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Die Welt · 1908-06-12 · 23 (12.6.1908) · page 20

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 20)
Language
German
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22 DIE3§ der weiteren Verhandlungen stellt es sich heraus, daß niemand die angeblich geschleuderten Bomben, die von den Ortsbehörden als Anlaß des Pogroms hinausposaunt worden waren, gesehen hat. Desgleichen wird die Behauptung, daß dem Pogrom" eine große Erbitterung der christlichen Bevölkerung gegen die Juden vorausgegangen sei, völlig widerlegt. Der Prozeß nimmt bereits ein nervöses Tempo an. Viele Zeugen der lokalen Gesellschaft, die unbequem werden können, werden unter den nichtigsten Vorwänden ausgeschaltet. Nach dem Muster der früheren berüchtigten Pogromprozesse finden deswegen Zusammenstöße zwischen dem Verteidigerstab und dem Vorsitzenden statt, der alle Versuche einer gründlicheren Erforschung der allgemeinen Pogrombedirigungen von vorneherein unterdrückt. Trotzdem stellen sich schon verschiedene Lügen in der Untersuchungsakte heraus. Die angebliche Behauptung, daß die Metzelei am Bahnhof durch die jüdische Selbstwehr veranlaßt sei, erweist sich als völlig erfunden, da diese laut den Aussagen von zehn Zeugen überhaupt erst nach dem Pogrom am Bahnhof erschienen ist. Die Juden in Chile Interessante Angaben über die Juden in Chile finden sich im „Yiddischer Emigrant". Darnach wohnen in ganz Chile überhaupt zurzeit 500 jüdische Familien, und zwar 300 hiervon in der Hauptstadt Santiago. Die Juden von Santiago werden in drei Gruppen geteilt, und zwar 1. französische, englische und deutsche und 2. polnische und russische Juden. Die meisten der Ersterwähnten sind Kaufleute und leben in guten Verhältnissen. Sämtliche Juwelengeschäfte der Stadt befinden sich in den Händen von französischen und englischen Jaden. Die deutschen Juden sind größtenteils Fabrikanten und besitzen auch die Mehrzahl der Hotels der Stadt. Die meisten dieser Juden tragen übrigens ihr Judentum nur sehr wenig zur Schau, weil sie fürchten, im anderen Falle materielle Einbußen zu erleiden. Die russischen und polnischen Juden beschäftigen sich größtenteils mit der Herstellung von Zigarren und der Verarbeitung von Tabak. Einige wenige von ihnen sind sehr wohlhabend, einige betreiben auch ein kleines Geschäft. Infolge der Bemühungen eines Herrn Rabbinowitz haben sie sich untereinander organisiert, haben ein Minjan und eine Sefer Thora, aber keinen Kantor. Vor drei Jahren bildeten sie eine Art Wohltätigkeitsverein, indessen machte nur einer von den Einrichtungen des Vereins Gebrauch. Damals wurde auch beschlossen, eine Synagoge zu bauen und einen Rabbiner anzustellen; indessen ist dieser Beschluß nicht zur Ausführung gelangt, und wird auch wohl kaum je verwirklicht werden. Die Regierung ist viel zu klerikal-katholisch, um Juden den Bau eines eigenen Gotteshauses zu gestatten. In Chile ist Kirche und Staat eng miteinander verbunden. Die Vereinigung nennt sich daher auch Cosmopolitan Beneficiant Club, da sie, wenn sie einen jüdischen Namen wählte, leicht aufgelöst werden könnte. Vor einigen Wochen kamen zehn jüdische Emigrantenfamilien aus Warschau in Valparaiso an, wo alle Männer Beschäftigung fanden. Außer den obengenannten Gruppen gibt es noch eine dritte, die hauptsächlich aus frisch zugewanderten Juden besteht, die meistens aus Argentinien gekommen sind und in der San Diegostraße, der schmutzigsten und elendesten der Stadt, wohnen. Diese Juden werden von ihren glücklicheren Glaubensgenossen leider nicht sehr gut behandelt In der Stadt Valparaiso leben jetzt sechzig jüdische Familien, hauptsächlich Kaufleute. Das Erdbeben, das vor mehreren Jahren diese Stadt betraf, beraubte sechs jüdische Familien ihrer Existenz. In Punto Arenas wohnen 30, Concepcion 15, Tunica 10, Ante Panasto 15, Andes 10 und Tranien 5 Judenfamilien. Im ganzen Landegibt es weder einen Rabbiner noch einen Schochet, und die jüdischen Kinder besuchen die katholische Schule. Bulgarien Unter dem Zeichen des wiedererwachenden jüdischen Nationalbewußtseins hierzulande verdienen die jüdischen Turnvereine an erster Stelle genannt zu werden. Der größte dieser Vereine, die sich heute alle „Makkabäer" nennen, ist wohl der in Varna, der dreimal wöchentlich turnt. Gelegentlich des bulgarischen Osterfestes veranstaltete er in einem der größten Säle der Stadt ein öffentliches Schauturnen, das sehr gut besucht war. Sehr viele Nichtjuden waren anwesend, Vertreter der besten Gesellschaftskreise der Stadt. Viele der anwesenden Nichtjuden spendeten dem Verein größere Zuweisungen. Ein Doktor der Rechte, ebenfalls Nichtjude, hielt eine Ansprache, in der er der zionistischen Bewegung seine Sympathie aussprach und dem Vertrauen Ausdruck gab, daß sie ihr Ziel bald erreichen möge. Ein Bibelfund Im Journal des Debats erzählt Gaston Migeon von vier jüngst in Kairo entdeckten Bibelhandschriften, die den Codex Vaticanus £E EJF ' No. 23, des 4. und den Alexandrinus des 5. Jahrhunderts an Wichtigkeit noch übertreffen sollen. Im Januar 1907 bummelte er mit dem Großindustriellen Charles Freer aus Detroit in Michigan über den Basar der ägyptischen Hauptstadt. In dem Laden eines Händlers, der sein Hauptgeschäft in Gizeh in. Oberägypten hat, entdeckte Freer unter allerlei Gerümpel vier Pergamenthandschriften, die ihm wegen der guterhaltenen prachtvollen Einbände und wegen der Zierlichkeit der wie neu aus den Pergamentblättern herausleuchtenden Abbildungen in die Augen stachen. Er erwarb den Fund und wüßte ihn geschickt aus dem Lande zu bringen. Die Untersuchung durch amerikanische Gelehrte ergab, daß die vier Handschriften einen Teil des Alten und fast das ganze Neue Testament enthalten. Der Philologe Henry A. Sanders weist sie dem vierten bis sechsten Jahrhundert zu. Eine Handschrift enthält das Deuieronomium und Josua, eine andere die Psalmen, die dritte die vier Evangelien, die vierte die Apostelgeschichte und die Briefe. Die älteste der vier Handschriften ist die der Psalmen, sie ist anscheinend auch vollständiger als der eingangs genannte Vaticanus. Die Ähnlichkeit mit dem gleichfalls schon genannten Alexandrinus des Britischen Museums ist nach Migeon unverkennbar. Beide Bibelwerke umfassen vier Bände, das Pergament ist -das gleiche, die in Unzialen geschriebenen. Worte folgen ungetrennt aufeinander bis zum Ende des jedesmaligen Abschnitts. Freers Handschriften sind aber etwas größer als die des Britischen Museums. Ihr Hauptwerk besteht aber darin, daß sie die Lücken in den Pergamentblättern des englischen Bibelschatzes ergänzen. Die Freerschen Handschriften dürften demnach besonders für die Textkritik wertvoll sein. Mehr wird sich erst sagen lassen, wenn Veröffentlichungen von Fachleuten vorliegen. Worauf sich die Angabe gründet, daß der Fund aus den Trümmern von Akmin in Oberägypten stamme, läßt sich aus Migeons Andeutungen nicht erkennen. Wahlresultate: „Bar-Kochba", Buczacz, Chargenwahl für das Sommersemester: stud. iur. Schoje Hecht X Eljasz Macht XX Nehemiasz Dratler XXX „März", Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Herausgeber: Ludwig Thoma, Hermann Hesse, Albert Langen, Kurt Aram. Erstes Juniheft 1908. Preis M. 1.20, im Abonnement: das Quartal (6 Hefte) M. 6.—. Verlag von Albert Langen in München. Die Frage, ob die drei linksliberalen Parteien die parlamentarische Fraktionsgemeinschaft zu einer festen Parteigemeinschaft umbilden sollen, erörtert Conrad Haußmann in seinem Artikel „Parteiverschmelzung?" im ersten Juniheft des „März" und kommt zu dem Ergebnis, daß die Voraussetzung einer Verschmelzung eine grundsätzliche Beratung über die Grundlinien der Parteipolitik sein müßte. Zu der wichtigsten innerpolitischen Frage, der Reichsfinanzreform; nimmt der Reichstagsabgeordnete Dr. Heinz Potthoff in seinem Artikel „Finanzreform und Blockfreisinn" Stellung. Von allgemeinem Interesse wird der Aufsatz „Vom Selbst der Pflanzen" von R. H. France, dem bekannten Vorkämpfer für „die Pflanzenseele" sein, indem er an einer Reihe sehr interessanter Beispiele den Beweis bringt, daß die Pflanze nicht seelenlos wäre. Graf de Pourvourville, der von der französischen Regierung zur Erforschung der Opiumfrage nach China geschickt wurde, bringt uns in seinem interessanten Artikel „China und das Opium" den Nachweis, daß die in Europa allgemein herrschende Anschauung von der schädlichen Wirkung des Oprumrauchens für die gelbe Rasse keineswegs zutreffe. Ferner bringt das Heft die Fortsetzung der Erzählung „Karl Ulffsson und seine Mutter" von August Strindberg, eine Novellette von Thomas Mann „Anekdote", einen kritischen Essay von Fritz Wittels über „Jung- Wien" und einen geistvoll geschriebenen Beitrag „Der Komfort der Zeit" von Professor Georg Landsberg. Ludwig Thoma und R. Geheeb, Die 411 besten Witze aus dem Simplicissimus. Umschlagzeichnung von Th.Th. Heine. Preis geheftet 2 Mark, in Leinen gebunden 3 Mark. Verlag von Albert Langen in München. Dieses Buch wird überall die größte Heiterkeit entfesseln, enthält es doch die 411 besten Witze aus zwölf Jahren des berühmten Münchener Witzblattes. Die Auswahl ist von den Herausgebern mit der größten Strenge und Sorgfalt getroffen worden; und wer den Simplicissimus kennt, wird sich denken können, daß bei der Beschränkung in der Zahl, die sie sich auferlegt haben, kein einziger Witz in dem Buche steht, der nicht wirklich gut wäre. —Der Simplicissimus ist ja dafür bekannt, wie bahnbrechend er gerade auch durch die feine und natürliche Fassung seiner Bildertexte gewirkt hat. So wird man auch in literarischer Beziehung seine Freude an diesem lustigen Buche haben, das sicher die beste Witzsammlung ist, die es gibt

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