Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 23 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316320--50728-3378025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
An demselben Tage, an dem die Einweihungsfeier des Hauses stattfand, wurde auch die zweite Ausstellung im Bezalel eröffnet. An mehreren, jetzt in Arbeit befindlichen Teppichen, merkt man am besten, daß die ersten Schwierigkeiten, die notwendigerweise mit einem solchen Unternehmen, wie der Bezalel, der ohne alle Vorarbeiten eine neue Industrie ins Leben zu rufen sich zur Aufgabe machte, verbunden sind, als überwunden gelten können. Die neuen Teppiche lassen hoffen, daß der Bezalel Arbeiten liefern wird, die nicht allein im jüdischen Publikum aus Interesse für die Schule und das Land Abnehmer finden werden, sondern mit der Zeit auch auf dem Weltmarkt mit andern orientalischen Waren die Konkurrenz werden aufnehmen können. Zur Eröffnung der Ausstellung im Bezalel waren der deutsche, amerikanische, englische und russische Konsul erschienen, ferner der Bürgermeister der Stadt Jerusalem, ein Vertreter des Paschas und andere hohe Beamte. Die jüdische Bevölkerung nahm an der Ausstellung regen Anteil, selbst aus orthodoxen Kreisen. So fiel insbesondere der Besuch des Chacham Baschi aus Hebron und eines im Auftrage der Misrachiorganisation Palästina gegenwärtig besuchenden Rabbiners aus Rußland auf. Weitere Bevölkerungsschichten besuchten mit besonders lebhaftem Interesse das Museum am Bezalel, dessen naturwissenschaftliche, archäologische, kunstgewerbliche und andere Sammlungen in mehrern Räumen schön untergebracht sind. Dr. Nathan in Jerusalem Dr. Nathan verweilte hier nur einige Tage, ebenso nur ganz kurze Zeit in Jaffa. Der Plan der technischen Schule ist noch nicht ganz fest bestimmt. Es verlautet, daß zunächst nach amerikanischem Muster eine Elementarschule eingerichtet werden soll, in der junge Kinder (von 6—14 Jahren) neben dem Unterricht in Elementarfächern auch in speziellen Handwerken ausgebildet würden. An diese Schule würde sich sodann die technische Mittel- oder Hochschule angliedern. Nach diesem Plane muß man erwarten, daß die Schule nicht in Haiffa, wo es nur eine ganz geringe Zahl von Juden gibt, sondern in einem Orte mit einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung entstehen wird. Insbesondere kommt dafür Jerusalem in Betracht, wo es am meisten Not tut, durch Handwerk und Industrie die schlechten Folgen der Chalukka zu beseitigen. AUS DER BEWEGUNG ° Mitteilung des vorbereitenden Komitees der Palestine Land Development Co. Laut Mitteilung unseres Londoner Rechtsbeistandes müssen vor gerichtlicher Eintragung der Palestine Land Development Co. 2500 £ (zweitausendfünfhundert Pfund Sterling) voll bezahlt sein. Wir richten daher hierdurch an die Aktionäre unserer Gesellschaft das Ersuchen, die gezeichneten Beträge resp. die darauf noch ausstehenden Restzahlungen den nachstehend benannten Zahlstellen recht bald zu überweisen, damit die Legalisierung unserer Company keine Verzögerung erleidet. Unsere Zahlstellen sind: 1. The Jewish Colonial Trust Ltd., London E. C, Walbrook, Brook House; 2. A. H. Heymann & Co., Berlin N. W. 7, Unter den Linden 59; 3. Sammelstelle des Jüdischen Nationalfonds für Österreich, Wien IX, Türkenstraße 9; 4. J. L. Goldberg, Wilna, Rußland; 5. Marmorosch Blank & Co., Bukarest, Rumänien, für Rechnung des Jewish Colonial Trust, London. £ 1.—, Mk. 20.50, Kr. 24.25, Frcs. 25.50, Rub. 9.60, $ 5.—. Im Auftrage des vorbereitenden- Komitees gez.: O. Warburg. Frankfurt a. M.: Am 3. er. hielt Herr Dr. Seliger aus Jaffa in der hiesigen Misrachi-Ortsgruppe einen interessanten Vortrag über die Verhältnisse der Jugenderziehung in Palästina. Der Referent beleuchtete in fesselnder Weise die Mängel der bestehenden Schulen, sowohl jene der nach althergebrachten Weise geführten als auch der von europäischer Art beeinflußten Lehrstätten. Redner betonte wiederholt die Notwendigkeit, das Hebräische als Unterrichtssprache allgemein durchzuführen, und nebenher die Sprache des Landes, Türkisch oder Arabisch zu pflegen. Nicht nur Zionisten bezw. Misrachisten sollten sich des Schulwesens in Palästina annehmen, sondern auch speziell alle gesetzestreuen Juden müssen es als eine heilige Pflicht betrachten,- die Jugenderziehung nach ihrer Lebensanschauung zu beeinflussen, so daß auch hierin ein Gebiet zur gemeinsamen Arbeit gegeben sei. Redner wies ferner auf die Notwendigkeit einer jüdischen Hochschule in Palästina hin, da die jüdischen Schüler der Hochschulen in Beirut (der Mission und der Jesuiten), religiös und national zugrunde gehen müssen. „Wollen wir unser Judentum erhalten, so müssen wir ein geistiges Zentrum in Palästina schaffen, wie es in der Vergangenheit. in Erez-Israel im Golus in Babel, Polen ■ usw. immer ein geistiges Zentrum gegeben hat." Den Ausführungen des Referenten schloß sich eine, längere Debatte der zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste an. Erste Vorturnerstunde der Jüdischen Turnerschäft in Köln Während der Pfingsttage hielt die Jüdische Turnerschaft (Verband der jüdischen Turnvereine) in Köln ihre erste allgemeine Vorturnerstunde ab. Erschienen waren ca. 30 Vertreter der Vereine Berlin, Posen, Straßburg, Wien usw., die sich mit den Vorturnern des Jüdischen Turnvereins zu Köln am Sonntagnachmittag in der städtischen Turnhalle. Machabäerstrasse, zur ersten Vorturnerstunde vereinigten. Die Übungen, die in Gegenwart eines größeren Publikums aus allen Kreisen der hiesigen jüdischen Gemeinde stattfanden, dauerten über zwei Stunden und umfaßten Stabübungen sowie Vorführungen am Pferd und den Ringen. Sonntagabend fand eine öffentliche Sitzung im Saale des Gabriel Riesser Vereins in der Rheinlandloge statt, der ebenfalls ein sehr zahlreiches Publikum, Vertreter des Vorstandes der Synagogengemeinde usw. beiwohnte. Leider war der erste Vorsitzende der Jüdischen .Turnerschaft, Herr Dr. Richard Blum-Berlin, am Erscheinen verhindert Statt seiner leitete der ehemalige Vorsitzende, Herr Buchdruckereibesitzer Theobald Scholem die Verhandlungen/ die einen sehr würdigen und ernsten Verlauf nahmen. Zunächst referierte Herr Burin über das Thema „Turnerische und militärische Disziplin". . Er betonte den Unterschied dieser beiden Disziplinarten, den er hauptsächlich darin findet, daß die turnerische Disziplin allumfassend ist, dergestalt, daß ihr lediglich .der Gehorsam versagt werden kann, wenn Befehl zur Ausübung eines Verbrechens usw. gegeben wird, Im Gegensatz zu ihr betrifft die turnerische Disziplin nur turnerische Dinge. Die" gegebenen Befehle müssen im Zusammenhang mit dem Turnen stehen und den erkennbaren Zweck der Förderung des Turnens in sich tragen. Der den militärischen Befehlen zu schuldende Gehorsam beruht auf der höchsten Gewalt, der Staatsgewalt. Die turnerische Behörde ist freigewählt, ihre Befehlsgewalt ist der Ausdruck des Vertrauens der dem Befehle Untergebenen. Demgemäß regelt sich in beiden Fällen auch die Ausführung der Befehle. Der interessante und höchst instruktive Vortrag fand lebhaften Beifall. Das zweite Referat hielt Herr Julius Berger-Köln, der die jüdischen Aufgaben des jüdischen Vorturners behandelte. Der Vorturner im jüdischen Turnverein müsse nicht nur turnerisch gebildet sein, er müsse sich auch der Tendenz der jüdischen Turnvereine, die auf Erhaltung und Stärkung der jüdischen Eigenart hinauslaufe, voll bewußt und ihr ergeben sein. Er müsse seine Aufgabe nicht nur darin sehen, gute Turner zu erziehen, sondern er müsse seinerseits nach Kräften dazu beitragen, selbstbewußte Glieder des jüdischen Volkes heranzubilden. Im weitern Verlaufe seines Vortrages kam der Referent zur Aufwerfung der Frage, ob nicht die spezielle körperliche und seelische Eigenart des Juden ein auf diese Veranlagung eingestelltes Turnen verlange. Referent vertrat die Ansicht, daß zur Erzielung der dem Juden besonders nottuenden Disziplin und zur Überwindung des stark ausgeprägten Einzelgefühls des Juden, das einem solchen Beginnen hindernd im Wege stehe, eine gewollte Disziplin anerzogen werden müsse, anstatt der Mußdisziplin, die das deutsche Turnen kenne. Zu diesem -Zwecke empfehle er ein stärkeres Betonen des Rasenspiels und der Gesellschaftsübungen. Gegen 11 Uhr schloß der Vorsitzende die Verhandlungen, mit denen der erste Tag der Veranstaltungen seinen Abschluß erreichte. Der zweite Tag der ersten allgemeinen Vorturnerstunde der jüdischen Turnerschaft vereinigte zunächst morgens die Teilnehmer zu volkstümlichen Übungen und Spieltumen auf dem städtischen Spielplatz am Lindentor. Nachmittags fand das zweite Turnen in der Turnhalle statt, an das sich eine sehr eingehende und_instruktive Besprechung der Vorturner über die vorgeführten Übungen und ihre Ausführung schloß. Gerade diese Besprechung, die mehrere. Stunden in Anspruch nahm, dürfte für den Erfolg der Veranstaltung