Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 23 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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3. Der VerDana aer aeutscnen Juden. 4. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. 5. Die Logen Briei Brith U. O. B. B. Die Frage, die oft aufgeworfen wurde, ob wir in Anbetracht unserer noch schwachen Kräfte,- die wir zu. eigener intensiver Arbeit brauchen, uns überhaupt an anderen Organisationen beteiligen sollen, ist durch die Ereignisse . längst überholt und entschieden. Sie ist lokal, und individuell entschieden worden und zu entscheiden. L Der Hilfsverein der deutschen Juden. Über ein Zusammengehen mit dieser Organisation existiert nur eine. Meinung. Sie war die erste, welche im Gegensatz zu den andern Vertretungskörpern von Juden sich zuerst wegen Mitarbeiterschaft an uns wandte und die ebenso auf unsern Ruf hinnach Brüssel eilte. Man kann wohl unser Verhältnis zum Hilfsverein als eine Entente cordiale bezeichnen. Die Regelung der Auswanderung ist hierbei die für uns weniger wichtige Tätigkeit. Uns berührt im wesentlichen die Arbeit des Hilfsvereins in Palästina. Man kann über das Maß solcher Arbeit in Palästina, das man für segensvoll hält, verschiedener Meinung sein.. Man braucht nicht -alle diese Arbeiten als auf dem Wege zu unserm Endziel liegend aufzufassen. Aber es ist wohl kaum eine einzige unter den Arbeiten des Hilfsvereins, die nicht doch wirklich auf diesem Wege liegt Es ist richtig, heute eine. Inversion in Palästina zu unterlassen; aber nie konnte ein Streit darüber entstehen, daß die Hebung der bereits in Palästina befindlichen jüdischen Bevölkerung von allerhöchstem Werte ist Der Hilfsverein hat dieses Problem mit deutscher Gründlichkeit angefaßt. Der Aufbau und Ausbau des jüdischen Schulwesens in Palästina von den Kindergärten über die Elementarschulen und Mittelschulen, über das Seminar und die gehobene Handelsschule zu dem projektierten Technikum herauf, ist mustergültig. Ebenso oder in noch höherem Maße bedeutsam und freudig von uns begrüßt ist es, daß dieses Schulwerk in einem Geiste geleistet wird, der Geist von unserem Geiste und Fleisch von unserem Fleische jst Bei den leitenden Persönlichkeiten des Hilfsvereins ist die Überzeugung wirksam, daß die Segnungen für das Volk diesem nicht von außen her nach fremden Oberzeugungen aufoktroyiert werden dürfen. In Palästina lebt machtvoll der Wunsch nach einer spezifisch-jüdischen Kultur, den der Hilfsverein zu realisieren sich vorgesetzt hat Es ist das Verdienst des Hilfsvereins, daß er rnit der alten Tradition, jüdische Massen gewaltsam glücklich machen zu wollen, gebrochen und nur aus ihrem Geiste heraus zu wirken sich bemüht hat. Es liegt hierin einSiegeszug unserer eigenen Ideen, und dasgereicht uns zu besonderer Genugtuung. Hier wird gearbeitet nicht nach jener philanthropischen Methode, vor der wir immer warnten, sondern im Geiste Theodor Herzls,. dessen großes Verdienst es gewesen ist, daß er der erste war, der erkannt hat daß die jüdische Frage international (d. h. in unserem Sinne jüdisch-national) angefaßt werden müsse", wie eine hervorragende Persönlichkeit im Hilfsverein sich ausdrückte. Die ganze Tätigkeit des Hilfsvereins ist ein erfreuliches Symptom der Zeit. II. Die deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance israelite universelle. Die AUiance ist keine junge Organisation, deshalb stößt eine Aufnahme der allermodernsten Ideen, weil alte Traditionen vorhanden sind, auf Widerstand, und doch ist der ursprüngliche Gedanke der Alliance eigentlich derselbe gewesen, wie der Urgedanke des Zionismus, zumindest ist er als ein Vorläufer des Zionismus anzusehen, da er die ganze jüdische Welt umfassen wollte. Ein bedeutsamer Fehler der Alliance liegt in ihrer Zentralisierung in Paris, weil dort kein lebendiges jüdisches Leben vorhanden ist weil dort kein Zusammenhang mit der jüdischen Volksseele existiert. Darum kennzeichnen sich häufig Beschlüsse des Zentralkomitees als solche, die nur aus Unkenntnis der wirklichen Bedürfnisse des jüdischen Volkes entstehen konnten. Ehemals bestand wohl die kulturelle Suprematie Frankreichs im Orient; als diese aber aufhörte, konnte nicht sogleich ein Umschwung in der Organisierung der Alliance erfolgen, weil sie eben mit der früheren Tradition belastet war. Deshalb ist bei aller uneingeschränkter Anerkennung der grandiosen. Kulturtätigkeit der Alliance — und der Zionismus wird .diese Anerkennung ihr nie versagen — doch festzustellen, daß die Wirkung dieser Kulturarbeit der Alliance doch mehr in der reinen aufklärerischen Tätigkeit als in-einer Stärkung des jüdischen Gefühls und Bewußtseins liegt Ein Fehler ist es schon, daß das Seminar zur Ausbildung der Lehrkräfte für die Allianceschulen nicht im Orient steht sondern in einem fremden, völlig andersartigen, gleißenden Milieu, das diejenigen, die es kennen lernten, später unwiderstehlich zurücklockt und so ihrem Tätigkeitsfelde im.Orient entzieht. Das Resultat dieser Arbeit charakterisiert sich also durch Erscheinungen, die nicht auf dem Wege unserer Ziele liegen. — Die Alliance ist aber augenblicklich in einer Entwickelung begriffen, deren Ausgang noch nicht abzusehen ist. Vielleicht hört mit der Zeit ein Teil des überragenden Pariser Einflusses auf, vielleicht dürfen wir hoffen, daß auch die AUiance sich überzeugen wird, daß sie nicht mehr die alleinige Repräsentantin der Judenheit ist. Vielleicht wird es von dieser Seite her künftig nicht mehr allen neueren jüdischen Körperschaften gegenüber heißen: „Was ihr wollt, das leisten wir schon!" Denn das trifft heute ja längst nicht mehr zu. Wir sind der Meinung, daß bei aller Anerkennung dessen, was geleistet wurde und wird, es doch nötig ist daß auch in der Alliance neue Männer heute neue Bahnen finden. Vielleicht ist in der Neubildung der deutschen Konferenzgemeinschaft hier ein Anfang zu sehen. III. Der Verband der deutschen Juden. Die Frage, ob man sich an ihm beteiligen soll, ist falsch gestellt. . Er ist die Zusammenfassung sämtlicher Judenschaftsgemeinden und auf Deutschland beschränkten Verbände. Wir sind also an ihm beteiligt. Es ist ihm oft zum Vorwurf gemacht worden, daß er nichts oder wenig leistet; das erklärt sich daraus, daß er aus den heterogensten Verhältnissen, die. sich schwer vereinigen lassen und auf eine mittlere Linie bringen, besteht. Es liegt auch in seiner Natur, daß eine große Anzahl seiner Leistungen mehr als diskrete Aktionen zu betrachten sind. Seine Arbeiten sind aber zum Teil außerordentlich umfangreiche, so in der Materie der Gesetzgebung, solche muß aber zum Teil diskret sein. Der zusammenfassende letzte Bericht des Verbandes gibt_ einen guten Oberblick über seine Arbeit. Da ist die Tätigkeit der Oberleitungskommission, da ist die Kodifikation des Schulrechtes, die Religionslehrerfrage, die Schächtfrage, die Enquete wegen Geschworenen, da sind, die inneren Angelegenheiten der Juden der deutschen Einzelländer, die Vorarbeiten für das Sabbatruhegesetz, die Militär- und Unterrichts- Enquete und endlich die Ostmarkenenquete. Es ist also tatsächlich ziemlich viel gearbeitet worden. Der Verband hat bei seiner Begründung erklärt, daß er sich auf innerdeutsche Dinge beschränkt, er kann also keine andern großen Aufgaben in sein Gebiet ziehen, höchstens die Frage der Emigration und vor allen Dingen das Ausweisungsrecht. Wir Zionisten unserseits müssen auf der Wacht stehen, daß in die Delegation des Verbandes, da so wichtige Dinge der Erledigung harren, nicht etwa die beschränktesten gewählt werden, nicht etwa jene unentwegten Fortschrittspolitiker, „die in Wahrheit alte rückständige Bahnen" zu verlassen nicht imstande sind, und da die Gemeinden die wählenden Instanzen sind, so haben wir unsere Wirkung so zu suchen, indem wir diese Gemeinden beeinflussen. IV. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Redner ist sich bewußt, auf diesem Gebiete andere Ansichten zu vertreten als die zionistische Allgemeinheit. Die Begründung des Zentralvereins war zu ihrer Zeit eine Tat, und zwar eine moderne, denn sie folgte aus dem Prinzip der Selbsthilfe. Es heiße zwar im Programm, die Juden der verschiedenen Länder hätten lediglich das Religiöse gemeinsam, und diesen Punktkönnen wir Zionisten.für die einStammes- und Volksbewußtsein das Ausschlaggebende ist, weder billigen noch unterschreiben. Kann uns das aber verhindern, mitzuarbeiten? Wenn es auch leider zu konstatieren ist, daß gegenüber wahrhaft fortschrittlichen, gut jüdischen Mitgliedern in der Leitung es auch Ortsgruppen gibt, welche rückschrittlich sind und unsere Ortsgruppen bekämpfen, so ist doch und bleibt der Kampf gegen den Antisemitismus unumgänglich_ und wertvoll. Neben unserer, der zionistischen Arbeit, die das Obel an der Wurzel zu packen sucht, ist auch solche Augenblicksarbeit notwendig,- so notwendig sogar, daß, wenn der Verein nicht existierte, etwas hnliches zu schaffen, in unserem Sinne natürlich, unsere Aufgabe wäre. Er persönlich halte die Unterstützung der Arbeit des Zentralvereins für nützlich, das Einende für wichtiger als das Trennende. Die Zionisten hätten die Aufgabe und die Fähigkeit, positiv Jüdisches in das negativ Abwehrende des Zentralvereins hineinzubringen. Y- Die Logen. Über diese zu sprechen, wäre eigentlich schwierig, weil das Meiste geheim sein soll, aber was allgemein bekannt ist, dürfe wohl auch hier gesagt sein. Der Redner wisse wohl, daß von den Logen der heftigste Kampf gegen den Zionismus ausgegangen sei, so der Protest gegen einen Kongreß in München, und so das Vorgehen der Kölner Loge. Auch sei es nicht vergessen, daß ein Beschluß der Gesamtlogen gefaßt worden war, der sich gegen den Zionismus wandte. Dieser Beschluß ist jedoch aufgehoben. Heute ist die Sache so, daß eine Bestimmung existiert, nach welcher weder für noch gegen den Zionismus in den Logen Propaganda gemacht werden dürfe. Sollen wir nun wegen der früheren Feindschaft und des gegenwärtigen Waffenstillstandes außerhalb bleiben, oder ist auch hier Mitarbeiterschaft wünschenswert? Auch hier ist der Zweifel schon durch die Praxis überholt denn eine große Reihe von Zionisten gibt es unter den Logenmitgliedern-, zum Teil sogar