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Die Welt · 1908-06-05 · 22 (5.6.1908) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
22 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Dl*a§KELT- No. 22 die Fehler, die Hoffnungen, die Irrtümer, die Träume meines Volkes .... habe mit mütterlicher Zärtlichkeit nachgeforscht .... Wie mußte der süße Kern fruchttragend gemacht werden? .... War ich nicht ein feiler Söldner, ein Mensch, der gespielt und verloren hat, der sich selbst verkauft und mit seinem Geschicke Handel getrieben hat? .... Viele Male habe ich meine verschwenderische Freundlichkeit, die ich so oft unseren Feinden und den fremden Damen gegenüber zur Schau trug, beklagt.... habe mein eigenes Leben beweint.... Aber nie habe ich daran gedacht, in jenes Leben zurückzukehren, in dem ich die Stärke meiner Jugend verloren habe .... und ich habe gefühlt, daß ich die unabwendbare Notwendigkeit bin, für die unglücklichen, geknechteten Juden, die unter dem Drucke ihrer Vergangenheit seufzen und sich nicht entschließen kennen, zu kämpfen .... für jene Kinder Israels, die trotz ihrer Irrtümer die Stirn nicht neigen wollen vor ihren Bedrückern und Feinden .... ich habe gefühlt, daß auch ich eine Pflicht, eine Mission auf der Welt zu erfüllen habe .... Der Rabbi: Du hast also dein Gewissen wiedergefunden? Aber du brauchst eine Katastrophe, um die Stimme deines Volkes zu hören . . . .? Es ist traurig .... Und kannst du deine Straße nicht erst wiederfinden? .... Wer hat dich dazu gebracht, dein Selbst zu verlieren? Dein Vater? Deine Brüder? .... Die andern? .... Josef: Ja, die andern .... Ihr ... . Alle .... Der Rabbi: Dein Volk hat demnach nie existiert und existiert auch heute nicht?---- Josef: Das ist der Fall .... hat nie existiert und auch heute nicht .... Ich habe mich hingesetzt und es in den Büchern gesucht . . . . im Leben werde ich es nicht finden . . . •. Das Volk, das ich finden wollte und in meinem Innern suchte .... Wie sah es aus? .... Ein Volk von Bankiers, die in Millionen und in Lastern schwelgten, Rabbiner, die sich mit" der Last toter Jahrhunderte abquälten .... schlaue Bürger und bettelnde Proletarier .... das ist das Judentum, das ich in mir selbst sah .... ein Kadaver .... Wie ich sah, daß alle diesen armen Leichnam flohen .... auch seine Priester, auch die ... . da bin ich auch dem Friedhofe entflohen, um in einer reinem Luft aufzuatmen .... Das Fliehen ist in gewissen Fällen etwas Schönes .... Der Rabbi: Für die Feiglinge und die Bösen. Josef: Ich war kein Böser .... (Pause) . . . . Was bin ich heute? .... Heute bin ich ein Held .... Vielleicht müßte ich heute auch fliehen .... Ich bin bald wieder umgekehrt in dein Haus .... in mein Haus .... wo ich hoffte den Frieden, die Illusion, die Fröhlichkeit und die Kraft wiederzufinden .... aber ich fühlte mich von neuem leiden .... Alles still.... Alles erstorben .... (auf eine abwehrende Bewegung des Rabbis) nicht für deine alte Seele, die in der Erwartung träumt und die sich festklammert an die Langsamkeit der Geschehnisse .... aber für meine junge Seele, die da hungert nach Tugend, nach Arbeit, nach Wirklichkeit, nach dem Fortschritte des Gegenwärtigen .... Dir genügt der Widerschein des alten jüdischen Ruhmes .... du begnügst dich mit den Trümmern des Schiffes im Meere der Hoffnung .... und du vertraust dich dem Unendlichen .... du lebst noch im Ghetto unter den alten Dingen .... ich will auch etwas für mich . . . . auch schon für heute . . . ■. Ich beabsichtige zu leben, ohne ein Eindringling, ein Usurpator, ein Fremdling oder ein Bettler zu sein, dem man aus Mitleiden ein Stück Brot reicht und dann weiter gehen heißt .... zu leben, ohne eine Mumie in einem Friedhofe zu sein .... Kann ich denn leben wie bisher? .... Seit dem Tage, wo ich hier eintrat, habe ich Juden vorbeikommen sehen .... aus allen Ländern, mit unvertilgbaren Spuren der Jahrhunderte und des Blutes .... Keiner hat auf mich den Eindruck eines, lebenden Menschen gemacht .... keiner. . Nicht mal du mit deiner kühnen Seele, deinem Glauben und deinen Folianten der Weissagungen .... Alle deuchten mir verlorene Seelen, Schatten .... und Furchtsame .... Menschen vom dritten Grade, abgehalten von einem Sichausleben .... wie Eunuchen, die als Bediente des Paschas eintreten in das Schlafgemach der Odalisken .... Oh, wie ist das schrecklich, Vater, der traurige Niedergang eines Volkes, das etwas Siegendes in seiner Stimme und in seinen Träumen die ganze Erde hat.... Um uns herum sind die Seelen der sich regenden .... der anderen Länder, der lebenden Körper .... Sollen wir weiter so absterben oder sollen wir wieder auferstehen? .... Wie? Antworte du mir, du, der ein ganzes Leben damit hingebracht hat, die Geschichte des Volkes ohne Vaterland zu erforschen! Sollen wir uns noch weiter hinmetzeln und unterdrücken lassen? Sollen wir ferner noch in die Flucht gehetzt und geprügelt werden? .... Wie .... keine Antwort? Rabbi: Ich weiß es nicht .... ich verstehe dich nicht .... Wir sollen fortfahren zu glauben und das Gute zu tnn. Wir sollen treu bleiben der THORA .... Wir sollen sein die Apostel der göttlichen Wahrheit .... die Lehrer der Gerechtigkeit der Welt .... Josef: Aber siehst du denn nicht, daß das nicht möglich ist? ... . Auch ich ersehnte die Wahrheit, die Gerechtigkeit, aber ich erlangte sie nicht .... sie haben mich unterdrückt .... die' Welt will Nachbeter .... wir können nicht mehr Juden sein .... siehst du denn das nicht? .... Fühlst du nicht den Sturm, der uns zu Boden wirft und unsere Reihen sprengt? .... Das Eisen, das uns fesselt . . . . den Abgrund, der sich dicht unter unseren Füßen öffnet .... den Fallstrick, der nun unsere Seele umgarnt? .... Siehst du nicht, daß wir Sklaven sind, verkauft von den Welthändlern an das erste beste Volk, dasuns ein Stück Brot und eine Hütte anbietet? .... Siehst du das' nicht? .... Der Rabbi: Der Glaube, Josef, uns fehlt der Glaube .... Josef: Und von wo sollen wir uns den Glauben herholen? .... Von der Börse? .... Aus den Konzerten .... aus den Parlamenten .... aus den Zeitungen? Und wenn wir ihn auch haben, die Welt mordet ihn an der Pforte des Lebens .... die mordet ihn langsam Schritt für Schritt____(Stille).. Und doch gibt es ein Leben, in dem Israel erlöst werden könnte .... Der Rabbi: Hast du es entdeckt. . . .? Und wo hast du es entdeckt? Josef: In' deinen Büchern, da innen drin .... Stell dir vor, Papa, die Juden Bebauer des eigenen Landes, Herren ihres Schicksales, ihrer Gedanken, ihrer Körper und ihrer Seelen .... wie die andern Menschen .... wiedergegeben ihrer Heimat .... durch ihr Gewissen

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