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Die Welt · 1908-06-12 · 23 (12.6.1908) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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der Lemberger Organisation für die Ehre, den Parteitag in seiner Mitte begrüßen zu'können. Herr Kaplansky begrüßte den Parteitag im Auftrage des allweltlichen iüdisch-sozialistischen. Arbeiterverbandes Poate-Zion. Die Hand der konterrevolutionären Regierung laste schwer auf der russischen Bruderpartei. Die amerikanische Partei hat die Geldkrise und ihre Folgen überwunden; ihr Organ beginnt wieder zu erscheinen, und sie rüstet sich zur neuen Arbeit unter den jüdischen Arbeitermassen in Amerika. In England entstand eine Landesorganisation, und in Palästina organisieren die Poale-Zion Gewerkschaften und entwickeln gleichzeitig eine kulturell .rege Tätigkeit In Westeuropa bildet sich eine poalezionistische Föderation. Die poale-zionistische Organisation in Buenos-Aires ist die stärkste dieser Stadt. In dieser Weltorganisation, welche die Einheit des jüdischen Proletariats der ganzen Welt repräsentiert, gebührt der österreichischen jüdischsozialistischen Parter Poale-Zion eine hervorragende Stellung. Sie hat durch ihr maßvolles Auftreten zur Überbrückung aller Gegensätze beigetragen. Aber nicht das Zusammenfassen ist die Aufgabe, sondern das Zusammenhalten. Die Umstände drängen zur Tat, und nichts ist gefährlicher als politische Arbeitslosigkeit. Der Parteitag möge uns einen Schritt weiter bringen auf dem Wege, eine Arbeitsgemeinschaft in Palästina zu errichten. (Stürmischer Beifall.) Im Namen des Verbandes jüdischer jugendlicher Arbeiter begrüßte zuletzt den Parteitag Herr Seiler; eine beträchtliche Zahl von Begrüßungstelegrammen und Briefen ist aus ganz Österreich eingelangt und die russische, palästinensische und amerikanische Poale- Zion-Organisationen haben an den Parteitag besondere Schreiben gerichtet welche mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurden. Unter anderen sendete auch ein Begrüßungsschreiben Professor Warburg. Sodann wurde zur Wahl des Präsidiums geschritten. Zum Vorsitzenden wurde: S. Kaplansky (Wien), zum Vizepräsidenten S. Koltz (Lemberg) gewählt Beisitzende waren: Steinmetz (Czernowitz) und Watenberg (Stanislau). Als Sekretäre fungierten Gg. Mehrer, Meiseis, Kenner und Joh. Bach. Nachdem noch ein Legitimationsausschuß gewählt war, schritt man zur Tagesordnung. Nußbaum (Krakau) erstattet den Tätigkeitsbericht der Parteiexekutive, welcher den Zeitraum vom Oktober 1906 bis Juni 1908 umfaßt Er schildert die Bedingungen, nnter welchen die neugewählte Parteileitung die Geschäftsführung der Organisation übernahm. Hauptsächlich war es das politische Moment, welches in der Partei damals ausschlaggebend war. Die ganzen zwei Jahre hindurch hatte man es mit verschiedenen Wahlen zu tun, und die Parteileitung mußte dieser Tatsache Rechnung tragen. Während der Reichsratswahlen . entschloß sich die Partei, die national-jüdischen Kandidaten in jüdischen Bezirken zu unterstützen, da sie für die nationale Autonomie der Juden in Österreich eintreten sollten. Dann kam die Angelegenheit des internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart an welchem die Poale-Zion teilnehmen wollten. Zusammen mit den russischen und amerikanischen Poale- Zion reichte also die österreichische Parteileitung an das internationale sozialistische Bureau ein Memorandum ein, in welchem sie iltren Standpunkt klargelegt hat Das Bureau übergab dieses Memorandum den russischen Sozialdemokraten zur Erledigung. Daraufhin verzichteten die Poale-Zion auf die Zulassung zum Kongreß als besondere nationale Gruppe. An den Wahlen zum VIII. zionistischen Kongreß nahmen die österreichischen Poale-Zion als besondere Föderation Anteil und sendeten dorthin 9 eigene Delegierte. Da die jüdische Nationalpartei die Hoffnungen nicht erfüllte, welche die Poale-Zion an ihr Entstehen knüpften, verweigerten sie ihnen bei den Landtagswahlen in Galizien ihre Unterstützung. Als besondere politische Partei aufzutreten, war der Poale-Zion wegen ihrer numerischen Schwäche unmöglich. Diese Schwäche verursachte die fortwährenden finanziellen Schwierigkeiten und insbesondere den Austritt vieler intelligenter Kräfte aus der Partei. Dieser Austritt, welcher der p.-z. Partei in Wirklichkeit einen bedeutenden Schaden gebracht hat ist in erster Reihe der gänzlichen Separation der Poale-Zion von der allgemeinzionistischen Partei und ihrer feindlichen Stellung gegenüber den „bürgerlichen" Zionisten zuzuschreiben. — Eine besondere poalezionistische Föderation konnte geschaffen werden. An der ersten allweltlichen Konferenz der Poale-Zion hat die österreichische Organisation durch ihre Delegierten teilgenommen. Zugleich wurde auch die Agitation im Lande energisch weitergeführt, und auch das Organ der Poale-Zion in Österreich „Der jüdische Arbeiter" leistete für die poale-zionistische Idee wertvolle Dienste. Im ganzen zählten wir in 45 österreichischen Ortschaften 3500 Mitglieder. Die Zahl der organisierten Poale-Zion ist also nicht gesunken, sie ist aber auch durch den oben erwähnten Austritt vieler Anhänger aus den Reihen der Intelligenz nicht gewachsen. Das Frauensekretariat, welches im Januar 1908 gegründet wurde, erfüllte eifrig die ihm obliegenden Pflichten, und es gelang ihm, dank seiner intensiven Agitation, 14 Organisationen zu gründen, welche zusammen 700 Mitglieder umfassen. Der Referent gibt zu, daß nicht alles geschehen ist was der Partei in der verflossenen Zeit vielleicht zum Nutzen gelangen konnte. Er erklärt das mit der allgemeinen Apathie, welche jetzt im Lande herrscht und mit dem Verluste mehrerer bis jetzt eifrig tätiger Mitglieder der Parteiexekutive. Redner ersucht um das Absolutorium. (Beifall.) In der Diskussion über den Tätigkeitsbericht der Exekutive befaßten sich die meisten Redner mit. der Frage des Austrittes der Intelligenz aus der Partei und kritisierten besonders heftig den Standpunkt welchen die Parteileitung zu den Reichsrats- und Landtagswahlen eingenommen hatte. Buchbinder (Rzeszow) wendete sich gegen die Taktik der Partei. Die undeutliche Stellungnahme habe eben den Verfall der Organisation verschuldet. Wir müssen den Standpunkt klarlegen, daß wir keine radikal-zionistische, sondern poale-zionistische, d. h. jüdisch-sozialistische Partei sind. Locker (Wyznitz) hebt hervor, daß die Partei den jüdischen Arbeitern in ihrem gewerkschaftlichen Kampfe nicht zu Hilfe komme, wie es während des Streiks in Kossöw der Fall war. Es besteht kein Kontakt mit der Landesexekutive in der Bukowina. Okin (Brody) bespricht die politischen Verhältnisse in seiner Stadt und weist auf die klägliche Rolle der Partei hin, welche während der Reichsratswahlen den zionistischen Kandidatenstand unterstützte, bei den Landtagswahlen aber gegen den Dr. Braude sich aussprach. Bienenzucht (Krakau) wendet sich gegen das schroffe ' Verhalten der Parteileitung zur Intelligenz. Najchmitfagssitzung Die Debatte über den Rechenschaftsbericht wird weitergeführt. Hof mann (Buczacz) kritisiert das Parteiorgan „Jüd. Arbeiter" und verlangt daß es den Kampf gegen hebräische Schriftsteller, welchen es zeitweise geführt hat, einstelle. Herz, Tunis und Kenner sprechen über die Notwendigkeit einer festen Organisation. Kenner ist zufrieden, daß die Intelligenzler, welche andere Anschauungen in der Organisation vertreten, aus der Partei ausgetreten sind. Er will nicht daß es zu einer Verwischung des proletarischen und bürgerlichen Zionismus komme. Redner stellt den Antrag auf Erteilung des Absolutoriums. Feuernjann (Stanislau) wendet sich gegen die Unterstützung der bürgerlichen zionistischen Partei, weil sie klerikal sei und das Volksbewußtsein gar nicht hebe. Meiler (Krakau) will die Frage der Intelligenz aus den Beratungen des Parteitages ausschalten. Herz Sal. wendet sich gegen die Ausführungen Feuermanns. Sokol (Czernowitz') bemängelt die Tätigkeit der p.-z. Delegierten auf dem VIII. Kongresse. Habermann (Sambor) fordert, daß p.-z. Akademiker aus zionistischen akademischen Vereinen austreten sollen. Kasriel (Krakau) widerlegt die Vorwürfe, welche der Redaktion des „Jüdischen Arbeiters" gemacht würden. Kaplansky (Wien) beschäftigt sich ausschließlich mit dem Verhältnisse der Poale-Zion zur jüdischen Nationalpartei. Während der Reichsratswahlen glaubten wir noch an ihre Unschuld, und daher unterstützten wir sie. Aber dann zeigte sie ihr wahres Gesicht. Der „Jüdische Klub" ist nicht selbständig; er tritt nicht, wo es bedarf, energisch auf und verhält sich oft so, als ob er geradezu dem Polenklub unterlegen wäre. Es ist dies eine latente Verbeugung vor dem Polenklub. Wir haben es bald in unserer Presse konstatiert, man hat uns aber nicht glauben wollen. Die letzte Affäre im Jüdischen Klub (Redner meint den Protest der Abgeordneten Straucher und Mahler gegen eine Interpellation Dr. Gabeis, welche im Parlamente zu unerquicklichen Szenen geführt hat) bewies, daß wir recht hatten. Die zionistischen Abgeordneten sind nicht viel besser als die Juden aus dem Polenklub. Eben darum haben wir sie bei den Landtagswahlen nicht unterstützt Frl. Herstein liest den Kassabericht. vor. Die Einnahmen betrugen 12448 Kronen 10 Heller, die Ausgaben 14183 Kronen 52 Heller. Es verblieb also ein Defizit von 1805.42 Kronen. Das Schlußwort hielt Nußbaum, und darauf wurde der Parteiexekutive das Absolutorium erteilt Der Legitimationsausschuß berichtet, daß auf dem Parteitage 61 Delegierte aus 29 Städten anwesend sind. Ein Mandat wurde annulliert. Sodann hielt Kaplansky ein vierstündiges Referat über „Proletarische Kolonisationspolitik und unsere Palästinaarbeit".

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