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Die Welt · 1908-06-12 · 23 (12.6.1908) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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auch hier völlige Freiheit wahren. Auch wir empfinden den Zwiespalt zwischen Judentum und dem modernen Leben, aber wir haben eine andere Lösung dafür als die Reform. Eine endgültige Lösung kann erst der Zionismus bringen, indem er ein lebendiges nationales Leben schafft. Ein Antrag auf Verkürzung der Redezeit wird zunächst abgelehnt. Rechtsanwalt Gronemann (Berlin): Der Zionismus ist nicht nur praktische Arbeit, sondern ist eine Lebensanschauung. Ihm gegenüber steht nicht eine Richtung mit bestimmter Anschauung. Es ist falsch, zu sagen, daß in den übrigen jüdischen Organisationen die Assimilation regiert, denn Assimilanten gründen keine jüdischen Organisationen. Das ist unlogisch. Wir wollen auch keine Proselyten unter bewußten Assimilanten machen, sondern nur die Unklaren, die keine Anschauung haben, für uns gewinnen. Man kann doch auch nicht sagen, daß das Zusammenarbeiten mit den Organisationen ein Rückschritt für den Zionismus ist, es ist vielmehr ein Fortschritt. Es ist durchaus nicht nötig, daß wir in den übrigen Vereinen, in denen wir sind, unsere Anschauungen verbergen. Der Zentralverein tut auch viel schlimmer, als er in Wirklichkeit ist. Unser Standpunkt gegenüber den meisten dieser Vereine muß der sein, daß wir sagen, es ist ganz gut und nützlich, was sie tun, aber Rettung des Judentums ist es nicht. Prinzipiell sind wir gar nicht so weit von Herrn Feiwel entfernt, aber wir müssen dem Umstand Rechnung tragen, daß Hunderte von uns in anderen jüdischen Organisationen sind, und wir müssen einen Modus vivendi finden. Dr. Halpern (Hamburg): Das Zentrum der Bewegung liegt jetzt in Deutschland; es wäre im Interesse der Sache hesser, wenn es im Osten läge, wo die Berührung mit den jüdischen Massen eine innigere ist. Der Standpunkt Dr. Klees, daß es nicht darauf ankommt, was in den Programmen der jüdischen Organisationen steht, sondern was die leitenden Männer sagen, ist gefährlich. Denn leider ist es auch bei uns so, daß zwischen dem, was die „leitenden" Männer sagen und was in unserm Programm steht, oft genug ein Widerspruch besteht Die Rede, die Dr. Klee heute gehalten hat, würde keinen zum Zionismus bringen. Die Darstellung, die er von unserm Verhältnis zu den jüdischen Organisationen gab, entsprach nicht der Wirklichkeit, denn an ein Zusammenarbeiten Ist vorläufig gar nicht zu denken. Das zeigt die Brüsseler Konferenz, welche ein Mißerfolg war. Dr. Halpern kritisiert sodann in scharfer Form das Verhalten Dr. Klees in der Öffentlichkeit Man kann nicht zugleich offizieller Vertreter des Zionismus und Agitator für die Ito sein. Wie sollte man einem Juden nach den Reden Dr. Klees für die Ito klarmachen, daß er demselben Dr. Klee als Zionist sich anschließen soll. — Auch unser neues ABC-Büch bringt eine gänzlich irreführende Darstellung über unser jetziges Verhältnis zur Ito und die Bedeutung der Itopläne. Man gewinnt aus ihm den Eindruck, daß die Ito eine bedeutsame, ernst zu nehmende Bewegung und Organisation ist. Das entspricht aber nicht den Tatsachen.' Dr. Gronemann hat die übrigen Organisationen ebenso stark diskreditiert, wie Dr. Klee sie erhoben hat. Die Wahrheit ist, daß nicht wir ihnen näher kommen sollen, sondern abwarten sollen, bis sie unsere Mitarbeit wünschen. Wiener (Kattowitz): befürwortet die Gründungeines Gemeindeverbandes und einer Hilfskasse für schwache Gemeinden für das ganze Gebiet Preußens.. Er wendet sich ferner gegen den Verband liberaler Juden, in welchem Leute, deren Kinder getauft sind, vielfach das große Wort führen. — Reformen des Kultus, die nur für einen Teil der Judenheit in Frage kommen, sind grundsätzlich abzulehnen. Zum Schluß wendet sich der Redner gegen die Ausschließung der ausländischen Juden in Baden von der Wahlberechtigung für die Gemeinden. Dieser Beschluß ist ein schwerer Verstoß gegen den Gedanken der jüdischen Gemeinschaft Df. Elias Auerbach (Berlin): Die Haltung der Zionisten in der badischen Synode ist ein schwerer Verstoß gegen die Grundlagen national-jüdischer Anschauung. Wir müssen deutlich von dieser Art Kompromißpolitik abrücken. Die Hauptfrage für unsere Betätigung in Politik, Organisationen und Gemeinden ist: Wohin steuert die Politik, die wir verteidigen, und die Politik, die wir bekämpfen? Die Politik, die wir bekämpfen, ist die Politik der Assimilation. Die Politik, die wir fördern, ist die Politik der Erhaltung des Judentums. . Die Politik des Zentralvereins ist zum letzten Ende die Politik der Assimilation. Dazu das Betonen des deutsch-nationalen Standpunktes. ' Wir haben keinen Grund, uns zu solchen Bestrebungen freundlich zu stellen. Der Zentralverein versperrt uns den Weg zu Tausenden deutscher Juden, weil er ihnen das Verständnis für wahre jüdische Politik unmöglich macht Es geht nicht an, zu sagen, daß Assimilanten keine jüdischen Organisationen gründen. Sie sind freilich nicht konsequent, aber sie ebnen der endgültigen Assimilation den Weg. In der politischen Betätigung der Juden gilt dasselbe. Die Regierung hat ein Interesse an dem Verschwinden des jüdischen Volkstums; eine Durchführung der Emanzipation im wahren Sinne ist von ihr nicht zu erwarten. Ihre Unterstützung durch die Juden wird nur wenigen Juden zugute kommen. Die jetzigen Parteiverschiebungen in Deutschland sind nichts Neues für die Juden; es ziehen sich wieder liberale Parteien allmählich von ihnen zurück. Die Blockpolitik bedeutet für die Juden eine weitere Förderung der Assimilation, wenn sie sich ihr anschließen. In der Organisation jüdischer Gemeindeverbände werden wir, so wünschenswert dieses Ziel ist, nicht weit kommen, da die Tendenz der preußischen Regierungspraxis im ganzen letzten Jahrhundert ihr entgegensteht. Unsere Parole hat zu lauten: In allen jüdischen Fragen sind wir zuerst Juden, in allen deutschen Fragen zuerst Deutsche. Dr. Heymann (Berlin): Seitdem klar geworden ist, daß der Charter für Palästina erst nach längerer Zeit zu erhalten ist, müssen wir uns darauf einrichten. Wir haben darnach zu streben, Macht, Mittel und Einfluß zu gewinnen. Seit 1903 haben wir weniger Fortschritte gemacht als andere Organisationen. Unsere Methode muß sich ändern. Wir müssen uns den anderen Organisationen nähern, die von durchaus guten und bewußten Juden geleitet sind. Redner empfiehlt die Resolution Friedemann-Heymann. Dr. Israel Auerbach (Hamburg): Es ist gefährlich, eine ganz platte Nützlichkeit politisch zu verfolgen, denn sie hat die unangenehme Begleiterscheinung, daß sie unsere Bewegung als moralische Persönlichkeit kompromittiert Wir sind aber durchaus auf diesem verhängnisvollen Wege, wenn wir rückhaltlos und wahllos eine Angliederung an die anderen Organisationen versuchen wollten, ohne daß von der anderen Seite an uns herangetreten wird, oder trotzdem wir, wie vom Zentralverein oder der Ito, bekämpft werden. Friedemann: Es ist heute wieder einmal der Zionismus gerettet worden. Aber das wirkt nicht mehr, und es hat auch keinen Zweck. Als Dr. Klee sein Referat hielt, hatte ich den Eindruck, er hat recht, und als Herr Feiwel oder Halpern sprachen, hatte ich auch den Eindruck, sie hätten recht. Die Sache ist die, jeder hat eben nach seinem Temperament gesprochen. Dr. Klee ist mehr praktisch veranlagt, Feiwel und Dr. Halpern mehr theoretisch. Wir können keine Politik treiben nur als deutscher Staatsbürger, immer werden wir durch unser Judentum beeinflußt werden. Lin (Berlin): Erinnert an die Frage zur Stellung zu uns selber, und bringt gleichfalls einen diesbezüglichen Antrag ein. Theilhaber (München): Kritisiert die Organisation unddas C. C. Wir brauchen eine Behörde, die uns im allgemeinen die Politik der Arbeit angibt Wir brauchen vor allem mehr System. Hoppe (Königsberg) spricht von der Presse. Levigard (Frankfurt): Wir haben kein Organ, das wir an Nichtzionisten geben könnten. Dienstag den 9. Juni. Vormittagssitzung. Das Wort erhält Professor Dr. O. Warburg zu seinem Referat über: Die wirtschaftliche Entwickelang Palästinas Wenn das Programm meines heutigen Referats lautet: Die wirtschaftliche Entwickelung Palästinas, so brauchen Sie nicht zu fürchten, daß ich hier einen wissenschaftlichen Vortrag halten werde mit statistischen Angaben und gründlichen Deduktionen. So verlockend dies auch sein würde, um einmal weitern Kreisen zu zeigen, wie selbst unter dem Halbmond, unter der Herrschaft des Türken, unter dessen Fuß ja angeblich kein Grashalm wächst, wirtschaftlicher Fortschritt vor unsern Augen stattfindet, so ist der Deutsche zionistische Delegiertentag doch nicht der Ort dazu. Wir sind ja jetzt glücklicherweise, nach fünfjährigen Bemühungen, seitdem auf dem 6. Kongreß in Basel im Jahre 1903 eine Palästinakommission durchgesetzt wurde, so weit, daß wir verlangen und erwarten können, daß wenigstens die zum Delegiertentag gesandten Vertreter des Zionismus einigermaßen über Palästina orientiert sind und die Ansichten sich zu eigen gemacht haben, welche die Kenner des Landes schon seit langer Zeit vertreten haben. So leicht war diese Aufklärungsarbeit freilich nicht und es ist fraglich, ob nicht die Richtung des Zionismus von vornherein eine andere — und vielleicht eine gesündere — gewesen wäre, wenn schon vor 10 Jahren die nötige Sachkenntnis in bezug auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Palästina bietet vorhanden gewesen wäre. Es soll dies kein Vorwurf sein; denn es war die allgemein damals herrschende Ansicht, daß sich aus Palästina nur in lang-

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