Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 22 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Nicht nur Geflügelfüße, — Mama bringt manchmal auch ein Geflügelköpfchen mit verglotzten Äuglein, mit einem weißen Häutchen .überzogen. . . . Tot — sagt der ältere Abramtschik und die drei Köpfchen schauen einander mit großen Augen an und seufzen. . . < Geboren und erzogen in der großen Stadt, unter großen Mauern, in großer Enge, Elend und Armut, hatten die Kinder nie "Gelegenheit, einen Vogel oder sonst ein Tier zu sehen. Und doch kanntendie Kinder die Namen sämtlicher Tiere. Woher? Von Abramtschik, vom Cheder, im Cheder weiß man alles. Nur für die Kenntnis einer Katze hatten sie das Cheder nicht nötig. Sie hatten eine eigene Katze, eine graue Katze, grau wie die graue, große Mauerwand, — die einzige Lebensfreude. Sie spielen immer mit der Katze, setzen ihr ein Taschentuch auf den Kopf, nennen sie „Mchiteneste" (Braut- oder Bräutigamsmutter) und lachen, lachen, lachen ohne Ende! Kaum bemerkt Mama dieses Spiel, so bekommt's ihnen nicht gut; dem einen — einen Puff, dem andern — einen Seitenhieb, dem dritten — eine .Ohrfeige. Die Kinder gehen dann auseinander nach ihren Plätzen, der älteste, Abramtschik, erzählt etwas und die jüngeren, Moisiejtschik und Dwojre'l, lauschen, schauen auf ihren ältesten Bruder und horchen. Abramtschik sagt, Mama habe recht, Abramtschik sagt, man dürfe nicht mit einer Katze spielen, weil eine Katze ein unreines Geschöpf und ein Masik (Schädiger) sei. Alles weiß Abramtschik, alles! Es ist kein Ding auf der Welt, das er nicht wüßte. .IV. . Alles weiß 'Abramtschik. Er weiß, daß ein LanE auf der Welt sei, ferne, ferne von hier, das man Amerika nennt. Dort, in diesem Amerika haben sie Freunde und Bekannte. Dort, in diesem Amerika sei es für Juden unberufen wohl und lustig. Dorthin, nach diesem Amerika werden sie, wenn Gott will, im nächsten Jahre hinüberreisen, wenn sie die Schiffskarten von dort bekommen werden. Ohne Schiffskarten kann man eben nach Amerika nicht reisen, weil man über ein Meer reisen muß, und auf dem Meer bläst ein Sturmwind und schleudert das Schiff hin und her — lebensgefährlich. Alles weiß Abramtschik. Alles; — sogar was auf jener Welt vorgeht. Er weiß, zum Beispiel, daß sich auf jener Welt ein Paradies, natürlich für Juden, befinde. Im Paradiese., wachsen Bäume und auf den Bäumen die schönsten Früchte. Dort fließen Baumöl-Teiche. Dort wälzen sich Diamanten und Brillanten auf der Straße; willst du, so kannst du dir die Tasche mit ihnen füllen. Dort sitzen fromme Juden, lernen Tag und Nacht und genießen vergnügt die Sch'chine (Gottheit). So erzählt Abramtschik, und die Äuglein Moisiejtschiks und Dwojre'ls brennen. Sie beneiden ihren älteren Bruder, der das Cheder besucht und alles weiß. Weiß er doch sogar, was im Himmel vorgeht. Abramtschik erzählt, daß der Himmel sich zweimal im Jahre „spaltet1;. In der Nacht des Hoschanah- Rabbah und in der Schowuothnacht spalte sich der Himmel. Zwar hat er noch nie gesehen, wie sich der Himmel spaltet, da man von dort aus keinen Himmel sieht, aber seine Kameraden haben es gesehen, und sie schwören, daß sie es mit eigenen Augen gesehen haben, mögen sie so alles Gute sehen. Werden die doch nicht falsch schwören. Es ist jammerschade, daß auf ihrer Gasse kein Himmel vorhanden ist. Nur ein langer, schmaler, blauer Streifen ist vorhanden, aber was kann man auf einem solchen Streifen sehen. Es ist schon viel, wenn man einige kleine Sternlein und den Widerschein des Mondes sehen kann. Und um seinen Bruder Moisiejtschik und sein Schwesterchen Dwojre'l zu überzeugen, daß sich der Himmel spaltet, geht Abramtschik auf Mama zu und zieht sie am Rocke. — Mama! ist es nicht wahr, daß sich der Himmel an diesem Schowuoth an Mitternacht spaltet? — Den Kopf werde ich dir spalten! So antwortet ihm die Mutter und versetzt ihm einen Puff. Sie ist am Rüsttage des Festes furchtbar beschäftigt. Sie hat sich soeben mit dem Hinaustragen des Hekdeseh (Schmutz) von Papas Kartons und Schachteln abgequält, nun kommt der und verdreht ihr den Kopf mit dem Himmel. Nach dieser schmerzlichen Abfertigung von seitens der Mama wartet Abramtschik auf den Vater. Der Vater war nach dem Märktplatz mit einer ganzen Masse Schachteln gegangen. — Kinder, was bringt Papa heute nach Haus? — fragt Abramtschik, und die Kinder beginnen zu erraten, welches Geschenk Papa heute bringen wird. Sie zählen an den Fingern alles, was man vom Marktplatz holen kann, alles, was ein Menschenauge sehen und ein Menschenherz begehren kann: Semmelchen, Hörnchen, Bonbons, aber niemand konnte erraten. Auch-ihr werdet nicht erraten. Pejsse der Buchbinder brachte diesmal keine Semmel, keine Hörnchen und keine Bonbons. Er brachte Gras, einen Haufen Gras, wunderliche, lange, grüne, wohlriechende Grashälme! Und alle drei schönen Köpfchen! Abramtschik, Moisiejtschik und Dwojre'l •umringten den Vater: — Papa, was ist das? Das da? — Das ist Grünes. — Was heißt das: Grünes? — Grünes auf Schowuos, Juden müssen Grünes haben auf Schowuos!_ — Wo nimmt man das her, Papa? — Wo man das hernimmt? Man kauft es auf dem Markte, auf dem Markte. So sagt Papa, indem er das grüne, wohlriechende Gras über den eben jetzt aufgefegten Fußboden auseinanderstreut, und er freut sich, daß es so grün und so wohlriechend ist, und er sagt zur Frau lustig, wie es so seine Art war: — Pesse, ein gut Jorn^tow dir! — Masel tow! Ein neuer Hekdeseh! Die Bengel werden schon eine schöne Wirtschaft hier anrichten! So antwortet Pesse,, unzufrieden wie immer, und sie teilt dabei ein paar Puffe und wischt ein paar kleine Ohrfeigen aus. Eine ganz merkwürdige Mama, — denken die Kinder. Sie ist nie zufrieden, immer abgehärmt, immer sorgenvoll, genau das Gegenteil von Papa. Und die drei schönen Köpfchen schauen auf die. Mutter, schauen auf den Vater und aufeinander. Und kaum wenden sich Papa und Mama auf einen Augenblick ab, da wer.en sich alle drei auf den Fußboden, fallen mit den Gesichtchen auf das wohlriechende Gras, küssen es, das wohlriechende Gras, das man „Grünes" nennt, das die Juden für Schowuos nötig haben und das man auf dem Markte kauft. Alles ist auf dem Markte da, sogar Grünes. Alles kauft Papa. Alles haben Juden nötig. Sogar Grünes! Sogar Grünes!