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Die Welt · 1908-06-05 · 22 (5.6.1908) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
22 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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mag bei mir eine Art Beschränktheit sein, aber ich kann dem nicht folgen. Hoffentlich nimmt Herr B'li Schern mir das nur „gemäßigt" übel, obwohl er gegen dieses Wort besonders erbost ist. Aber wir können doch nicht alle ungemäßigt sein!--- Eher werde ich mich mit Herrn Berger verständigen können. Er hat ganz "recht, wenn er meint, daß wir nicht ein für allemal sagen dürfen: Die Juden gehören in die Blockparteien oder gar in die Regierungsmehrheit Natürlich nicht. Ich bin der letzte, um mich für alle Zeit auf ein derartiges Programm festzulegen. Ich habe lediglich erklärt:..Im Augenblick haben wir gar kein Interesse daran,' daß über der Frage des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts der Block zerbricht, der uns zwar keinen direkten Vorteil gebracht, aber sicherlich — was die Imponderabilien anlangt — genützt hat. Wenn Herr Berger annimmt, die Regierung „wisse gar nichts von uns", so irrt er sehr. Sie weiß schon, aber sie will nicht immer wissen. Und sie braucht das auch nicht, weil wir eben in den Parteien keinen Einfluß haben. Und der fehlt uns aus zwei Gründen: weil die deutschen Juden bisher nur im Lager des Freisinns und der noch radikaleren Linken standen, und weil außerdem das Reichstagswahlrecht uns zur quantitö negligeable stempelt. Demgegenüber gibt es logischerweise nur zwei Möglichkeiten: nämlich uns nicht auf die Radikalen blind einzuschwören, sondern mit jedermann zu paktieren, der uns nützen kann, und daneben für ein Wahlrecht einzutreten, das uns nützlicher ist, als das des Reichstags. Ob ein Pluralwahlrecht wirklich eine Ungerechtigkeit gegenüber den Proletariern enthält oder nicht, kann ganz dahingestellt bleiben. Uns ist es nützlich, und deshalb sehe Ich keinen Grund ein, für das Sturm zu laufen, was uns schädigt, im übrigen ist das meine Privatansicht, niemandem ist verwehrt, sie für falsch zu halten. Die Beweisführung wird aber umgekehrt, wenn behauptet wird, ich versuchte, entgegen meiner eigenen Theorie, die Juden blindlings für die Dauer auf den Block einzuschwören. Ich will sie nur davon abbringen, die Opposition für ein Axiom zu , halten, und glaube, daß im Augenblick unser Interesse beim Block liegt. Herr Berger meint nun, wir sollten uns auf ein politisches Programm einigen. Das wird sehr schwer sein. Schon weil das Jüdisch-nationale nicht darin figurieren könnte. Nach Lage der Verhältnisse geht das in Deutschland nicht. Wohl aber könnte man vielleicht ein sogenanntes „Mindestprogramm" aufstellen. Mit einem solchen könnte man an die Parteien herantreten und an die einzelnen Kandidaten, und wir werden jedenfalls in Breslau versuchen, ob sich Derartiges nicht formulieren läßt; die Wahlrechtsfrage wird dabei natürlich keine Rolle spielen. Aber wenn sie es je täte, so würde allerdings wohl nicht Herrn Bergers Argumentation siegen. Er fällt m. E. völlig aus dem Rahmen seiner sonst sehr diskutabeln Beweisführung, wenn er in diesem Zusammenhang vom engen Kreise des kleinen Nutzens der Bourgeoisie und sattem Kapitalistensinn spricht. Nicht um Nutzen und Schaden von Bourgeoisie und Proletariern streben wir. sondern um die staatsbürgerliche Stellung der Juden. Und da haben wir eben die geringen Machtmittel, die uns zu Gebote stehen, zu verwenden, nicht aber Demokratisch und Aristokratisch gegeneinander auszuspielen. Diese Sonderung, von der er nicht loskam, ist auch der Unterklang von Dr. Auerbachs Ausführungen. Er sieht ganz sicher in mir einen verhaßten „Reaktionär", er meint sogar, daß das allgemein gleiche Wahlrecht wie „ein Feind vor mir steht." Wirklich nicht. Ich bin viel friedlicher, als er denkt. Aber — er möge es mirverzeihen — ich denke historischer als er. Entweder man treibt jüdische Politik, oder man läßt es bleiben. Weltenbeglückung und Interessenvertretung verträgt sich nicht. Zu behaupten, daß sich die Weltenbeglückung für die Juden in Gestalt der Emanzipation belohnt habe, ist aber ganz irrtümlich. Er behauptet, daß die Emanzipation den Regenten abgerungen worden sei. Für Preußen stimmt das mal sicher nicht. Aber wenn es wo geschah, so doch nie durch die breiten Massen, sondern durch die besitzenden Klassen. Die ersteren haben von 1808—12 so wenig zu sagen gehabt wie 1847. Die Minister Schrötter, Stein und Hardenberg waren keine bürgerlichen Demokraten. Die englischen Juden befreite ein reines Privilegienparlament. Die erste Befreiungshandlung in Frankreich ging von Ludwig XVI. aus (1784), und der Emanzjpations-Beschluß der keineswegs von den Massen erwählten französischen Nationalversammlung vom 13. November 1791 rief im ganzen Lande Judenhetzen hervor. Als schließlich Napoleon die Emanzipation einfach dekretierte, tat er es „indem er als Grundsatz der von ihm zu erwartenden Judengesetzgebung die Nützlichkeit für das Staatsrecht aufstellte, während er die theoretischen Deklamationen der Judenfreunde und deren Feinde verwarf" (siehe Zionistisches A-B-C-Buch Seite 51). Jene Nützlichkeit, nach der offenbar jedermann handeln darf außer uns Juden. Wir sind zur theoretischen Begeisterung für „Volksrechte" verdammt. So sieht die objektive Geschichte aus. Man kann allenfalls sagen, daß allgemeine Fortschrittsideen uns gefördert haben. Denen wollen wir auch treu bleiben. Dr. Auerbachs Unterstellung, ich wünschte einen zionistischen Abgeordneten auf der „Rechten", ist freie Phantasie. Aber für das allgemeine gleiche Wahlrecht Sturm zu laufen, dafür ^ist keinerlei Anlaß, schon damit nicht Dr. Auerbachs böser Traum sich erfülle tmd in einer neuen Wahlsiegnacht 12 neue Antisemiten -als gewählt bejubelt werden. Das kann nämlich nur unter dem gleichen Wahlrecht passieren; da aber leicht das hat die letzte Reichstagswahl klar erwiesen. Und dann werden wir, wenn's nach Herrn Auerbach geht, für Arbeiterforderungen stimmen, Freiheit und Gleichheit verkünden, schließlich die maßgebenden Klassen vor den Kopf stoßen wie die Regierung. Darauf werden allerdings Fußtritte erfolgen, und unsere Arbeiterfreunde, die ja schon bisher so unendlich viel für uns getan, werden uns theoretisch recht geben und praktisch — wie in verschiedenen Wahlkreisen 1907 — antisemitisch agitieren und stimmen. Und neben geschwollenen Backen werden wir die tiefinnerliche Befriedigung mit nach Hause nehmen, für innerliche Nötigungen zu leiden. Wenns', wie gesagt, nach Herrn Auerbach geht.-- Sicherlich ist die ganze Frage jüdischer Politik in Deutschland sehr schwierig und kompliziert, und es wird des ernsten Nachdenkens aller Beteiligten bedürfen, damit sich ein brauchbarer Gedanke herauskristallisiere. Ich habe dazu einige Anregungen geben wollen, — möge die 'Breslauer Beratung zu einem nützlichen Ergebnis führen. Dr. Friedemann Die politische Stellung der Juden in Deutschland Die Frage, welche Stellung empfiehlt sich für die Juden in der innern deutschen Politik, um ihre gemeinsamen Interessen bestmöglich zu wahren, ist eine überaus schwierige. Welche Mittel soll, eine kleine zerstreute Minderheit ergreifen, in einer Zeit, in der die" Massen und die großen Zahlen entscheiden. Je schwieriger aber die Frage ist desto notwendiger erscheint eine nüchternsachliche, kaufmännische Behandlung, ein genaues Abwägen der verschiedenen Interessen. Die ira et studio gegen die sehr verdienstvollen Anregungen Dr. Friedmanns gerichteten Angriffe, die an allgemeine Prinzipien appellieren, lassen die geschäftsmäßige Betrachtungsweise politischer Dinge nur allzusehr vermissen. Gerade wir Zionisten sollten es doch gelernt haben, daß unsere eigentlichen politischen Ziele außerhalb unserer Wohnländer liegen, daß die Bevölkerung, unter der wir.wohnen, durchweg antisemitisch ist und antisemitisch sein muß, daß wir uns nur um uns und nicht um irgendwelche freiheitlichen Grundsätze zu bekümmern haben. Wenn ein alter Achtundvierziger gegen Friedemann im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit protestierte, es wäre zu verstehen; wir Zionisten sollten wissen, daß weder der Liberalismus noch der Sozialismus, noch die Freiheit an sich uns Juden hilft sonst läge die Lösung der Judenfrage allüberall und nicht nur in Palästina. Wir haben daher gar keinen Grund, uns in dieser Angelegenheit im geringsten zu begeistern und mit großen Worten zu agieren, sondern wir müssen fragen: Welche Haltung nützt uns am meisten resp. schadet uns am wenigsten? 1. Es ist zweifellos, daß eine zunehmende Demokratisierung des Staatslebens, solange sie mit der Idee der Gleichheit aller Menschen tatsächlich vorhanden ist, uns nottut. Fehlt das zweite in praxi und dieses tritt immer häufiger ein (Finnland, Österreich, Gewerkschaften englischer Zunge), so nützt uns die Demokratie keinen Deut, im Gegenteil sie schadet uns, weil die Masse rücksichtsloser und grausamer ist als irgendwelche Autokratie. Solange die Juden wirklich noch jüdisch sind, und sie jüdisch zu erhalten, muß unser Bestreben sein, so lange wird die Masse die Juden immer als fremdes Element empfinden, ihnen verständnislos gegenüberstehen und sie deswegen hassen und verachten. Dies' prin -.ipiell gegenüber den allzu begeisterten Freunden der Freiheit und Demokratie. 2. In Deutschland ist den Juden seit jeher seitens der Regierung und der herrschenden Klassen die Anhängerschaft an die radikalen Parteien, insbesondere die Sozialdemokratie, aufs schwerste verübelt worden. Sie ist eine der Hauptursachen des Antisemitismus und der Förderung, die diesem zu wiederholten Malen seitens der Regierung zuteil wurde. Nun hat sich die innerpolitische Lage seit dem Dezember 1906 wesentlich verschoben. Die große deutsche Linke „von Bebel bis Bassermann", in der die Juden sehr wohl ihren Platz gefunden hätten, ist auf absehbare Zeit eine Utopie geworden. Statt dessen haben der Kern der zukünftigen Linken, die Freisinnigen, die letzte bürgerliche Oppositionspartei, ihren Frieden mit der Regierung gemacht und haben die Regierungsfähigkeit dritten Grades erlangt. Die Juden sind seit alter Zeit mit dem Freisinn eng liiert; sie 2*

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