Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 22 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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'«i^^^ty-2U?u-l"<x> ,— No,-22 DIETOELT die drei schönen Köpfchen und sehnen sich immer darnach, Papa möge schon viel, recht viel Schachteln fertig kriegen und, möge sie. auf den Kopf aufschichten und in beide Hände fassen — vielleicht tausend Schachteln - —. und möge nach dem Marktplatz gehen und von dort zurückkehren ohne Schachteln, nur mit Geld für Mama und mit Semmelchen, Hörnchen und Zuckerwerk für die Kinder. Ein guter, ach, ein guter Papa ist das! Ein Goldstück! Mama ist auch gut, aber zornig. Oftmals bekommt man von ihr einen Seitenhieb, eine Maulschelle. Sie mag es nicht, daß man ihr „ein Hekdesch anmacht" (Unordnung); sie kann es nicht vertragen, daß Abramtschik den Abfall der Papierkärtons zerschneidet, daß Moisiejtschik Kleister beim Papa stiehlt und daß Dwojre'l Brot aus Sand und Wasser bäckt. Die Kinder sollen nicht Papa-Mama spielen, still und ruhig sollen sie sitzen. Die Mutter scheint nicht zu wissen, daß das junge Blut kocht, daß 9 — möge er so alles Gute sehen —, eine hohe Mauer mit vielen, vielen kleinen Fensterchen. Abramtschik erzählt, er habe mit eigenen Augen gesehen —, möge er so alles Gute sehen —, einen hohen Schornstein und wie dem Schornsteine eine Rauchsäule entstieg. Abramtschik erzählt, er habe mit eigenen Augen gesehen —, möge er so alles Gute sehen —, eine Maschine, auf der man ohne Hände näht. Er erzählt, er habe einen Wagen gesehen, der ohne Pferde fährt. Noch viele ähnliche Wunder erzählt Abramtschik vom Cheder und schwört - darauf mit Mamas Schwüren, und Moisiejtschik und Dwojre'l hören und seufzen und beneiden ihn, der alles weiß,-alles! Abramtschik weiß, zum Beispiel, daß ein Baum wächst. Zwar hatte er mit eigenen Augen noch nicht gesehen, wie ein Baum wächst. Von Bäumen ist in der Gasse keine Spur! Jedoch weiß er (er hatte es im Cheder gehört), daß ein Baum Früchte trägt, und deshalb muß man vor dem Fruchtgenuß AGRONOM BEERMANN MIT SEINEN JÜDISCHEN ARBEITERN BEI DER ANPFLANZUNG DES ÖLBAUMHAINS TURNHALLE DES HEBRÄISCHEN GYMNASIUMS . IN JAFFA die jungen Köpfchen arbeiten, daß die jungen Seelen sich mit aller Gewalt sehnen — wohin? Nach außen! Zum Licht! Zum Fenster! Zum Fenster! III Im ganzen ist nur ein Fenster, ein Stückchen Fenster vorhanden. Alle drei Köpfchen schlagen sich um das Stückchen Fenster, und was sieht man dort? Eine Wand. Eine hohe, breite, graue und nasse Wand. Sie ist immer naß, sogar im Sommer! ... Leuchtet hier einmal die Sonne hinein? Gewiß, leuchtet die Sonne hinein, das heißt, nicht die Sonne allein, sondern ein Widerschein der Sonne. Geschieht das einmal, so ist das ein Fest! Alle drei schönen Köpfchen drängen sich an das Stückchen Fenster, schauen hinauf und sehen ganz oben einen langen, schmalen blauen Streifen. — O, seht ihr, Kinder? Das ist der Himmel! So sagt Abramtschik. Abramtschik weiß. Abramtschik besucht den Cheder. Er lernt schon „Kometz Aleph!" Der Cheder ist auch gar nicht weit, gleich im nächsten Hause, an der nächsten Tür. Ach, was für Wunder Abramtschik immer und immer wieder erzählt! Abramtschik erzählt, er habe mit eigenen Augen gesehen, den Segensspruch „Bore Pri Ha-etz" sagen, Abramtschik weiß (gibt es etwas, das er nicht wüßte?), daß z. B. Kartoffeln oder Gurken oder Zwiebel oder Knoblauch aus dem Boden wachsen, und' deshalb sagt man über sie den Segensspruch: „Bore Pri Haadamah" — alles weiß Abramtschik! Nur weiß er nicht, wie dies wächst, denn er hatte dies auch nie gesehen, denn die Gasse hat keinen Garten, keine Felder, keine Bäume, keinen Grashalm. Gibt's nicht! Nur große Mauern, graue Wände, hohe Schornsteine, aus denen Rauchsäulen steigen, und viele Fensterchen. Tausende von Fensterchen und Maschinen, die ohne Hände nähen, und Wagen, die ohne Pferde fahren — sonst nichts! Nichts! Man sieht auch nur selten ein Vögelchen. Manchmal kommt irgend ein verirrter Sperrling — grau, wie die graue Wand, er pickt die grauen Steine an und eilt schnell davon . . . Von Geflügel sieht man manchmal vor Sabbat ein Viertel Geflügel, ein Viertel mit einem blassen, ausgezogenen Fußknochen. Wieviel Füße mag so ein ganzes Geflügelstück haben? Wahrscheinlich vier! Nimm dir ein Beispiel von einem Pferd! So entscheidet der Älteste, Abramtschik, und Abramtschik weiß ja alles! ...