Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 23 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Dr. Hoppe (Königsberg) beantragt, für die Wahlen die Altersgrenzen des Kongresses festzusetzen. Ferner beantragt er, die „Welt" und die „Rundschau" zu verschmelzen. Lichtheim: Das Wesentlichste ist eine aktionsfähige Leitung. Dem entspricht aber eine Dezentralisation der Bewegung in der Provinz. Dr. Stahl: Um in der Agitation jetzt noch weiter zu kommen, müssen wir die jüngere Generation zu . Juden machen. Den Weg hat uns Kollenscher gewiesen. — Macht ferner detaillierte Vorschläge für den besseren Ausbau der Agitation und für die Verbreitung der Presse. Bodenheimer: Es sind verschiedene Vorwürfe gegen das C. C. erhoben worden, und materiell haben die Herren recht. Aber die Schuld liegt vor allem daran, daß die Mitglieder des C. C. über ganz Deutschland zerstreut sind. Es ist dies ein Zustand, der nicht länger dauern darf, als eine Änderung unmöglich erscheint. Doch die Änderung erscheint möglich, und es ist jetzt an der Zeit, den Herren, welche die Arbeit tun, auch die Verantwortung zu übertragen. ' Nun wurde mir aber von verschiedenen Herren erklärt, daß hierbei große Schwierigkeiten entstehen könnten. Obwohl ich hierher kam mit dem Entschluß, eine Wahl nicht anzunehmen, habe ich mich doch nicht diesen Befürchtungen verschließen, können und mich bereit erklärt, unter der Bedingung, daß das C. B. in Berlin ein geschäftsführender Ausschuß des C. C. wird, anzunehmen. Dies soll jedoch nur ein Übergangsstadium sein, und sobald wie möglich muß endgültige Abhilfe geschafft werden. Lin (Berlin): Wir dürfen uns nicht mehr länger dem Vorwurf aussetzen, daß wir Zionisten Reden halten, aber nicht arbeiten. Wir müssen jetzt endlich daran gehen, überall Schulen zu gründen, wo die Kinder in unserm Sinne erzogen werden. Er regt an, eine Unterrichtskommission zu wählen. Der diesbezügliche Antrag wird abgelehnt. Levigard: Ich will heute noch weiter auf meine gestrigen Ausführungen betreffs der Presse zurückkommen. Herr Dr. Stahl hat vorhin den Antrag gestellt, die „Rundschau" obligatorisch zu machen. Dem widerspreche ich aufs energischste. Wenn man das in Süddeutschland machen würde, hätten wir bald alle Mitglieder verloren. Das Organ ist dazu nicht geeignet. Die „Rundschau" ist unser offizielles Organ, und dagegen lege ich Verwahrung ein, daß sie es künftighin sein soll. Antrag: Das C. C. möge dafür sorgen, daß allwöchentlich der „Welt" eine Beilage gegeben werde, in welcher die öffentlichen Bekanntmachungen der deutschen Organisation gedruckt und weitergegeben werden sollen. Wir müssen uns mit allen Mitteln eine Zeitung schaffen, die dem Publikum gegenüber im allgemeinen parteilos ist, aber im einzelnen aufklärende Artikel in nationalem Sinne bringt. Barth beantragt die Herausgabe eines kurzgefaßten Agitationsleitfadens und schlägt vor,, daß diejenigen Herren in Berlin, welche bisher die Geschäfte geführt haben, die. Geschäfte weiter Führen, und sich eventuell Leute zuwählen und heranbilden. Er bittet, gerade jetzt nicht wahllos alle Vorschläge anzunehmen, sondern vorher sich ganz klar zu werden. Es handelt sich jetzt um das Wichtigste. Den Kernpunkt der Levigardschen Ausführungen halte ich für außerordentlich wichtig. Wir brauchen ein Organ, das unsere national-jüdischen Ideen vertritt und gleichzeitig etwas von der Familienblattatmosphäre hat Die „Rundschau" hat manche Fehler, doch darf man nicht übertreiben. Es wird zu wenig für die „Rundschau" mitgearbeitet. Frau Wagner (Berlin) weist auf die Jugendorganisation der Berliner Frauenvereinigung mit Nachdruck hin. Schlußsitzung. . Dem Zentralkomitee wird Decharge erteilt. Für den von Dr.. Loewe angeregten Herzipreis stellt das Präsidium des Kartelles zionistischer Verbindungen die ersten hundert Mark zur Verfügung. Es folgen die Wahlen zum Zentralkomitee: Als Präsident wird per Akklamation Herr Dr. Bodenheimer gewählt (Großer Beifall.) Nach dem Vorschlag der Kommission werden statt der bisherigen 15 jetzt 19 Mitglieder ins Z. K. gewählt, und zwar: Julius S i ni o n- Mannheim (76 Stimmen), Schachtel-Breslau (74), Leszynsky- Berlin (72), H a n t k e - Berlin (71j,Gronemann - Berlin (69),t H a 1 p e r n- Hamburg (73), Wollsteiner-Berlin (73), Kollenscher-Posen (64), Friedemann (61), Kalmus-Hamburg (60), Struck-Berlin (60), Jungmann-Berlin (59), Steinitz-Berlin (58), Kaufmann-Freiburg (54), Wiener-Kattowitz (45), Klee-Berlin (39) Elias Auerbach-Berlin (38), Sondheimer-Frankfurt (34). Es wird beschlossen, einen geschäftsführenden Ausschuß von 7 Mitgliedern in Berlin aus dem Z. K. einzusetzen, dem die Mitglieder des Zentralbureaus angehören. Das bisherige Zentralbureau bleibt im Amt. Nach einer Schlußansprache von Dr. Loewe schloß der Vorsitzende mit einem schwungvollen Nachworte den arbeitsreichen Delegiertentag. Die Ortsgruppe Breslau hat sich um die Gestaltung des Delegiertentages große Verdienste erworben. Alles war vornehm und zweckmäßig hergerichtet, und auch für die Presse waren alle Erleichterungen vorgesehen. Am Vorabend der Tagung fand ein gemütliches Beisammensein statt, am Montag abend "ein Kommers, der sehr stark besucht und durch eine äußerst gelungene Festzeitung gewürzt war, am Dienstag abend eine große öffentliche Versammlung, in der Prof. Warburg, Dr.-Schern. Lewin, Dr. Bodenheimer und Dr. Margulies-Trautenau sprachen. Während des Delegiertentages wurde ein Alter-Herren-Bund des Kartells zionistischer Verbindungen gegründet. Brief aus Palästina (Von unserem Berichterstatter) Einweihung des Bezalelhauses Am Lagb'omer fand die Einweihung des neuen Schulgebäudes des Bezalels statt, das vor kurzem der Nationalfonds erworben hat, um es der Bezalelschule zu vermieten. Das Gebäude bildet einen Komplex von zwei großen zweistöckigen und zwei kleinen ebenerdigen" Häusern, von denen vorläufig nur ein Haus vom Bezalel bezogen werden konnte. Die Häuser liegen an einem der schönsten und höchstgelegenen Plätze Jerusalems. In weitem Umkreise von entlegensten Punkten der Stadt sind die stattlichen, in echt orientalischem Style erbauten Häuser zu bemerken. Es soll uns ein hoffnungsvolles Symbol sein, daß der Nationalfonds mit seiner ersten Erwerbung mit der bisherigen jüdischen Tradition, sich in die tiefsten Löcher zu verkriechen und die schönen luftigen Höhen zu meiden, gebrochen hat. Die golushafte Gedrücktheit des Alten, des Chalukkah-Jischub, tritt in wenigen Fällen so traurig-drastisch zutage als grade in der Wahl der Wohnstätten. Als vor einigen Jahrzehnten die Chalukkah-Einwanderung begann, da war noch der größere Teil des neuen Jerusalems wenig besetzt und zu spottbilligen Preisen zu haben. Aber die Alten, die damals herkamen, wollten nur im heiligen Lande begraben sein, und ^o streiften sie gar nicht von sich den Staub des Golus und dachten gar nicht daran, hier besser und schöner als im Golus zu leben. Sie pferchten sich in tiefen, gesundheitsschädlichen Tälern eng zusammem, als ob sie sich vor der heitern palästinensischen Sonne und der klaren, reinen Luft scheuten. Stadtteile wie „Meah-Sch'arim" („Hundert Tore", eine Menge dicht ineinandergebauter jüdischer Häuschen in einem Tale) bilden ein schmerzliches Denkmal des Golus in der alten jüdischen Königstadt. Die Anhöhen aber wurden von Kirchen und Klöstern der verschiedenen, in Jerusalem vertretenen Konfessionen besetzt. So ist auch beispielsweise in "der Nachbarschaft des jetzigen Bezalelhauses, in gleicher Höhe wie sie, das imposante, von überall sichtbare Gebäude der Rarisbonner Brüder, eine Stiftung eines getauften französischen Juden, der 3 Millionen für Missionszwecke hinterließ. Nun sei uns dieses erste Nationalfondshaus auf der Höhe ein frohes Zeichen einer neuanbrechenden bessern Zeit! Von weiter Ferne sah man in der Lagb'omer Nacht den flammenden wogendavid von den Zinnen des Bezalelhauses, welches dem alten jüdischen Brauche gemäß zu Ehren des Lagb'omerfestes feierlich illuminiert war. Der Empfangssaal, der mit Arbeiten der Schüler hübsch dekoriert war, war von Gästen überfüllt, unter denen auch Herr Levontin, Direktor der Anglo-Palästina-Bank und der Leiter des Palästinaamtes, Herr Dr. Ruppin, sich befanden. Der Direktor der Bezalelschule, Prof. Schatz, leitete die Feier mit einer hebräischen Ansprache ein, in der er die Ziele und bisherigen Leistungen der Schule auseinandersetzte. Auch die folgenden Redner, Herr Eisenstadt, Subdirektor der Jerusalemer Bank, Dr. Mossinsohn und Scheinkin, sprachen hebräisch. Dr. Mossinsohn betonte, wie sehr die Belebung der jüdischen Kunst in Palästina auch mannigfache ökonomische Werte im Lande zu schaffen geeignet ist und hob besonders das Verdienst des Herrn Schatz um die Schule hervor, der den Bezalel als seine Lebensaufgabe betrachte und ihm seine besten Kräfte widme. Herr Scheinkin warnte davor, an das zarte Gebilde des Bezalels einen groben, kaufmännischen Maßstab anzulegen. Nach den Ansprachen begaben sich die Anwesenden auf das Dach, wo sie in gemütlicher Unterhaltung bis in die Mitternacht verblieben.