Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 22 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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haben nicht den geringsten Grund, die alte Geschäftsverbindung zu lösen, nachdem die Partei jetzt viel eher in der Lage ist, ihnen zu nutzen als früher. Es wäre daher ein nicht wieder gut zu machender Fehler, wenn die Juden in der Wahlrechtsfrage weiter gingen als der Freisinn und sich extra voll Begeisterung für die gute Sache der vom Freisinn und vom Block abgesplitterten „Demokratischen Vereinigung** anschlössen, die in bitterer Fehde mit der Regierung liegt, keine großen Chancen zu haben scheint und von,der Staatskrippe weiter -entfernt ist als irgendeiner. 3. Daß der Freisinn den Juden untreu wird, ist vorerst, nicht zu fürchten aus naheliegenden Gründen. Es kann im Gegenteil noch sehr viel geschehen in planmäßiger Beeinflussung des Freisinns durch die politischen Organisationen der deutschen Juden, den Zentralverein und den Verband, vor allem zwecks Kandidierung guter Juden in guten Kreisen und durch Beeinflussung der Regierung durch den Freisinn seinerseits, dessen Stimmen sie im Reichstag braucht. Genau so wie das Börsengesetz und das Vereinsgesetz von der Linken durchgesetzt worden sind, das Börsengesetz vor allem, weil die Börse sich organisierte und unausgesetzt Lärm schlug, genau ebenso, läßt sich — Gesetze brauchen wir ja nicht — eine gerechtere Verwaltungspraxis gegenüber den inländischen und ausländischen Juden . durchsetzen, ja, sie hat mit der Blockpolitik in ganz unbedeutenden Anfängen schon begonnen. Vorbedingung zu dieser Politik ist aber: 1. Stärkung des jüdischen Solidaritätsgefühls und der jüdischen Organisationen. 2. Unablässige Betonung der von uns erduldeten Zurücksetzungen. 3. Kein prinzipieller Kampf gegen die. Regierung in der allgemeinen Politik. '■ Bei diesem Vorgehen werden wir bündnisreif und können im Laufe der Zeit die Anerkennung unserer Gleichberechtigung finden, nicht nur als einzelne, sondern als jüdische Gesamtheit Der Radikalismus aber, wie er z. B. bei. einzelnen Herren unangenehm auf dem Hannoverschen Delegiertentag auftrat, fuhrt nur auf viele, viele Jahre in falsche Richtung, zeige er sich als jüdischnationale. Partei in der Innenpolitik oder als Liebäugeln mit der Sozialdemokratie. Eine jüdisch-nationale Partei in Deutschland ist ein Unsinn, und eine Regierung Barth-Ledebour wird keiner von uns erleben. Dr. H. G. Heymann FEUILLETON GRÜNES i EIN SCHOWUOTH-B1LD von Scholom-Aleichem Aus dem jüdischen Manuskript übersetzt. fröhlich-traurigen Wäre die Feder eines Schriftstellers ein Malerpinsel oder wenigstens ein photographischer Apparat, so würde ich dir, lieber Leser, ein Geschenk zu Ehren des bevorstehenden Festes darbringen: eine Gruppe dieser schönen Köpfchen dreier armer, nackter und barfüßiger, aber anmutsvoller jüdischer Kinder. Alle drei Köpfchen schwarz, das-Haar gekräuselt, die Äuglein groß, funkelnd und brennend. Sie schauen euch verwundert an und stellen eine Frage an die Welt: Wozu? Ihr schaut sie an, bewundert sie und fühlt euch ihnen gegenüber befangen, schuldig, als ob ihr an ihrer Erschaffung mitschuldig wäret. Noch drei überflüssige Seelen in die Welt gesetzt! Die drei schönen Köpfchen: Abramtschik, Moisiejtschik und Dwojre'l — sind zwei Brüder und ein kleines Schwesterchen. Abramtschik und Moisiejtschik, — so pflegte sie ihr Vater, Pejsse der Buchbinder, in unjüdischer Weise die Namen verzärtelnd, zu nennen. Würde er sich nicht vor seiner Frau Pesse schämen und wäre er nicht so bitter arm, so würde er seinen eigenen Namen von Pejsse der Buchbinder in „Peti Pierepliotschik" umwandeln. Aber da er ein wenig Angst hat vor seiner Pesse und da er ein so furchtbares Ewjon1) ist, so beschloß er, bei seinem alten Namen „Pejsse der Buchbinder" zu bleiben, bis einmal die gute Zeit eintreten wird, jene glückliche Zeit, wenn überhaupt alles anders werden soll, wie Bebel sagt, wie Karl Marx mit Bestimmtheit behauptet und wie alle klugen, guten Leute sagen, — alsdann wird alles anders werden. Aber bis die glückliche Zeit eintreten wird, muß man vorläufig stehen von frühmorgens bis spätabends und Papierkartons schneiden und an Kisten und Schachteln klopfen. Und so steht auch Pejsse der Buchbinder den ganzen Tag. auf den Beinen, schneidet Papierkartons, klopft an Schachteln und singt während dieser Arbeit alte und neue, jüdische und nichtjüdische Liedchen mit ») Armer. Melodien. Als Beispiel zitiere ich! ein jüdisches Liedchen, das Pejsse der Buchbinder mit der nichtjüdischen Melodie des russischen Volksliedes „Maschenka Golubuschka" in näselndem Tone summt: Mir is gut Oj, oj, oj! Ich bin a fröhlich Jüdel, Nischt da zu essen, Oj, oj, oj! Sing ich mir a Liedel! — „Vielleicht möchtest du schon einmal aufhören mit deinem goi'schen Liedchen! Ganz _ verliebt hat sich der Mann in die GoTm! Seit der Übersiedelung nach der großen Stadt ist er ein ganzer GoT geworden!" So sagt seine Frau Pesse zu ihm und „begräbt ihn neun Ellen tief" für seine goi'schen Liedchen und die goi'schen Namen, die er den Knaben verliehen hat. Als sie aber das dritte Kind, das Mädchen, geboren hatte, rief sie ihn zu sich heran und sagte ihm so streng, wie es nur ihre Kräfte erlaubten: „Hörst du, Pejsse? Sollte sich auch die Welt umdrehen, meine Tochter muß nach meiner Mutter Dwojre'l sei. Andenkens Dwojre'l heißen. Ich werde den Mutternamen Dwojre'l nicht verkaufen, nicht verwechseln lassen! Ich will nicht! Ich will nicht!" Alle drei: Abramtschik, Moisiejtschik und Dwojre'l wurden an einem Orte geboren und erzogen — zwischen der Wand und dem Ofen. Alle drei sehen jeden Tag das gleiche Bild: Der fröhliche Papa schneidet 'Papierkartons, klopft an Schachteln und singt Lieder, und die sorgenvolle Mama kocht, backt, fegt das Zimmer aus und kann nie fertig werden. Beide sind immer bei der Arbeit: Mama am Ofen, Papa bei' den Schachteln. Wozu braucht man so viele Schachteln? Wer braucht so viele Schachteln? Die ganze Welt scheint mit Schachteln überfüllt zu sein! So denken wahrscheinlich