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Die Welt · 1908-06-12 · 23 (12.6.1908) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Frage zu behandeln, deren Lösung aus dem innersten Gefühl und Instinkt des Menschen herausgefunden werden muß? Meine Freunde, denen ich meine Zweifel nicht verbarg, erinnerten sich aber an ein Nietzschewort, das ich einem von ihnen zugerufen hatte: Was liegt an dir? Sprich dein Wort und zerbrich. Die politische Stellung der Juden in Deutschland, meine Damen und Herren, hat zum Gegensatz ihre Stellung im wirtschaftlichen und kulturellen Leben unseres Landes. Politik und Kultur sind die größten Mächte im Leben der menschlichen Gesellschaft, Kultur im weitesten Sinne verstanden, als Entwicklung der geistigen und sittlichen Kräfte der Menschheit. Die Politik ordnet und gestaltet das äußere Leben der menschlichen Gesellschaft. Die Kultur formt den seelischen Inhalt der Menschheit. Beide Mächte stehen in mannigfachster Beziehung zueinander. Sie wirken aufeinander ein und durchdringen sich gegenseitig. Aber nur durch eine klare Scheidung und Abgrenzung können wir die" für unser Handeln, für unsere praktische Betätigung maßgebenden "Gesichtspunkte gewinnen. Die Organisation des politischen Lebens gipfelt im Staat. Die Organe des kulturellen Lebens der Menschheit sind die Völker, die Nationen, die Nationalitäten. Die Nation ist ein natürliches Gebilde, aus den verschiedensten Rassen, politischen, kulturhistorischen, geistigen und geschichtlichen Elementen zu einer natürlichen Einheit, zu einer kollektiven Persönlichkeit herausgewachsen, einer Einheit, die wie alles Natürliche ein eigenes, besonderes Innenleben hat, ein bewußtes und unbewußtes, wie das einzelne Individuum, wie alle natürlichen Organisationen. Aus der Tiefe des Unbewußten strömen fort und fort geistige Kräfte ins Bewußtsein und vermehren den Gemeinbesitz des Volkes an Gütern der Kultur. Der Staat dagegen ist ein künstliches Gebilde, eine Körperschaft, dem die Organe seinerBetätigung künstlich geschaffen werden mußten. Der Staat hat im Laufe der Geschichte die verschiedensten Formen angenommen, hat Nationen zu einer Einheit zusammengeschweißt und wieder getrennt, zeigt die verschiedensten Gestaltungen, in denen sich sein Wille kundgibt Glied eines Staatsverbandes kann man werden, als Glied seiner Nation wird jeder geboren. Hier gibt es kein Entweichen. Unentrinnbar ist jeder von der Stunde der Geburt bis zu seinem Tode mit seinem Volke verknüpft, mögen die verbindenden Fäden noch so lose, mag das Bemühen, sie zu zerreißen, noch so heiß sein. Diese Unterschiede kann man vielleicht nicht sehen, wenn man geflissentlich vor ihnen den Blick verschließt; aber übersehen, wenn man die Augen offen hält und gebrauchen will, kann man sie nicht. So verschieden das Wesen beider Organe ist, so verschieden sind naturgemäß auch die Entwicklungsbedingungen beider. Ein künstliches Gebilde, wie der Staat kann ohne Zwang seine Zwecke nicht erreichen. Zahlung von Steuern und Leistung der Heeresfolge kann nicht der freien Willkür der Staatsglieder überlassen werden. Die Ziele dagegen, denen die Nationen bewußt oder unbewußt zustreben, die Ausbildung der geistigen und sittlichen Kräfte, sind nur erreichbar bei größter Freiheit der Betätigung, bei Abwesenheit jeden Zwanges. Deshalb lasse man den Freiheitsruf nicht ohne kritische Prüfung auf den Gassen erschallen. Man gebe dem Staate, was des Staates ist man verlange aber auch freie Entfaltung der Volksindividualität. Die Schwierigkeiten in der Lösung der Frage, was dem Staate, was dem Volke gebührt, welche Forderungen der Staat welche das Volk an seine Glieder stellen kann, vermehren sich dadurch, daß der Staat als Machtorganisation auch die innern Güter, d. idas Volkstum zu schützen und zu pflegen hat, und zwar nicht nur ein Volkstum, das herrschende, sondern in gleicher Fürsorge auch die Volksminoritäten. Der Staat hat helfend einzugreifen, wenn Kräfte, die für das innere Volksleben von Bedeutung sind, unterzugehen drohen, weil sie nicht den Nährboden für ihre Entwicklung finden. Hat doch der Staat von dieser Förderung den größten Segen. Ein Märchen ist es, erfunden in den Kindertagen der Demokratie, als sei ein Staat um so stärker, je einheitlicher seine Bevölkerung ist Die Geschichte zeigt, daß nur diejenigen Staaten zu historischer Größe emporgehoben sind, in denen verschiedene Rassen und Nationalitäten gemeinsam an der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gesamtleistung mitgearbeitet haben. Anderseits gestaltet aber das Volkstum aus sich heraus den Staat, bildet und formt ihn. Aus diesem Ineinandergreifen von Staat und Volkstum entstehen die Gegensätze, die die Bevölkerung eines Gebietes zu den erbittertsten Kämpfen fortreißen. Eine gedeihliche Entwicklung kann nur gefördert werden, wenn jedes Gebilde die ihm innewohnenden Schranken erkennt und mit fester Willenskraft beobachtet und wahrt. In Deutschland ist durch die Ereignisse des letzten Jahrhunderts das herrschende Volkstum in gleicher Weise kräftig und selbstsicher geworden, wie in England das angelsächsische. Aus diesem Grunde kann und wird es dazu übergehen, die Ansprüche der Minoritäten zu achten. Kleine Reaktionen, wie in der Polenfrage, hindern den Fortschritt nicht. Auch England hat seine Jrenfrage. Diese Probleme komplizieren sich vornehmlich durch die eingreifenden territorialen und außerpolitischen Interessen. Die politische Beachtung unserer nationalen Rechte zu fordern, haben wir bisher unterlassen. Die frühere Generation rang um Anerkennung der bürgerlichen Rechte, um Gleichbeachtung der einzelnen vor dem Gesetz. Diesen Kampf müssen wir selbstverständlich weiter führen. Das Moralische, sagt Vischer, versteht sich von selbst. Das verlangt unser Ehrgefühl, unser Selbstbewußtsein. Als Söhne des ältesten Kulturvolks dürfen wir es nicht dulden, als Parias behandelt zu werden. Freilich ein kulturelles Gut haben auch schon unsere Väter erstritten, die Freiheit der Religionsübung. Das war immer der lauteste Ruf im Freiheitskampfe der Menschheit von den Makkabäern bis auf unsere Tage. Die Religion ist aber immer nur ein Zweig des nationalen Lebens, wenn auch der bedeutendste. Das Innenleben der heutigen Menschheit erschöpft sich nicht mehr in ihren Anschauungen über die letzten Dinge. Die Volksmasse identifiziert ihr nationales Gefühl immer mit dem religiösen. Sie besitzt nicht die feine Unterscheidungskunst, das Wesen eines Dinges von seinem sichtbaren Ausdruck zu sondern. Wir verlangen Freiheit in der Entwicklung aller aus unserm nationalen Leben entspringenden Kräfte, Rücksicht auf unsere historischen Traditionen, Verständnis für die uns von unsern Vätern erworbenen Sitten und Gebräuche, Anerkennung der edelsten Züge unseres Volkstums. Zwar sind wir uns bewußt, daß unser Volksleben neben köstlichen Blüten auch traurige Auswüchse gezeitigt hat, daß uns Fehler und Mängel infolge nnserer historischen Entwicklung anhaften. Aber nicht in höherm Maße als den andern Völkern. Wir verlangen Spielraum, um diese Auswüchse zu beseitigen, aber nicht von außen, sondern aus den uns innewohnenden Bedingungen heraus. Unser jüdisches Schulwesen, die Handhabung des jüdischen Religionsunterrichts verlangen eine dringende Reformation. Auf die Einzelheiten einzugehen, liegt nicht im Rahmen meines Vortrags. Wir müssen die Arbeiten da aufnehmen, wo sie unsere Väter haben liegen lassen. Der Ruf Klees: „Heraus aus* dem Turm!" macht hier die Bahn frei. Legen wir vor aller Augen dar, wie ernst unsere Arbeit um die Erziehung und Förderung unseres Volkes ist, dann wird man einsehen, daß das, was unser eigen ist und wodurch wir kulturschaffend geworden sind, gehegt und gepflegt zu werden verdient mit der ganzen Leidenschaft, deren die jüdische Seele fähig ist. Man wird erkennen, daß es unserm deutschen Vaterlande nur zum Segen gereichen kann, wenn wir die Tugenden unserer Vorfahren, Ehrbarkeit u;id Sitte, Zucht und Ordnung, wirtschaftliche Lebensführung und strenges Pflichtgefühl, der folgenden Generation rein und unverfälscht zu überliefern trachten. Man wird die Bedeutung eines so stabilen Elements, wie des Judentums, als Kulturfaktor werten lernen, als sichtbares Zeichen, welche bewahrende Macht der Beobachtung des vierten Gebots innewohnt: Achtung vor Wesen und Art, Denken und Empfinden uuserer Vorfahren. Insonderheit wird man die Wirkung verspüren, welche von uns Zionisten ausgeht, die wir das Erbe unserer großen Vergangenheit nicht in den Wind streuen, sondern für die Gegenwart und Zukunft fruchtbar machen. Mit Stolz und Selbstbewußtsein, diesen beiden höchsten Werten im Menschenleben, erfüllen wir unsere Anhänger, aber mit einem Stolz und einem Selbstbewußtsein, die fest gegründet sind. Diese Grundlagen schaffen nur die wahrhaft großen Aufgaben. Sie entbehren, die nur leben um des Lebens willen. Unsere Arbeit kreuzt sich nirgends mit den Forderungen des Staats: In allen vaterländischen Fragen werden wir rückhaltslos für alles eintreten, was die Entwicklung und Sicherheit-Deutschlands fördert. Wir verlangen vom Staate Achtung unserer Einzel- und Volkspersönlichkeit, wir gewähren ihm dafür, was er zu seiner notwendigen Vereinheitlichung bedarf. Der Staat darf fest darauf bauen, daß wir die zuverlässigsten Freunde der bestehenden Ordnung sind. Einigen uns die nationalen und vaterländischen Fragen, so werden die wirtschaftlichen und machtpolitischen Fragen in unsern Reihen dieselbe Scheidung hervorrufen wie anderwärts. Die Gefühle, Instinkte, Neigungen, die hier die Entscheidung treffen, sind in der Natur der Menschen begründet Den einen bannt das gewaltige Wollen umwälzender Geister. Seine ganze Veranlagung

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