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Die Welt · 1908-06-12 · 23 (12.6.1908) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die großen Kämpfe der zionistischen Bewegung im allgemeinen um die Ausgestaltung der Idee und die Form und Methode der Politik sind natürlich auch in der deutschen Organisation nicht ohne Echo geblieben. Immerhin haben dieselben die Gemüter der deutschen Zionisten im letzten Jahre nicht so heftig erregt wie in anderen Ländern. Insbesondere zeigte sich dies auch bei der Stellungnahme zu der Statutenänderung der Jüdischen Kolonialbank. Nachdem diese Frage durch Richterspruch entschieden ist, glaube ich, daß alle Gesinnungsgenossen in Deutschland mit mir in der Hoffnung einig sind, uns vor dem Richterspruche zu beugen und innerhalb der zionistischen Organisation wieder mit neuem Eifer an fruchtbare Arbeiten für die Erreichung unseres Zieles zu gehen. Der Gewittersturm, der über uns hinbrauste, hat die Luft gereinigt; ■ hoffen wir, daß er Bahn schafft für gedeihliches Zusammenwirken aller Richtungen, welche das zionistische Programm als verbindlich anerkennen. Wenn wir aber ernstlich für alle künftigen Fälle solchen Vorkommnissen vorbeugen wollen, so ist ein erstes Erfordernis für uns, daß wir uns auf unseren Tagungen etwas ernstlicher mit der Frage der Politik der zionistischen Bewegung befassen. Wir haben es bisher für zweckmäßig gehalten, die Erörterung dieser Frage auszuschalten und dem Aktionskomitee der Bewegung nach seinem freien Ermessen zu überlassen. Es ist das noch eine Tradition von Herzl her; mit dieser Oberlieferung, die aus einer Zeit stammt, wo die Organisation sich noch in den Kinderschuhen befand, müssen wir brechen. Ich halte es für notwendig, sich auf den Delegiertentagen der Landesorganisationen über ein politisches Programm zu einigen und über Resolutionen, die die Grundlage der Beratungen des Kongresses bilden können, zu verständigen. Ein solches Programm läßt sich begreiflicherweise nicht ohne gründliche Beratung in einem kleinen Komitee aufstellen, das verpflichtet sein soll, seine Vorschläge der öffentlichen Erörterung vor dem nächsten Delegiertentag zu unterbreiten. Unter dem politischen Programm verstehe ich selbstverständlich nicht, lediglich eine Wiederholung der von dem ersten Baseler Kongresse angenommenen Leitsätze, sondern ein Aktionsprogramm, in welchem Stellung genommen wird zu allen Fragen der inneren und äußeren Politik der zionistischen Bewegung. In diesem Programm muß Art und Umfang der notwendigen politisch-diplomatischen Schritte festgelegt werden. Es müßte auch die weitere Frage erwogen werden, in welchem Umfang und aus welchen Gesichtspunkten praktische Arbeit in Palästina zu leisten ist, und in dritter Linie müßte Stellung genommen werden zu den Fragen sozialer und kultureller Natur, welche ihre Lösung in der zionistischen Organisation suchen. Für diesen ganzen Komplex von Problemen soll das Programm eine klare Richtungslinie geben. Auf dem letzten Kongreß hat sich auch ein Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeiten in Palästina gebildet, dessen Streben darauf gerichtet ist die jüdischen Frauen der ganzen Welt für praktische Arbeit in Palästina zu Mitarbeitern zu gewinnen. Dieser Verband hat sich zum besonderen Zweck gesetzt die jüdischen Frauen Palästinas durch Förderung aller den Frauen naheliegenden Ideen und Bestrebungen auf ein höheres Niveau sozialer und ethischer Betätigung zu heben. Wir dürfen es uns zur Ehre anrechnen, daß die zionistischen Frauen Deutschlands die ersten und eifrigsten gewesen sind, welche diese Sache in die Hand genommen haben, und wir wollen hoffen, daß diese Bestrebungen in Deutschland einen immer größeren Boden finden, da heute schon Frauen, welche den zionistischen Bestrebungen fernstehen, sich mit Eifer dieser Sache angeschlossen haben und so im Sinne der Erhaltung und Stärkung des jüdischen Volkstums in Palästina wirken. Nach dem letzten Delegiertentag hatte in Deutschland eine gewisse Polemik eingesetzt, die sich an den Vorschlag knüpfte, eine jüdisch-politische Partei in Deutschland zu schaffen. Ich glaube, daß der Delegiertentag keinen Zweifel darüber lassen wird, daß, wie auch die Stellung der einzelnen Richtungen zu den politischen innerdeutschen Fragen sein wird, wir uns der staatsbürgerlichen Pflichten gegen unser deutsches Vaterland voll bewußt bleiben, daß wir aber auch mit aller Entschiedenheit darauf bestehen, daß ebenso, wie wir die Pflichten vorbehaltlos übernommen haben, wir uns auch von unserem Rechte weder im Wege des Gesetzes, noch im Wege der Verwaltung auch nur ein Titelchen rauben lassen. Wir wollen daher aufs deutlichste feststellen, daß wir keinerlei jüdische Parteibildung in Deutschland wünschen, wie es vielleicht in andern Ländern, wo jüdische Massen wohnen, angezeigt erscheinen mag. Wir wollen und wissen ganz genau zu unterscheiden, zwischen dem Stammesgefühl, das uns vereinigt und uns veranlaßt, gemeinsam mit unseren Brüdern in allen Ländern für die Zukunft des jüdischen Volkes zu wirken, und den staatsbürgerlichen Pflichten, die wir als Angehörige der Kulturstaaten, in denen wir leben, übernommen haben. Wir glauben so gleichzeitig unserem- Vaterlande zu dienen und den uralten Traditionen des jüdischen Stammes. Einer der größten Söhne Breslaus, Lassalle, hat in seiner Jugend ein Wort gesprochen, das in unseren Herzen hachhallt; er hat gesagt, er wollte -gern das Schaffott besteigen, wenn er dadurch dem jüdischen Volke seine Freiheit und sein altes Vater-, land wieder erringen könnte. Dieses Wort ist von dem Geiste getragen, der Tausende jüdischer Märtyrer freudig den Flammentod hat erleiden lassen für die Ehre und die Ideale des jüdischen Volkes. Möge auch uns dieser Geist erfüllen, daß wir die Zeit näher bringen, wo das jüdische Volk auf eigenem Boden unter Wahrung seiner Eigenart in der Reihe der Völker an den Menschheitsidealen schaffen kann. Ich. erkläre nunmehr den 11. deutschen Delegiertentag" für eröffnet. . Anwesende Ehrengäste: Professor Dr. Israel Lewy, Dozent, Dr. Horowitz (vom Breslauer Rabbiner-Seminar), Rabbiner Dr. Deutsch, Rabbiner Dr. Plüger, Rabbiner Dr. Zuckermandel (Breslau), Prediger Bähr (Waidenberg), Prediger Karlsberg (Reichenbach), Prediger Pionkowski (Breslau), offizielle Vertreter des „Vereins jüdischer Studenten", der Verbindungen „Amicitia" und „Litteraria" vom Rabbiner-Seminar. Sodann verlas der Vorsitzende die Liste der im letzten Jahre verstorbenen Gesinnungsgenossen, zu deren Ehrung sich der Delegiertentag von seinen Plätzen erhob. .- In das Bureau des Delegiertentages wurden folgende Herren gewählt: Rechtsanwalt Bodenheimer, Köln, als Vorsitzender. BreS,aü-} * verwende Verende. Lippmann Bloch, Breslau,) Wiener, Kattowitz, \ als Beisitzer. Struck, Berlin, J £ÄB»}-* Der Vorsitzende verlas darauf ein Begrüßungsschreiben des Präsidenten der Zionistischen Bewegung, Herrn Wolffsohn, das mit lebhaftem Beifall zur Kenntnis genommen und durch ein Telegramm des Delegiertentages erwidert wurde. Goldsteiner (Berlin) bestätigte im Namen des Legitimations- Ausschusses die Gültigkeit aller vorgenommenen Wahlen. Von der benachbarten Organisation der westösterreichischen. Zionisten war Herr Dr. Emil Margulies (Trautenau) erschienen, um •den Delegiertentag zu begrüßen. Er führte unter lebhaftem Beifall aus, daß die Differenzierungen innerhalb des Zionismus keine Ursache abgeben dürfen, die gemeinsame Arbeit zu unterbrechen. Wir sind den östlichen Juden gegenüber weder als Juden, noch als Zionisten, zweiten Ranges. Der deutsche Zionismus hat gerade in den Fragen der materiellen Fundamentierung des Zionismus gezeigt, daß er Verständnis für eine große Idee da hat, wo diese an sich nicht geeignet ist, Begeisterung zu entzünden. Als erster Referent gab Herr Dr. Hantke (Berlin) den Bericht des C. C. für das abgelaufene Geschäftsjahr. Hierauf sprach Herr Dr. Klee (Berlin) über „Das Verhältnis des Zionismus zu den jüdischen Organisationen." Rede des Herrn Rechtsanwalts Dr. Klee Das zionistische Programm ist in der Hauptsache ein Heimstättenprogramm, dessen Wirkung außerhalb der gegenwärtigen Wohnländer der Juden liegt. Es enthält aber außerdem eine Reihe anderer Aufgaben, so Zusammenfassung der Judenheit, Übung des jüdischen Selbstbewußtseins, Förderung jüdisch-kultureller Arbeit, Mithilfe bei der Regelung der großen Auswanderungsfrage u. a. Hieraus ergibt sich unsere Stellung zu den großen Organisationen von selbst Theoretisch ist ein Hand in Hand gehen mit all' denen Organisationen wünschenswert, die auf irgendeinem dieser Gebiete ersprießliche Teilarbeit leisten. Der Prüfstein für uns ist ob auf eine Organisation der zersprengten jüdischen Kräfte angestrebt wird. Der Redner erinnert an die Brüsseler Konferenz, die Resolutionen in" solchem Sinne gefaßt habe, die Erschließung neuer Einwanderungsmöglichkeiten und die Zusammenfassung. sämtlicher großen jüdischen Organisationen zu einem Verband der Verbände erstrebte. Hier kämen nur diejenigen Organisationen in Betracht die in Deutschland lokalisiert sind. Ausscheiden sollten also, für die Erörterung die Ica und die Ito. Im wesentlichen ständen in Frage: 1. Die deutsche Konferenzgemeinschaft der AUiance israfelite universelle. 2. Der Hilfsverein der deutschen Juden.

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