistischen Parteien haben bis nun nur ein sehr schwach ausgearbeitetes Gemeindeprogramm, weil sie in ihrer Politik nur den Staat als mächtigsten Faktor alles sozialen Lebens berücksichtigen. Und wenn wir heute in der ganzen sozialistischen Bewegung die Tätsache konstatieren, daß auch dort das Verständnis für die autonome Verwaltung in den Gemeinden sich durchgerungen hat, so ist es insbesondere Pflicht einer jüdischen proletarischen Partei, ihr Verhältnis zu der existierenden jüdischen. Gemeinde klarzulegen, weil sie'.-die einzige autonome und gesetzlich anerkannte jüdische Verwaltungskörperschaft ist. Der Redner schildert sodann die Entstehung und Geschichte der Kultusgemeinden, befaßt sich näher mit den Judenverordnungen Maria Theresias und Josefs IL in Österreich und bespricht zuletzt das letzte Gesetz vom Jahre 1890, welches die Rechtsverhältnisse der israelitischen Kultusgemeinden endgültig, ordnen sollte. Leider. haben die Juden selbst bei der Schaffung, dieses Gesetzes kein Verständnis für ihre Interessen gehabt und wollten nicht einmal so viel Autonomie, als ihnen die damalige Regierung zu schenken geneigt war. Das Cliquewesen, welches sich in den Kultusgemeinden eingenistet hat, führte ihren Verfall herbei. Redner kritisiert sodann das jetzige Wahlrecht zu den Kultusgemeinden, die . jArt der Steuerverteilung, das Armenwesen u. dergL und fordert eine durchdringende Reformierung der jüdischen Kultusgemeinden auf breiter nationaler und sozialer Basis. Die bisher bestehenden „israelitischen Kultusgemeinden" sind weit davon entfernt repräsentative, autonome jüdische Gemeinden zu sein. Ihr loses nur scheinbar antonomes Dasein degradiert sie zu gewöhnlichen, jeder Autorität beraubten Gesellschaften, in denen sich mangels einer Aufsichtsbehörde nur das jüdische Kultuscliquewesen ausgestaltet und der oligarchischplutokratische Charakter der Verwaltung verstärkt hat Der Mißwirtschaft dieser Gemeinden ist größtenteils jener Rückstand der jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen, die physische und wirtschaftliche Schwäche des jüdischen Volkes zur Last zu legen. Die jüdischen Gemeinden müssen aüs sich heraus eine Revision der Gemeindeordnung anstreben, im Sinne einer größeren Ausgestaltung und größeren Selbständigkeit gegenüber den Staatsbehörden. Demgemäß fordert die jüd.-sozial. Arbeiterpartei „Poale-Zion": I.. Allgemeines, direktes, geheimes Wahlrecht für sämtliche Gemeindevertretungen, unter Ausschluß der geringsten Sonderrechte; Beseitigung des Bestätigungs- und Vetorechtes der administrativen Behörden. IL Die Deckung des Gemeindehaushaltes soll durch direkte progressive Einkommen- und Erbschaftssteuer erfolgen. III. Das Armenwesen soll nach den neuesten Verwaltungsprinzipien, geregelt werden. IV. Die Gemeindeeinkünfte sollen in gemeinnütziger Weise verwendet werden 1. zur Förderung der Volksbildung: a) durch Errichtung von Volksschulen mit unentgeltlichem Unterricht (mit hebräischer und jüdischer Sprache als obb'gaten Lehrgegenständen), b) durch Anlage von Bibliotheken u. dergl., c) durch Gründung und Förderung jüdischer Theater. Literatur, Presse; 2. zur Förderung der Volksgesundheit durch Wohnungskontrolle, Anstellung von Gemeindeärzten, Ferienkolonien u. dergL Auf dem Gebiete der Sozialpolitik: a) durch Versicherung der Gemeindeangestellten und Lehrer, b) durch Errichtung von Fach- und Gewerbeschulen, c) unentgeltliche Stellenvermittlung, d) durch Förderung von jüdischen gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Organisationen, e) Errichtung von Emigrationsämtern in größern Gemeinden. Die so aufgebaute jüdische Gemeinde dient als Grundlage des gesunden nationalen Aufbaues des jüdischen Volkskörpers in Österreich, kann jedoch unmöglich allein ihre Aufgaben erfüllen. Ein Zusammenschluß sämtlicher Gemeinden soll nach dem Prinzip der Koordination herbeigeführt werden, um praktisch die jüdisch-nationale Autonomie zu verwirklichen. Dies kann unter folgenden Voraussetzungen geschehen: Die bestehenden losen Gemeinden werden, unbeschadet ihrer freien Entfaltung, auf Grund eines Reichsgesetzes in einen jüdischen Provinzbezw. Reichsverband, dessen öffentlich-rechtlicher Charakter anerkannt wird, vereinigt mit einem Provinzbezw. Reichsausschuß und Nationalkammer an der Spitze. In die Kompetenz dieser öffentlich-rechtlichen Körperschaften fällt die autonome Regelung bezw. Durchführung der gesamten kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Angelegenheiten, fernerhin solche Aufgaben, zu deren Ausführung die Kräfte einzelner Gemeinden nicht ausreichen, die Regelung der Emigration und Einführung von Wanderarbeitsstätten. Der Provinzbezw. Reichsausschuß, der aus der Wahl der Nationalkammer hervorgeht sind Repräsentanten der jüdischen Nation in Österreich, die sie vor den Obergriffen von außen zu schützen haben und die die staatliche Intervention ausschließen. Der Redner meint daß seine Vorschläge in erster Reihe die jetzigen Verhältnisse und praktischen > Bedürfnisse der jüdischen Nation berücksichtigen, und hofft daß auf Grundlage seines Programms auch andere jüdische Parteien den Kampf um die Gemeinden unternehmen werden. Die Eroberung der Kultusgemeinden ist aber für uns die Eroberung des ganzen jüdischen Volkes. (Lebhafter Beifall.) In der Debatte über das Referat.Rosenfeld ergriffen mehrere Redner das Wort Insbesondere rief die „Sprachenfrage" in dem jüdischen Schulwesen eine lebhafte Diskussion hervor. Es sprächen: Herz Sah, Kasriel, Steinmetz, Locker, Hofmann, Rapäport und Kenner. Mehrere Redner forderten die jüdische Unterrichts-