Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 23 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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von besonderer Bedeutung werden. Ober viele wichtige, strittige Fragen der Turritechnik wurde eine Einigung erzielt, manche schätzbare Anregung wurde zur Kenntnis genommen. Am Dienstag unternahmen die Teilnehmer der Vorturnerstunde eine Turnfahrt ins Siebengebirge. Einen würdigen Abschluß fand die Tagung durch das vom Jüdischen Turnverein zu Köln aus Anlaß der Veranstaltung gegebene Fest, zu dem sich Dienstag abend mehrere hundert Freunde des Vereins und der jüdischen Turnsache im Saale der Rheinlandloge eingefunden hatten. Der Vorsitzende des festgebenden. Vereins, Herr Julius Berger, wies in seiner Ansprache mit besonderer Genugtuung darauf hin, daß der Vorstand und das Repräsentantenkollegium der Kölner jüdischen Großgemeinde seine offiziellen Vertreter zu diesem Festakt entsandt hatte. Er entnehme daraus mit Freude, daß die Mißverständnisse nunmehr beseitigt seien, die noch vor wenigen Jahren maßgebende Teile der deutschen Judenheit veranlaßt hätten, der jüdischen Turnsache gegenüber eine reservierte oder gar gegnerische Haltung einzunehmen. Die Tendenz, die sich die jüdischen Turnvereine zum Ziele gesetzt hätten, ihre Mitglieder zu vollbewußten Juden und Menschen heranzuziehen, habe sich allmählich die weiteren Kreise der deutschen Judenheit erobert und er freue sich, konstatieren zu können, daß die Kölner jüdische Gemeinde auch in dieser Hinsicht wieder als eine der ersten die Forderung des Tages verstanden und ihr ihren Tribut gezollt habe. Sehr bemerkenswert waren die Ausführungen des Herrn Dr. Mastbaum: „Als Vertreter des Vorstandes der hiesigen jüdischen Großgemeinde, so sagte er, haben Herr Siegfried Simon und ich die Ehre und das Vergnügen, Sie auf das herzlichste zu begrüßen. Ich habe aus den Referaten, die am Sonntag gehalten wurden, mit Freude entnommen, welcher gute und ernste Geist in der jüdischen Turnerschaft herrscht Wie es immer war, daß die geistigen Bestrebungen schon bei den Völkern des Altertums _in einem gewissen innigen Zusammenhang mit den körperlichen Übungen standen, ebenso ist es auch in unserem Vaterlande, wo die Turnerei dadurch große Erfolge erzielt hat Dasselbe muß bei der Jüdischen Turnerschaft der Fall sein, und ist es auch, wie ich gerne konstatiere. Sie hat sich ein edles Ziel gesetzt, vollwertige Menschen zu erziehen. Es möge ihr vergönnt sein, auf diesem gemeinsamen Boden die Juden zu vereinigen. Ich habe bei Ihnen ein interessantes Referat gehört, das verlangte, daß den Juden mehr Disziplingefühl beigebracht werden müsse, nicht eine Mußdisziplin, sondern eine Disziplin, die auf logischer Erwägung beruht eine gewollte Disziplin. Wenn nur dieses eine gelingt, so werden Sie damit dem Judentum schon beträchtliche Dienste geleistet haben. Dieses Selbstbewußtsein und die ideale Begeisterung werden zurückwirken und ihr Pflichtbewußtsein das deutsche Vaterland stärken und kräftigen. In diesem Sinne heiße ich Sie willkommen und begrüße Sie im Namen des Vorstandes, der hiesigen Gemeinde. Es folgten noch eine Reihe Ansprachen. Der Präsident der zionistischen Weltorganisation, Herr David Wolffsohn, feierte die Turnerschaft als einen praktischen Erfolg des Zionismus. Die jüdische Turnbewegung habe mit dem Zionismus das gemein, das beide Bewegungen die Erziehung von Volljuden bezweckten. „Von der geistlichen Ecke" sprach Herr Rabbiner Dr. Rosenthal in einer sehr gehaltvollen Rede der Turnerschaft seine Anerkennung aus. Er erinnerte daran, daß er auch zu denjenigen gehört habe, die der jüdischen Turnbewegung mißtrauisch gegenübergestanden hätten. Um so mehr freue er sich, daß er durch die Arbeit der jüdischen Turnerschaft zu einem begeisterten Freunde ihrer Sache geworden sei. Namens der Jüdischen Turnerschaft dankte ihr stellvertretender Vorsitzender, Herr Theobald Scholem-Berlin, der Jüdischen Gemeinde für ihre sympathische Begrüßung. Herr Falkenstein sprach für das Repräsentantenkollegium der Jüdischen Gemeinde. Herr Katzky für den Jüdischen Turnverein Bar Kochba, Berlin, Herr Salomon namens des Kölner Vereins. Wiederholt klang durch die Reden die Genugtuung heraus, daß die anfänglichen Mißverständnisse vollkommen geschwunden seien, daß die praktische Arbeit der jüdischen Turner ihre Gegner eines Bessern belelirt habe. Erst spät schloß der offizielle Teil, dem sich noch ein sehr unterhaltender geselliger anschloß. Der Zwischenfall im Jüdischen Klub (Originalbericht) Wir berichteten bereits über die Mitteilung des Präsidenten des Abgeordnetenhauses, die den Eindruck hervorzurufen geeignet war, daß die Abg. Dr: Straucher und Dr. Mahler ihren Klubkollegen Dr. Gabel als Unterschriftenfälscher, hingestellt hätten. Der unliebsame Zwischenfall kann jedoch als für Abg. Dr. Gabel erledigt betrachtet werden, nach der neuerlichen Enunziation des Präsidenten Dr. Weißkirchner, die am 4. d. M. erfolgte. Präsident: Gestern sind die Abgeordneten Dr. Straucher und Dr. Gabel in meinem Bureau ' erschienen. Hierbei hat Dr. Gabel mir folgende Erklärung überreicht: Im Anschlüsse an die Mitteilung des Herrn Präsidenten vom 1. Juni d. J., betreffend meine Interpellation vom 25. Mai 1908, erkläre ich, daß ich die Unterschriften meiner Klubkollegen Dr. Straucher und Dr. Mahler bona fides auf dieselbe gesetzt habe. Ich erkläre aber weiter, daß ich trotz Einbringung dieser Interpellation mich mit dem Inhalte des darin zitierten Aufsatzes nicht identifizieren wollte, sondern lediglich die Absicht hatte, als prinzipieller Gegner der Konfiskationspraxis überhaupt damit gegen dieselbe zu remonstrieren. Ich glaube sonach, mich keiner Illoyalität schuldig gemacht zu haben, und bitte das Hohe Haus, , dies zur Kenntnis zu nehmen. Anschließend an diese Erklärung des Präsidenten, die den Vorwurf der „Illoyalität" entkräftet, erließ der Jüdische Klub den 4. Juni folgendes Communique: „Der Jüdische Klub hat in seiner Sitzung vom 4. Juni a. c. einstimmig folgenden Beschluß gefaßt: „Angesichts der vom Herrn R.-A. Dr. H. Gabel dem Präsidium des Abgeordnetenhauses abgegebenen Erklärung sowie angesichts der im Hause mehrfach geübten Gepflogenheit erachtet der Klub die Angelegenheit der durch den genannten Herrn Abgeordneten überreichten Interpellation als vollkommen geklärt und erledigt. Gleichzeitig wird festgestellt, daß die Stellungnahme der Herren R.-A. Dr. Straucher und Dr. Mahler keineswegs als gegen die Vertrauensstellung des R.-A. Dr. H. Gabel gerichtet aufzufassen ist. Dr. Straucher, Dr. Gabel, Dr. Mahler, Stand." Es ist erfreulich, daß dem Abgeordneten Dr. Gabel vollständige Genugtuung geleistet wurde. Unaufgeklärt bleibt somit in der peinlichen Sache nur noch ein Punkt: welche Stellung nimmt der Jüdische Klub zum Vorgehen seiner Mitglieder Dr. Straucher und Dr. Mahler ein, die nicht nur beim Präsidenten Dr. Weißkirchner die bekannte Erklärung abgegeben hatten, sondern in derselben Angelegenheit beim Obmann des Polenklubs, Dr. Glombinski, vorsprachen? Ermordung eines jüdischen Bankdirektors (Originalbericht) Die Konstantinopeler jüdische Gemeinde hat einen schweren Verlust durch die Ermordung des Direktors der Banque de Salonique Isaac Molho erfahren. Am Dienstag, in der Morgenstunde, als der Verstorbene im Direktorzimmer die Post öffnete, trat ein von ihm am Vorabend entlassener albanesischer Diener der Bank herein und feuerte einen Schuß auf ihn ab. Zwei Beamte, die gerade anwesend waren, entwaffneten den Mörder und ein schnell herbeigerufener Arzt versuchte eine Extraktion der Kugel vorzunehmen, nach wenigen Minuten aber verschied der Schwerverwundete. Der so so jäh ums Leben gekommene war eines der angesehensten Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde. Er gehörte dem Komitee verschiedener jüdischer Wohltätigkeitsvereine an, und erst jüngst bei dem großen Brande in Hascoei war er in der aufopferndsten Weise als eines der eifrigsten Mitglieder im Hilfskomitee tätig. Die große Sympathie, die der Verstorbene in weiten Kreisen der Bevölkerung genoß, kam in einer imposanten Demonstration beim Leichenbegängnis zum Ausdruck. Sämtliche hiesige Banken hatten während des Trauerzuges ihre Schalter geschlossen. Das gesamte Rabbinat, der italienische und österreichische Generalkonsul sowie Vertreter der andern Konsulate und Gesandschaften, viele Notabilitäten der Stadt die Schüler der Allianceschule und Hunderte von Leuten gaben dem Verstorbenen das letzte Geleit Am Grabe hielten der Bruder des Chacham-Baschi und der italienische Generalkonsul, zu dessen Untertanen der Verschiedene zählte, warm empfundene Ansprachen, in denen sie die Verdienste des unter so traurigen Umständen Umgekommenen hervorhoben. Der Verstorbene war kaum 48 Jahre alt und sicherlich wurden mit ihm viele gute Werke zu Grabe getragen. Friede seiner Asche! Der Pogromprozeß in Bjelostok Der „Russischen Korrespondenz" wird vom 10. Juni depeschiert: Nach einer zweijährigen, ungemein tendenziös geführten Voruntersuchung hat vorgestern der Monstreprozeß über den Bjelostoker Pogrom vom Jahre 1906 begonnen. Gleich zu Beginn der Verhandlung spielte sich eine charakteristische Szene ab. Höhere Militärpersonen bekundeten die für die damalige Bjelostoker Militärverwaltung kompromitierende Tatsache, daß sie ohne Antrag der Zivilverwaltung in widergesetzlicher Weise die Macht über die Stadt sich angeeignet habe. Da erklärte der Gerichtsvorsitzende, daß die Handlungen der Behörde nicht erörtert werden dürfen und ließ weitere diesbezügliche Aussagen nicht zu. Im Verlaufe