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Die Welt · 1908-06-05 · 22 (5.6.1908) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
22 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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DIE 3 erlöst aus niederer Gewinnsucht .... Stelle dir vor Palästina, wiederbevölkert von einem freien arbeitsamen Stamme, die Scholle des alten Landes fruchtbar gemacht vom Schweiße des wiedererstandenen Volkes .... Eine Ära des Friedens beginnt .... nach zwanzig Jahrhunderten in der tragischen Geschichte des Volkes Israel .... Kein Hindernis mehr auf unsern Wegen .... um uns herum kein Haß mehr ..... keine Furcht mehr vor Massakers, ohne Sorge um Erwerbung des Lebensunterhaltes .... keine Angst vor dem Kampfe .... keine Unterdrückung, keine Tyrannie, sondern der Ruhm, die Freiheit, das Feld frei für Fortschritt und Entwicklung .... Denke, wie schön das sein wird .... einem Volke das Leben zu bescheren, von dem es seit zwanzig Jahrhunderten mit offnen Augen träumt .... etwas schaffen, was in zwei Jahrtausenden keiner zu schaffen vermocht hat .... Viele Millionen leidender, unterdrückter, verlorener Geschöpfe in flammende Freude versetzen .... Welch schöner Traum und welch herrliches Unternehmen! .... Und das Ende von allem! . . . . Das Ghetto der Sonne .... dem Lande .... aufwärts gen leuchtenden Himmel .... Ich habe das in deinen Bibeln wieder entdeckt .... so werden die Toten wieder auferstehen .... das ist der Traum, den ich in einsamen "Nächten in meiner Zufluchtsstätte geträumt habe, während mich meine Mitbürger im Namen des intoleranten Christentumes verfolgt haben und mein Weib mich im Namen des Friedens verlassen hatte. Der Rabbi: Ein Traum und weiter .... Josef: Und dann .... und dann habe ich gedacht, daß dieser Traum zur Wirklichkeit werden könnte, daß das Heimweh nach dem Leben der Freiheit den Sieg davontragen sollte über die Torheit und die Zerwürfnisse Israels .... Die Toten sollen auferstehen .... Der Rabbi: Ein Prophet .... du? ... . Josef: Ich bin ein Mensch, der seine Seele wiedergefunden hat und sich gänzlich seinen Brüdern weihen will .... Das ist eine Tatsache .... es ist nötig .... für mich nicht so sehr als für die andern .... Der Rabbi: Und dein Weib? .... Josef: Kann mir mein Weib mit ihren Anschauungen helfen, die Juden aus der Sklaverei zu erlösen? .... die Welt zu befreien von jenem schreckliehen Alpdrucke? .... Nein, Vater, ich muß einsam bleiben .... ich muß unbehindert in den Kampf ziehen, die Standarte des jüdischen Volkes erwartet mich .... Der Rabbi: Und wie willst du es vollführen? .... Wie? .... Josef: Ich werde sie rufen: die Märtyrer, die Sterbenden und die Flüchtlinge .... den Pöbel .... jene ungeheuren menschlichen Kräfte warten auf den Weckruf.... Die jüdischen Kapitalisten, die Bürger, die mit dem Christentum liebäugeln, alle Seelen Israels, die im Schlamme des europäischen Lebens kriechen, werden meine Gesellschaft nicht aufsuchen, sie werden meine Feinde sein .... Die Helden der Flucht werden nie eine derartige Notwendigkeit, eine solche Schönheit begreifen, wie sie sich in dieser Regeneration eines Volkes offenbart, das in seiner innersten Seele die Merkmale aller Zeiten, die Spuren aller Kämpfe, den Widerschein aller seiner Ideale birgt . . . . Ich werde hingehen und diejenigen meiner Brüder aufsuchen, die da bewahrt haben in ihrem Herzen den Keim der lebendigen Hoffnung, das Brausen der Revolution .... jgELT Iö Nicht hier, Vater, sondern weit weg .... mehr in den Tiefen .... unter die Menschen mit der gemarterten Seele und den blutenden Körpern: unter die Helden. . In die Lande des Zars. des Schahs und der Carmen Sylva .... ich werde der irrende Apostel der Auferstehung Israels sein .... Ich muß von hier gehen und dulden für diese Sendung .... Der Rabbi: Du verläßt mich abermals .... du gehst für immer von mir .... Einsam werde ich sterben müssen .... Die Träume werden dich von neuem im Hause deines Vaters heimsuchen .... du wirst elend werden .... (Pause) Die Menschen werden dich einen Narren heißen .... einen wahnsinnigen Propheten .... einen falschen Messias ..... Josef: Das wird nichts schaden. Der Rabbi: Und du wirst keine Familie mehr haben .... Niemand wird dich verstehen .... keiner dich ermutigen .... In deinen Schmerzen wird dich niemand trösten .... keiner dir zur Seite stehen in deinen Enttäuschungen. Vergeblich wirst du dein Leben verbringen .... Vergebens wird dein Vater nach dir rufen .... du wirst nicht antworten .... und wenn du antworten wirst, wird dein Vater nicht mehr sein .... Und dein Weib wird dir fluchen wegen des Lebens, zu dem du sie verurteilt hast.... des Betruges wegen, den du an ihr verübtest .... Josef: Mein Weib wird sich trösten .... soll ich sie zurück ins Ghetto führen? .... Der Rabbi (er erhebt sich): Du bist nicht schuld daran, das weiß ich ... . Die Menschen haben an nichts schuld .... aber meine Pflicht ist es, dich daran zu hindern, ein Narr zu werden .... Du kannst deine Ideale nicht aufrichten, ohne andern Schmerz zuzufügen .... Israel bedarf deiner Träume nicht.... Israel erwartet die Erlösung von Gott, nicht von den Menschen .... Du erkennst keine Pflichten an gegenüber den Menschen und willst Gott vertreten . . . Du? . . . Josef: Welchen Gott? .... Den Gott der Gerechtigkeit, der Liebe, der Freiheit? . . . Der Rabbi: Ich kenne nur einen. Du lästerst Gott .... Die Welt wird recht daran tun, dich einen Wahnsinnigen zu schelten .... einen Wahnsinnigen und einen Bösen . . . Josef: Schadet nichts, ich fürchte die Welt nicht. Der Rabbi: Und fürchtest du dein Gewissen? .... Und fürchtest du die Wahrheit? .... Wie . . .? Bedenke, bedenke, was sie von uns sagen werden .... von mir, von dir, von allen Juden .... Wissen denn die andern, was du willst, was du denkst, was du leidest? .... Nichts wissen sie .... Und was werden sie von mir sagen? .... Wissen sie denn, daß ich kein Fanatiker bin? . . . . Daß ich, — der Rabbi, der Vater, der Greis, alles versucht habe, um deinen Wahnsinn zu heilen? . . . Nein. Nichts wissen sie ... . und wir, die wir die .Opfer sind, werden als Henkerbetrachtet werden, uns, die wir Unterdrückte sind, wird man als Unterdrücker verfluchen .... Josef: Wir sind immer verflucht, immer unterdrückt, auch wenn wir nichts vornehmen. Wir müssen, aus diesem Kreise und aus diesen Fesseln heraus .... (Pause. Der Rabbi hat sich voll Kummer wieder hin- . gesetzt. Lange Stille.) Ich habe mich entschlossen .... abzureisen, schon morgen .... vielleicht breche ich alle Brücken hinter mir ab ... . schüttele von mir die Last meiner letzten Torheit .... Wenn der Mensch

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