Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 23 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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6 — DiE3| Der Zionismus — sagt der Redner — ist in bezog auf seine Kolonisationspolitik zu einem Wendepunkt gelangt Seit Jahren wissen wir, daß die jüdische Emigration eine geschichtliche Tatsache ist, das Resultat der Zersetzungskräfte, welche im' heutigen ökonomischen Leben des Judentums tätig sind. Die Zahl der Emigranten steigt fortwährend, und die jüdische Emigration ist nicht nur mit ihren inneren Ursachen eng verknüpft, sondern sie muß auch mit der Aumahmefähigkeit der Länder rechnen, in welche sie eindringen will. Die Geldkrisis in Nordamerika hat die Vereinigten Staaten von einem Lande niederen Druckes zu einem Lande des hohen Druckes gemacht Es fragt sich also, ob in Palästina die Bedingungen vorhanden sind für eine jüdische-Immigration. Die neuesten, sogar offiziellen Stimmen über Palästina sind einig darin, daß das Land sich in aufsteigender Entwicklung befindet Wir erleben jetzt einen kolossalen Aufschwung des Ostens, dessen Mittelpunkt Palästina eben ist. Dieses Land ist bestimmt ein Knoten des ganzen Verkehres im Orient zu werden. Einzig und allein die Ziffern des Exportes aus Palästina in den letzten Jahren beweisen, daß es sich wirtschaftlich stark entwickelt hat Die kulturelle Entwicklung des Landes ist noch mächtiger, und es scheint mir, daß wir vielleicht zu viel jetzt kulturell tätig sind, weil wir schon an den Ausbau eines höheren Schulwesens treten, trotzdem das Land so hoch noch wirtschaftlich nicht gestiegen ist daß es eine große Anzahl der Intelligenz ernähren könnte. Bahnen werden gebaut und bald wird Haifa mit Jerusalem durch eine Eisenbahn verbunden sein, welche das Herz Palästinas durchqueren wird. So sehen wir, daß auf allen Gebieten auch ohne unser Zutun sich eine mächtige Entwicklung vollzieht Nun fragt es sich: Ist es in den gegebenen Verhältnissen für uns, eine proletarisch-zionistische Partei notwendig, etwas zu unternehmen, oder sollen wir der Entwicklung freien Lauf lassen? Wenn wir keine Tendenzen der Entwicklung sehen sollten, . dann würde wahrlich unser Zutun nicht viel helfen. Aber die Emigration nach Palästina, wie es die Ziffern beweisen, ist bedeutend gewachsen. Palästina ist nicht mehr das wüste Land vor 25 Jahren. Es kann auch jetzt eine große Einwandererzahl leicht aufnehmen. Die letzten Jahre brachten bezüglich der Frage, ob wir die Pflicht haben, in diese Entwicklung Palästinas einzugreifen, einen bedeutsamen Umschwung. Der Zionismus hat den Charterismus verlassen und ist im Lande so möglichst tätig. — Redner beschäftigt sich mit der Charter-Idee Herzls. Der Charterismus — sagt er — ist bei Herzl eine Konsequenz seiner Anschauungen über den Staat Wenn Sie aber den Staat, nicht wie Herzl als eine Rechtsgemeinschaft sondern als Gebiet betrachten, wo ein Volk seinen Daseinskampf führt, also eine Arbeitsgemeinschaft, werden wir eine andere Politik als die Politik des Charters einschlagen. Diese Meinung hat sich auch schon im Zionismus durchgeschlagen. Früher verlangten wir öffentlich-rechtliche Garantien, jetzt ist das privatrechtliche Moment in den Vordergrund gerückt worden. Es ist auch der jüdische Besitz an Boden beträchtlich gestiegen. Die zionistische Organisation hat auch eine vernünftige Kreditpolitik eingeleitet weil sie in Palästina die Interessen des jüdischen Kleinbürgers vertritt, der kein Geld hat um finanziell selbständig zu sein. Kann diese wichtige und ersprießliche Arbeit der zionistischen Organisation uns Poale-Zion befriedigen? Wir müssen uns fragen, ob es eine proletarische Kolonisationspolitik geben kann oder darf. Der Redner will noch den Unterschied zwischen proletarischer Kolonisationspolitik und Kolonialpolitik feststellen. Wir wollen nicht fremde Länder erobern, um sie auszusaugen und ihre Entwicklung zu hemmen, damit wir für unsere Industrie ein sicheres Absatzgebiet besitzen könnten. Wir wollen Menschenmassen verpflanzen in ein schwach entwickeltes Land, um ihnen die Gelegenheit zu geben, dort für sich frei zu schaffen. Die Kolonialpolitik ist nicht sozialistisch, aber Sozialisten können eine Kolonisationspolitik, übrigens sogar in Gemeinsamkeit mit andern Klassen, für das Proletariat führen. Für die Proletarier aber, welche bisher nach Palästina kamen, sorgt niemand, und sie wurden nicht für die Kolonisation dienstbar gemacht. Die bisher verfolgte Kolonisationsmethode entspricht nicht den Interessen dieser Schichten, welche für die Auswanderung ausschlaggebend sind. In den Städten erzielte man zwar günstige Resultate, und der Bodenbesitz ist gewachsen. Die Verhältnisse in der agrarischen Kolonisation sind aber sehr traurig, weil wir keine jüdischen landwirtschaftlichen Arbeiter haben und die Araber in Hunderten in den Kolonien beschäftigt werden. Der Referent zitiert eine Reihe von Ziffern, aus welchen hervorgeht daß „manche Kolonie heute wie ein arabisches Städtchen aussieht". Gegenüber 7000 jüdischen Farmern in den Kolonien stehen 6000 fellachische Arbeiterfamilien. Die Zahl der jüdischen Arbeiter ist aber sehr klein. Es würden sich schon viele bereit finden, sich der Landwirtschaft zuzuwenden. Sie konnten es aber nicht tun, weil man in Palästina nur Bodenbesitzer oder Landarbeiter werden kann. Wenn £ELT ' ' " ' ' ' ' ' V No. 23 wir auch Millionen hätten, könnten wir aber Besitzlose in Besitzende nicht verwandeln. Auch Pächter können diese Besitzlose nicht werden, weil sie das für das Inventar notwendige Kapital sogar nicht besitzen. Für die Landarbeiter sind aber , die jetzigen Lebensverhältnisse in Palästina sehr schwer. Sie finden zumeist nur Saisonarbeit und leiden unter der Lebensmittel- und Wohnungsteurung. Die Konkurrenz der Araber haben die jüdischen Arbeiter ehrlich bestanden und erzielten auch für sie einen höheren Arbeitslohn. Die traurige materielle Lage der Landarbeiter zwingt sie also sogar zur Rückwanderung aus Palästina, und angesichts dieser traurigen Tatsache müssen wir eine bestimmte Politik befolgen. \ Der Referent verlangt daß die Poale-Zion als Vertreter des jüdischen Proletariats eine schöpferische Rolle in dem Prozesse des Entstehens der jüdischen Wirtschaft in Palästina spielen sollen, denn das ist ein Prozeß, an dessen Zukunft der jüdische Arbeiter interessiert ist — Man will Städte kolonisieren und vergißt daß Städte fast immer nach einer gewissen Zeit assimiliert werden, wenn die Landbevölkerung, die sie umgibt, eine fremdnationale ist Wenn der Zionismus eine Revolution des Judentums bedeutet so soll er in erster Reihe eine Revolution des bisherigen ökonomischen Lebens der Juden sein. Unser größtes Unglück war bis nun der Mangel eines gesunden jüdischen Bauernstandes. Wir müssen also die Landwirtschaft in Palästina von Juden besorgen lassen. Unsere Aufgabe wird es sein, besitzlosen Einwanderern Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Um auf die praktische Arbeit, die wir leisten sollen, überzugehen, so müssen wir ein gut angelegtes Informationsbureau im großen Maßstabe begründen, welches als Arbeitsnachweis und Vermittlungsstelle für alle jüdisch-proletarischen Organisationen dienen könnte. Insbesondere ist es unsere Pflicht in Palästina ein poalezionistisches Bureau zu errichten, welches die gewerkschaftlichen* kulturellen und Informationsaufgaben zu erledigen hätte. Redner erwähnt auch die Tätigkeit jener jüdischen Arbeiter in Palästina, welche sich in der Organisation „Häpoel Hazoir", die er als jüdische Trade-Uriionisten bezeichnet verbunden haben. Er meint daß ihr Verzicht auf den Klassenkampf überhaupt mit einem Verzichte auf höhere Lebensbedürfnisse gleichbedeutend sei. Zugleich aber hofft er, daß es um keinen Preis zu einer Spaltung der Gewerkschaften kommen wird. Für die Landarbeiter soll die Organisation Konsumgenossenschaften, Arbeiterheime, Krankenkassen u. dergL gründen. Es sind dies aber kleine Mittel, welche nicht imstande sind, der jüdischen Kolonisation Palästinas einen gesunden, arbeitenden Bauernstand zu schaffen. Die Landwirtschaftsfrage muß von einem höheren Standpunkte gelöst werden. Wir müssen eine genossenschaftliche Siedelungspolitik treiben. Genossenschaftlicher Zusammenschluß wird den jüdischen Arbeitern einen entsprechenden Kredit gewähren. Die Genossenschaft wie sie Oppenheimer proponiert, ist ein moderner landwirtschaftlicher Großbetrieb; sie wird ein Mittelding sein zwischen Privatbesitz und sozialistischer Betriebsweise. So werden wir den jüdischen Arbeiter in einer höheren Produktionsweise erziehen und zugleich dem jüdischen Volke eine feste Grundlage für seine weitere Entwicklung schaffen. Den Boden wird uns der Nationalfonds verpachten, und das nötige Kapital werden wir durch eine Anleihe aufbringen müssen. Beweisen wir aber, daß die Genossenschaft entwicklungsfähig ist dann wird sie von der größten sozialwirtschaftlichen Bedeutung für uns sein. Die Genossenschaft soll kein Experiment sondern ein Vorbild werden. Der Referent begründete zuletzt die nachfolgenden Resolutionen und schließt: Ein Arbeitsland wollen wir für die Juden schaffen. Palästina wird für das jüdische Proletariat oder überhaupt nicht erobert werden. (Stürmischer Beifall.) Resolutionen: I. Die Zuführung besitzloser jüdischer Einwanderer zur Landwirtschaft muß die dringendste Aufgabe einer zielbewußten nationalen Kolonisation sein, deren Endzweck die Besitzergreifung aller ökonomischen Positionen im Lande durch die jüdischen arbeitenden Massen ist In Erwägung, daß nur eine höhere Produktionsform, die die - Vorzüge des landwirtschaftlichen Großbetriebes und des genossenschaftlichen Zusammenschlusses vereinigt und den Arbeitern den vollen Arbeitsertrag „sichert, geeignet erscheint jüdisch-städtischen Proletariern den Übergang zur Landwirtschaft zu ermöglichen, erblickt der Parteitag in den landwirtschaftlichen Arbeiterproduktivgenossenschaften das wirksamste Mittel, um Besitzlose zur Landwirtschaft zu erziehen, an den Boden zu fesseln und ihnen zur Kreditfähigkeit zu verhelfen. Der Parteitag bringt "daher dem zionistischen Ä. C. den Beschluß des VIII. Kongresses in Erinnerung, wonach der nächsten Jahreskonferenz auf Grund an Ort und Stelle vorzunehmender Studien ein Kostenvoranschlag zu unterbreiten ist damit die