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Die Welt · 1908-06-12 · 23 (12.6.1908) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 DIES drängt ihm ein.e radikale Weltanschauung auf. Der andre liebt mehr die stillen Wirkungen, die allmählichen Übergänge. Ihm ist das stürmische Vorgehen leidenschaftlicher Geister zuwider. Er denkt mit Goethe: „Der wahre Liberale sucht mit den. Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, so viel Gutes zu bewirken, wie er nur immer kann; aber er hütet sich, die.oft unvermeidlichen Mängel sogleich mit Feuer uud Schwert vertilgen zu wollen. Er ist bemüht, durch ein kluges Vorgehen die öffentlichen Gebrechen nach und nach zu verdrängen, ohne durch gewaltsame Maßregeln ebensoviel Gutes mit zu verderben." Diese Gegensätze sind dauernd. Und das ist gut so. Der Feuereifer der einen findet seine natürlichen Grenzen in dem Beharrungsvermögen der andern. Dann wird der Weg zum Bessern Schritt fürSchritterkämpft, und jeder Fortschrittruhtaufsicherm Boden. Wenn wir aber nun zum Schluß fragen, durch welche politischen Mittel die von mir aufgestellten Forderungen nationaler, vaterländischer, wirtschaftlicher und machtpolitischer Art zu erreichen sind, so müssen wir den Gegensatz der uns einigenden von den uns trennenden Interessen im Auge behalten. Die frühere Generation suchte ihre Ziele zu erreichen durch Anschluß an eine Partei ohne Rücksicht auf die eben betonten Gegensätze, durch Stärkung und Förderung dieses einen Faktors. Diese Politik hat uns keinen Schritt weiter gebracht. Sie ist nicht zu empfehlen. In gleicher Weise ist als praktisch unbrauchbar die ■ Bildung einer besondern jüdischen politischen Organisation abzulehnen. Ich empfehle, es im Tageskampfe jedem einzelnen zu überlassen, welcher Partei er sich anschließen will, ob den in der Bildung begriffenen Faktoren, die zu herrschen beanspruchen und die bestehende Macht zu beugen suchen, oder ob es ihm mehr liegt, die Verwirklichung seiner eigenen Ideale und Gedanken im Anschluß an vorhandene Macht zu erstreben. Meine Ortsgruppe hat den letzteren Weg eingeschlagen, der ihrem Wesen am nächsten liegt, und hat damit gute Erfolge erzielt. Um hier richtungweisend aufzutreten, fehlt es an jeglicher Vorarbeit in Gestalt praktischer Versuche. An Ideen sind wir überreich, an praktischen Versuchen über alle Begriffe arm. Noch heute gilt, was einst Fontane in einem Briefe schrieb: „Die Juden sind und bleiben politisch unverständlich; sonst so praktisch, verfallen sie politisch sofort der Phrase. Sie sind Phantomanbeter, Anbeter eines Gottes, den sie sich erst machen. Wie in ältester Zeit, immer Rückfälle in den Götzendienst. Aber es hilft ihnen nichts. Sie schreiben Zeitungen. — aber nicht Geschichte." Wenn wir die hier empfohlene Politik treiben, wird es uns auch gelingen.einige wirkliche jüdischeAbgeordneteinsParlamentzu schicken. Die Bevölkerung neigt dazu, wie in den Kommunen und Landtagen der Einzelstaaten, einige Sitze jüdischen Abgeordneten zu überlassen. Es gilt, die richtigen Persönlichkeiten herauszufinden. Das brauchen keine Zionisten, es müssen nur selbstbewußte Juden sein, denen nichts Jüdisches fremd ist, die zu antworten wissen, wenn von Seiten unserer Feinde Irrtümer über unser Volk, über unsere Sitten, über unsere Religion vorgebracht werden. Mehr als eine Tribüne, von der wir gehört werden, ist und kann das Parlament für uns nicht sein. Die empfohlene Politik gilt aber nur für die einzelnen Juden. Unsere zionistische Organisation und Leitung hat sich von leder Politik fern zu halten. Sie ist nicht liberal oder konservativ, nicht englandfreundlich oder russenfeindlich, sondern jüdisch und sachverständig. Still sitzen, die Entwicklung der Dinge mit offenem Auge betrachten, aus der Summe des Möglichen das in jedem Augenblick Notwendige herausfinden und durchführen, das ist Aufgabe unserer Leitung. Wenn wir diese Politik verfolgen, werden wir die nutzlosen Konflikte vermeiden, werden wir die Sache, der wir dienen, am besten fördern und weiterführen. Eine erziehliche Wirkung wird davon auf unser Volk ausströmen. Ein mannhaftes Geschlecht wird heranwachsen, das sich treuer Arbeit für die Gesamtheit widmet. Nur diese Arbeit vermag die letzte Befriedigung zu gewähren. Tue leder in der stillen Folge der Tage das Seine und bleibe in Bereitschaft. Das ist alles. Die kleine Arbeit hilft zu den großen Taten, die einmal kommen müssen. Dannaber, wenn einstdersiebenteTagunseresunglücklichen Volkes wiederkehrt, gedenke jeder deutsche Jude der Worte seines Schiller: „Was auch daraus werde, — steh zu deinem Volk, Es ist dein angeborener Platz." Herr Dr. Friedemann machte hierauf Mitteilung von zwei Resolutionen, auf die sich das C. C. in den Fragen der innern Politik und der Stellung zu den jüdischen Organisationen geeinigt hat: 1. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland lehnt, ohne die Stellungnahme der einzelnen zu beschränken, für sich als Organisation jedes Eingreifen in die innerpolitischen Kämpfe Deutsch- KELT No, 23 lands und daher jede Un terstützung einzelner, politischer Parteien ab. 2. Der XL Delegiertentag begrüßt das Wirken der andern großen jüdischen Organisationen, soweit es. der Gliederung und Zusammenfassung der gesamten-Judenschaft sowie .der Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewußtseins dient Der Delegiertentag spricht die Hoffnung aus, daß es gelingen werde, alle jüdischen Organisationen in gemeinsamem Handeln im Gesamtinteresse der Judenheit, insbesondere in bezug auf Palästina, zusammenzufassen. Hieran schloß sich die Generaldebatte über die Eröffnungsrede, den Bericht des Zentralkomitees und die drei Referate der Herren Klee, Ascher und Kollenscher. Generaldebatte ' Feiwel, Berlin, beklagte, daß das C. C. einen Bericht nur über das Finanzielle gegeben habe; hatte dehn seine Tätigkeit im vergangenen Jahr keine anderen Materien? Was jetzt in den drei Referaten neu gebracht wurde, soll eine Ausgestaltung des Zionismus bedeuten? Was heißt die Losung von Dr_ Klee: Heraus aus dem Turm? Es kann nur heißen, wir waren bis jetzt zu ausschließlich zionistisch, zu agressiv, wir waren nicht'verhandlungsfähig. Aber das ist gar nicht der Fall gewesen. Wenn wir jetzt den anderen Organisationen noch mehr entgegenkommen, so müssen wir von unseren Prinzipien noch mehr aufgeben. Wir stehen insofern an einem Wendepunkt, als der deutsche Zionismus jetzt ausschlaggebend für die ganze Bewegung ist Unsere nationale Kraft gegenüber den Organisationen ist kleiner geworden, weil .wir paktieren. Es gibt zwei Arten von Zionismus. Der eine will Zion als Transportmittel für fremde Juden, der nationale Zionismus will aber Zion für sich. Es darf keine Zionisten geben, welche in ihren Ländern sich assimilieren können oder wollen, aber es gibt solche. Was ist denn der Unterschied zwischen solchen Zionisten und Mitgliedern irgendeines Hilfsvereins? — Wir sollten die Geduld haben, eine Macht zu werden; vorläufig braucht man uns nicht, so daß das Zusammenarbeiten nur ein frommer Wunsch von. unserer Seite ist. Nur eine natürliche und erwünschte Arbeit mit anderen Organisationen ist möglich, die für und in Palästina. Es kommt darauf an, will man die Assimilation oder nicht Diese Organisation will das. Verschwinden des Judentums. Es heißt nicht die Gegensätze verwischen, sondern sie bis zum Ende auskämpfen. Dort das jüdischnationale Ziel» hier evtl. die Besserung der sozialen Lage einiger Juden. Wir sollen uns nicht zu tief verbeugen. Soll es Zionismus oder Staatsbürgerverein plus Esra sein? (Lebhafter Beifall und Widerspruch.) Delegierter Hermann Struck bringt eine Interpellation an die deutschen Mitglieder des A. wegen der im Zentralbureau vorgekommenen Verletzung der Sabbatruhe ein. Er verliest eine Resolution des Misrachi, welche die Aufnahme einer Bestimmung in das Organisationsstatut verlangt, die derartiges für die Zukunft verhütet. Ferner verlangt er die Ausschaltung aller religiösen Fragen aus unseren Parteiorganen. Dr. A. Friede mann, Berlin, erklärt sich, auch im Namen von Dr. Bodenheimer und Dr.. Gronemann mit den Maßregeln zur Verhütung solcher Vorkommnisse einverstanden. Gleichzeitig gibt er der Entrüstung darüber Ausdruck, daß Gesinnungsgenossen aus den Kreisen des Misrachi diese Sache in zionistenfeindlichen Blättern zur Sprache brachten. Dr. Hantke, Berlin, gleichfalls Mitglied des Großen A. C, hält die Form der Behandlung der ganzen Angelegenheit durch den Misrachi für verfehlt Für die zukünftige Verhütung solcher Dinge soll alles geschehen, dagegen ist die Aufnahme einer speziellen Bestimmung in das Statut unangebracht und unserer Bewegung nicht würdig. Nach kurzer Geschäftsordnungsdebattfr beantragt Levigard (Frankfurt) die Besprechung der Interpellation für den nächsten Tag. Simon (Mannheim) spricht zum Referat Köllenscher. Wir müssen die Arbeit in den jüdischen Gemeinden dazu benutzen, die Juden zu erziehen; nicht nur der Religionsunterricht der Kinder, sondern die ganze spätere Beeinflussung der'Gemeindemitglieder durch jüdische Ideen muß durch uns allmählich reformiert werden. Schon die fortwährende Äußerung unserer abweichenden Meinungen in den Gemeindevertretungen ist erzieherische Arbeit. Die Agitation im bisherigen Sinne genügt keineswegs^ um die Juden zu uns zu bringen. — Auch die Palästinaarbeit kann als neutrales Gebiet dienen, auf dem die anderen Juden uns nahe kommen. Wir wollen uns in religiösen Angelegenheiten nicht für oder wider eine bestimmte Partei für alle Fälle festlegen, aber unsere Stellungnahme gegenüber der Reformbewegung ist eine nationale Frage. Die Reform ist stets gleichbedeutend mit Assimilation, denn sie ist unter den heutigen Verhältnissen in jüdischem Sinne nicht möglich. Aus diesem: Grunde gehen wir vielfach, so auch in Baden, mit der Orthodoxie Hand in Hand, müssen uns jedoch

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