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Die Welt · 1908-06-05 · 22 (5.6.1908) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
22 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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wir über ein vermeintliches Unrecht beklagte, das mir zwei hervorragende Schriftsteller, deren Namen ich gar nicht nannte, zugefügt hatten. Ich gebrauchte dabei für den einen eine ironisierende Bezeichnung, und den andern, der meine ganze literarische Bedeutung bestritt, stellte ich als „arrogant" hin. Solche private Äußerungen dürfen auch im Streite nicht nach Jahren publiziert werden. Im übrigen hat der eine dieser Schriftsteller, als er davon erfuhr, mir nachgewiesen, daß er mit der von mir beklagten Tatsache gar nichts zu tun hatte. Ich schrieb ihm gleich darauf, daß ich ihm gewiß glaube, wenn er mir dies versichert Aber selbst wenn er gegen mich nicht ganz korrekt gehandelt hätte, bin ich weit davon entfernt, ihm deshalb meine Achtung zu versagen. Mit dem zweiten hier in Rede stehenden Schriftsteller habe ich ebenfalls später Frieden geschlossen, wobei es als selbstverständlich unter uns galt, daß das Vergangene nicht mehr vorhanden war. Es ist mir daher noch jetzt ein Rätsel, was die Briefe mit dem Streite Hurwitz-Lasar zu tun hatten. 8. Ich übergehe alle Gehässigkeiten, die eine Anzahl junger Leute gegen mich begangen hat. Dieses törichte Gebaren kann mich gewiß nicht aus meiner Ruhe reißen. Es wurde im Namen des bekannten Schriftstellers Achad Haam eine abfällige Äußerung über meine Person und über meine amtliche Tätigkeit als Oberrabbiner von Belgrad kolportiert. Als Gewährsmann für diese Äußerung wurde Herr Horodezky bezeichnet. Herr Herodezky bestreitet kategorisch, disse Äußerung von Achad-Haam je gehört und weitergegeben zu haben. IclThoffe, daß Achad-Haam selbst gegen den Mißbrauch, der mit seinem Namen getrieben wurde, Einspruch erheben wird. Es fällt mir nicht ein, mich gegen einen Rattenkönig von offenen oder heimlichen Angriffen und Verunglimpfungen verteidigen zu wollen, und ich hoffe, daß diese kurze Darstellung jedem anständigen Menschen genügen wird. Berlin-Charlottenburg, den 24. Mai 1908. Dr. Simon Bernfeld. Löbliche Redaktion! Gestützt auf Ihre allgemeine Güte und Großmütigkeit, mit dem edlen Bestreben, den Bedrängten und Notleidenden mit Rat und Tat beizustehen, bin ich so frei, Sie mit nachfolgender inständiger Bitte zu belästigen: Am 7. pto vormittags begab sich mein seliger Mann Pinkas Wolf Siendel, Eierhändler aus Zmigröd, mit einer Barschaft von K. 70.— nach dem zwei Kilometer von Zmigröd entfernten Dorfe Toki, um seinem gewohnten Geschäfte nachzugehen. Eine halbe Stunde später kam ein Bauer zu dem jüdischen Inhaber der in der Nähe befindlichen Schenke mit der Nachricht, daß kaum 50 Meter entfernt auf dem Wege ein Jude erschlagen liege. Hastig begab sich der Wirt mit noch einem Juden zu der bezeichneten Stelle, wo sie wirklich meinen ihnen bekannten Mann Pinkas Wolf Siendel in einem entsetzlichen Zustande vorfanden; derselbe gab noch Lebenszeichen von sich. Die rechte Hand hielt der Unglückliche in der Tasche, und auf die seitens der Juden an ihn gerichteten Fragen antwortete er mit ersterbender Stimme in polnischer Sprache: „Um Gotteswillen gebet mir Ruhe." Es wurde bei ihm nur der kleine Betrag von 26 Heller vorgefunden. Die Juden brachten den Bewußtlosen nach Zmigröd, wo man ärztliche Hilfe herbeiholte, die jedoch leider ohne Erfolg blieb, da der Arme bald darauf die Seele aushauchte. Die Anzeige wurde sofort bei der Behörde erstattet, die Gendarmerie nach allen Richtungen hin behufs Eruierung des Mörders entsendet, was aber bis nun noch nicht gelungen ist Mein ermordeter Mann war 38 Jahre alt und hinterließ mich mit sechs unmündigen Kindern ganz mittellos, so daß wir leider vor Hunger und Entbehrung darben müssen. Unser Schmerz und Elend sind herzzerreißend, und ganz unwillkürlich finde ich keinen andern Ausweg, als die Barmherzigkeit der Mitmenschen in Anspruch nehmen zu müssen, nachdem die Not den höchsten Gipfel erreichte. Wohl bewußt, daß mir vermittels Ihresbewährten Einflusses und werter Intervention Hilfe zuteil werden kann, nehme ich mir die Freiheit, Sie inständig zu bitten, an -die Barmherzigkeit der geehrten Leser Ihres geschätzten Blattes zu appellieren, mein Elend mit bescheidenen Unterstützungen einigermaßen zu lindern oder auch solche als Sammlung an den israelitischen Kultusvorstand in Zmigröd für mich gefl. zukommen zu lassen. Für diese Wohltat wird der Allmächtige sicherlich vielfach vergelten, da das Leben einer der Verzweiflung verfallenen Witwe mit ihren Kindern hierdurch gerettet wird, um sich dann einem kleinen Geschäfte widmen zu können. In der angenehmen Hoffnung der Gewährung meiner inständigen Bitte, sehe ich einer geschätzten Nachricht entgegen und zeichne, den verbindlichsten Dank im voraus aussprechend, mit besonderer Hochachtung ergebenst Jenty Siendel. Zmigröd (Galizien), 20. Mai 1908. Von Seiten des gefertigten israelitischen Kultusvorstandes wird Obiges hiermit wahrheitsgetreu bestätigt und wird die arme, bedauernswerte Witwe zur allgemeinen erbarrnungsvollen Berücksichtigung wärmstens empfohlen. Zmigröd, den 20. Mai 1908. Der Präsident NOTIZEN Neues von der Bagdadbahn Ein neuer wichtiger Schritt zur Vollendung des großen Unternehmens, das Konstantinopel und das vordere Kleinasien in engere Verbindung mit dem Stromland des Euphrat und Tigris bringen soll, ist nunmehr geschehen. Der Sultan, der von jeher der Entwicklung des Eisenbahnnetzes seines Reiches besonderes Interesse gewidmet hat ist dem Beschluß des Ministerrats beigetreten, die Bagdadbahn von Bulgurlu am Eingang der Pässe durch den Taurus nach Nordsyrien und Mesopotamien auf eine Entfernung von 800 km weiterführen zu lassen. Die Bedingungen des Baus sind noch nicht völlig fertiggestellt, und es kann darüber wohl noch einige Zeit vergehen, bis der Vertrag zwischen der Bagdadbahngesellschaft und der Regierung unterzeichnet wird; aber das verringert die Bedeutung der Tatsache nicht. Es handelt sich zunächst darum, die langgezogene Kette des Taurus zu durchbrechen, und zwar folgt die Linie dabei nicht dem uralten Weg durch die Hilikischen Tore, auf dem seit Jahrhunderten in Krieg und Frieden der Verkehr sich vollzog, sondern geht östlich davon im Tal des Tschakyd Tschai, dessen tief eingeschnittener Riß manche Kunstbauten erfordern wird. Auch Aleppo, wo jetzt die syrischen .Bahnen endigen, kann durch eine Linie mit dem nördlich laufenden Hauptzug der Bagdadbahn, die nun nach Osten geht verbunden werden. Die Strecke überschreitet den Euphrat und durchzieht die Landschaften am Fuß des Antitaurus bis in die Nähe von Mardin. Einzelne Zweiglinien sollen größere Städte an die Bahn anschließen. Im allgemeinen hat der Abschnitt -der Bagdadbahn, der jetzt gebaut werden soll, größere Bedeutung für die Türkei als etwa für den Welthandel. In erster Reihe stehen innerpolitischmilitärische Momente. Die Herrschaft der Pforte erfährt durch sie eine kräftige Stärkung, und da die Hedschasbahn sich der Vollendung nähert, kann man darauf rechnen, daß in absehbarer Zeit eine durchlaufende Schienenverbindung von Konstantinopel bis zu den heiligen Stätten des Islam geht. Die Konvention und der Finanzvertrag über den vom Sultan beschlossenen Weiterbau der Bagdadbahn von Bulgurlu nach EI Hellit sind bereits, der Pforte unterbreitet. Ihre Zeichnung steht für die nächsten Tage bevor. Der Bau der neuen, 840 Kilometer langen Strecke ist auf längstens sieben Jahre anberaumt; doch dürfte ihre Fertigstellung schon früher erfolgen, da aller Voraussicht nach von zwei Seiten begonnen wird. Die Kosten der Linie belaufen sich auf 227 Millionen Francs, welche die Gesellschaft in Obligationen vom Staate erhält wie bei der ersten Teilstrecke der Bagdadbahn. Dieselben sind sichergestellt durch die Überschüsse der von der Dette Publique administrierten Revenus conc6des und haben als Superdeckung die Hammelsteuer-Erträgnisse im Betrage von 200,000 Pfund der drei von der Bahnlinie durchzogenen Wilajets. Die Emission der Obligationen erfolgt sukzessive im Verhältnis zum Bau. Kindergärten in Palästina Wie populär die Institution des Kindergartens, die für den Orient eine in mannigfacher Richtung ungemein wichtige Mission zu erfüllen hat, — in der kurzen Zeit ihres Bestehens speziell in Palästina geworden ist, dafür liefern die folgenden Mitteilungen einen höchst erfreulichen Beweis: Der Zudrang zu den drei Kindergärten des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Jerusalem war zu Beginn des neuen Schuljahrs nach Ostern so stark, daß nicht allen Gesuchen um Aufnahme entsprochen werden konnte. Hunderte von Müttern füllten, wie man uns aus Jerusalem mitteilt, Hof und Straße vor den Lokalen der Kindergärten, um ihre Kinder anzumelden. Die Frauen, deren Kinder aus Mangel an Raum nicht aufgenommen werden konnten, verließen weinend das Haus.

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