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Die Welt · 1908-06-12 · 23 (12.6.1908) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 23 NEBELT 17 Landwirtschaft. Aber Handel und Industrie können sich nicht entwickeln, wenn nicht eine gesunde Landwirtschaft die Basis liefert; und daher war von Anfang an das Häuptbestreben der Palästina-Kommission der palästinensischen Landwirtschaft zugewendet. Die wichtigsten Studien und in der Zeitschrift der Kommission „Altneuland" und „Palästina" veröffentlichten Aufsätze beziehen sich hierauf und auf die damit zusammenhängenden Fragen der Jandwirtschafüichen Arbeiten, des Häuserbaues und des Agrarkredits. Es sind recht schwierige und komplizierte Fragen, um die es sich hier handelt; aber man darf wohl sagen, daß wir auch in bezug hierauf in den letzten Jahren ein gutes Stück weiter gekommen sind, und daß . man schon erkennen kann, daß all die verschiedenen Versuche, die in Palästina gemacht sind und gemacht werden, in einen großen Strom ausmünden werden. Man hat früher zionistischerseits mit Verachtung auf die falschen Methoden des Barons Rothschild, der J. C. A. und der Kolonisationsvereine herabgesehen, und als die Palästinakommission ihre Vorschläge, die sich zu Kongreßbeschlüssen verdichtet hatten, ausführen wollte, hat man wohl von unpraktischen Praktikern gesprochen, aber schließlich hat sich doch herausgestellt, daß es im Grunde nur eine einzige Methode gibt, die. zu befriedigenden Resultaten führt, das ist die ruhige, ausdauernde, verständnisvolle und fleißige landwirtschaftliche Arbeit. Ob Privatpersonen mit eigenem Gelde arbeiten oder mit geliehenem, ob es Genossenschaften sind mit jährlichen Beiträgen der Mitglieder oder mit Bankkredit, ob das Land zusammenbleibt resp. vor oder nach der Anlage der Pflanzungen parzelliert wird, das sind alles sekundäre Fragen. Die Hauptsache ist die, wie erhält man das richtige Menschenmaterial, wie kann man dem Menschenmaterial die richtige Kenntnis beibringen, und wie kann man es zur Ausdauer und Seßhaftmachung bringen. Arbeiter für die Landwirtschaft melden sich genug, aber nur wenige halten in Palästina länger als einige Wochen bei dieser Arbeit aus. Es ist das zwar ein Prozeß der natürlichen Auslese, der unvermeidlich ist, aber manche, die im übrigen recht gut zu Arbeitern passen würden, verlassen das Feld der Ehre, da sie für sich keine Zukunft sehen. Um sie seßhaft machen zu können, dazu bedarf es erstens des Landes, zweitens des unbeweglichen Inventars, d. h. der Häuser und Stallungen, drittens des beweglichen Inventars, (Vieh und Geräte) und viertens der Vorschüsse für Saat und Lebensunterhalt. Der Fehler der früheren sogenannten Wohltätigkeitskolonisation war der, daß man den zukünftigen Kolonisten alles gab und damit das wichtigste Motiv, das eigene Interesse, mehr oder weniger ausschaltete. Das von uns angestrebte Ziel ist, daß die angehenden Kolonisten Land entweder überhaupt nur in Pacht erhalten, oder doch in einer Form, daß sie erst nach völliger Auszahlung Besitzer werden; das gleiche gilt für Haus und Stallung, während sie für das Inventar, Saat und Unterhalt sich das nötige Geld selbst erworben haben müssen oder doch nur dann hierzu kleine Vorschüsse erhalten sollen, wenn sie sich während einer längeren Lehrzeit als zuverlässig erwiesen und die nötige Sachkenntnis erlangt haben. Das ist das Prinzip, welches die in Gründung begriffene Palestine Land Development Co. in geschäftliche Formen einzukleiden versucht, wobei sie sich im wesentlichen auf die Erfahrungen der preußischen Ansiedelungskommission und der Landbanken stützen wird. In eigene Verwaltung wird die Gesellschaft nur eine Lehrfarm nehmen, die dazu dient, den zukünftigen Pächtern und Rentengutsbesitzern die nötigen Erfahrungen beizubringen und die Herden für die Pächter aufzuziehen. Auch ist es ganz im allgemeinen wünschenswert, einen Besitz zu haben, auf dem Neuerungen ausprobiert werden können, Saat herangezogen werden kann usw. Gerade jetzt ist das dem Nationalfonds gehörende und von der neuen Gesellschaft auf 99 Jahre gepachtete Landgut Duleika- Umeldschuni am Ausfluß des Jordan auf dem Tiberiassee in Bearbeitung genommen, so daß im Herbst nach der gerichtlichen Eintragung der Gesellschaft in London die Gutswirtschaft, wie wir hoffen, in vollem-Betrieb ist. Es ist dies, der erste systematische Versuch in Palästina, vermögenslose Arbeiter durch ihrer Hände Arbeit - auf rein geschäftliche Weise in den Pächterstand überzuführen und diese. dann allmählich zu selbständigen Bauern zu machen. Von den 50 000 ■£ Kapital, welche die P. L. D. C. aufbringen will; sind leider erst 2700 £ fest gezeichnet, und zwar von ca. 950 Aktionären; in Deutschland sind 838 £ bei 236 Aktionären untergebracht, aber in sehr ungleichmäßiger Weise. Am meisten Aktionäre, nämlich 30, zeigt Königsberg, aber freilich nur mit 36 Aktien, während Köln mit .1 Aktionär-50. Aktien besitzt, Ratibor mit 14 Aktionären hat 18 Aktien, Posen mit 27 Aktionären hat 40 Aktien, Leipzig mit 18 Aktionären hat 32 Aktien gezeichnet; Breslau mit 10 Aktionären besitzt 60 Aktien, Berlin mit 21 Aktionären sogar 284 Aktien; besonders hervorgetan haben sich als Sammler Herr Sambursky in Königsberg, Dr. Chamitzer in Leipzig, Herr Scherek in Posen "und Herr Schachtel in Breslau. Die Agitation zeigt deutlich, daß, wo nur ein Zionist sich ernstlich für die neue Gesellschaft interessiert, er mit Leichtigkeit einige Dutzend der £-Shares abzusetzen vermag, .und daß die so häufig erhaltene Antwort, es ist keine Stimmung für die P. L. D. C, nichts weiter bedeutet, als: es ist hier niemand, der persönlich zur Zeichnung auffordern will. Ich muß gestehen, daß ich bezüglich des Verlaufs der Eingänge für die P. L. D. C. etwas enttäuscht bin; ich hatte geglaubt, daß es nicht schwer sein würde, für ein so einfaches und rationelles Unternehmen, das zwar keine großen Dividenden verspricht, aber auch kein Risiko in sich schließt, etwa 1000 Aktionäre ä 100 Mark zu erhalten. Aber ich muß leider konstatieren, daß selbst die Wohlhabenden unter den Zionisten noch bei weitem nicht alle auch nur eine einzige Aktie gezeichnet haben. Es ist klar, daß die Gesellschaft nur dann eine große und grundlegende Bedeutung erlangen kann, wenn sie auch von den Zionisten in genügender Weise unterstützt wird. Wir haben lange gezweifelt, ob wir diese Gesellschaft auf zionistischer Basis errichten sollten oder außerhalb der Bewegung; im letzteren Falle wäre sie zweifellos schon viel weiter in Bezug auf Kapitalbeschaffung. Anderseits aber sagten wir uns, daß es für den Fortbestand der Bewegung dringend nötig sei, daß sie auch einmal etwas großzügig Gedachtes in die Praxis überführe. Der Nationalfonds und die ülbaumspende sind durch die Art des Sammeins sowohl als auch durch die Art der Verwendung zu sehr beschränkt, um nach außen viel Eindruck zu machen, und die Bank ist sicher, zu alt, um noch von einer großen Agitation für dieselbe viel Erfolg erhoffen zu können. Eine große Landgesellschaft entspricht aber sowohl dem Bedürfnis nach weit ausschauender Arbeit als auch der zionistischen Liebe zum Lande. Ich glaube, es bedarf nur dieses kurzen Hinweises, um die bisher schleppende Agitation in Fluß zu bringen. Jede Ortsgruppe sollte ihren Ehrgeiz darin suchen, gerade diese Gesellschaft zu fördern. Es handelt sich ja hier nicht um Spenden, sondern um Festlegung von Kapital, das früher oder später zweifellos eine genügende Verzinsung geben wird. Dafür sorgt schon die zunehmende Wertsteigerung des Landes an sich und die bedeutende Wertvermehrung infolge der Amelioration. Man sehe sich doch die älteren Kolonisten an; fast ohne Ausnahme sind sie durch die Wertsteigerung des Landes zu Gelde gekommen, und manche sind sogar geradezu reich dabei geworden; warum sollte nun eine vorsichtig arbeitende Land- und Parzellierungsgesellschaft unter ebenso günstigen Bedingungen schlechter fahren? Vieles hat der Zionismus als solcher ja nicht mehr in bezug auf wirtschaftliche Aufgaben zu leisten. Den Agrarkredit wird der Nationalfonds mit Hilfe der Bank organisieren, die Bank selbst kann noch einige Filialen gründen. Für die Versuchsstation und das genossenschaftliche Gut wird der Nationalfonds den Boden hergeben und evtl. die Gebäude bauen; das ist so ziemlich alles, was sich für die nächste Zukunft voraussehen läßt. Um so mehr sollte man sich bemühen, um die wenigen angefangenen Aufgaben auch zu Ende zu führen. Kulturfragen. Was Kulturfragen betrifft, so hat ja der Zionismus noch große Aufgaben, an die er endlich einmal herantreten muß. will er sich nicht vom Hilfsverein der deutschen Juden völlig an die Wand drücken lassen. Wenn man sieht, was der Hilfsverein . mit ca Jt 77000.—. die er im letzten Jahre in Palästina aufgewendet hat, allseitig für Ehren eingeheimst hat, und wie fruchtbringend er wirklich gearbeitet hat, so müssen wir unwillkürlich fragen: Können wir Zionisten denn das nicht auch fertig bringen? Wir, die wir behaupten, für Palästina zu arbeiten, wir, weit über 100000 Zionisten, können wir nicht auch jährlich mindestens Jt 100000.— für Palästina schaffen? Und wenn wir von den Jl 100000.— die Hälfte als eisernen Palästinakulturfonds, die andere Hälfte für Unterstützungen in Palästina verwenden, werden wir nicht einen ganz anderen Einfluß daselbst erlangen wie bisher, wo man allgemein in Palästina den Zionisten vorwirft, daß sie, abgesehen von der Bank, nichts Vernünftiges gemacht haben? Doch mit dieser eminent wichtigen Frage der Errich tung eines Palästinakulturfonds neben dem Nationalfonds und Parteifonds komme ich schon in das Gehege des folgenden Red ners. Ich konnte aber nicht mein Referat über die wirtschaftlichen Fragen schließen,- ohne einen Ausblick auf die Kulturaufgaben, denn wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung sind zwei Zwillingsschwestern, die verkümmern, wenn man sie voneinander trennt.

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