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Die Welt · 1908-06-05 · 22 (5.6.1908) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
22 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Rhythmus eingeschlichen. Wenn die Anschaunng auch noch weit von der Liebermannschen Realistik entfernt ist, so ist doch schon die Nachgiebigkeit gegen den Geschmack des Laien auf Kosten der persönlichen Empfindung geschwunden. Die Existenz der Bildwerke, die früher fragmentarisch wirkte, hat eine gesunde Grundlage erhalten und die überlieferten, zur Schablone herabgesunkenen Werte sind durch das frische Blut der Natur erneuert worden. Zu jenen Künstlern, die endlich Wege und Ziele sehen, gehören vor allem N; Schattenstein und L. Krestin. Der erstire, welcher oft geneigt war, die konventionelle, modisch bedingte Eleganz über elementare Dinge zu stellen, zeigt in seinen Porträts und Studien, daß er den heikelsten Problemen des Raumes und Lichts nicht aus dem Wege geht, sie vielmehr aufsucht Und Lasar Krestin hat sich aus der ihm eigenen Fadenscheinigkeit der Farbe zu einem kräftigen, sicheren Ton hinübergerettet Sein „Baal Megiha" (Thoradurchseher) und „Trefe-Posul" (Verpönte Lektüre)jsind zeichnerisch und koloristisch interessante Bilder, frei von Ängstlichkeit und Anekdote. Auch Eichhorn und Jehudo Epstein, deren künstlerische Potenz sich in großen Kompositionen auslebt, stehen nicht stille. Technisch mit einer meisterhaften Fertigkeit ausgestattet, suchen sie die Tragödien des Lebens und seine Vielgestaltigkeit in denRahmen eines Bildwerks einzufangen. Eichhoms„DieGedrückten" führt uns in die Tiefen des menschlichen Herzens, worin sich Not, Verzweiflung, Entsagung bergen, während uns Epstein kecke, übermütige „Lagunenlieder" vorschmeichelt Hier tobt gebändigte Kraft, Brutalität, Ausgelassenheit und — wenn man will — auch Schwermut. Sein Porträt des Fräulein Radnay ist ein koloristisches Meisterwerk. Neben diesen Künstlern sind noch zwei „Altmeister" zu nennen: Leopold Horowitz und Isidor Kaufmann. Beide besitzen einen fest begründeten, alljährlich von neuem eroberten Künstlernamen. Ober Horowitz* Porträts läßt sich eben so wenig etwas Neues sagen wie über Kaufmanns ostjüdische Typen, deren es diesmal vier gibt („Talmudgelehrter", „Rabbi von Nadworna", „Russischer Belfer", „Am Abende des Thorafestes".) Sie schildern mit einer an Holbein erinnernden Schlichtheit den jüdischen Gelehrten, den stillen, in sich gekehrten, seinem Gott ergebenen Menschen, der schon als Kind mit der Welt abgeschlossen hat. Darum sind sie so weltverloren, so keusch und so — anziehend. Man möchte gerne mehr von den Seelen dieser „Frommen" wissen. Zum Schluß sei noch Rudolf Quittner angeführt, der sich allmählich von den französischen Vorbildern emanzipiert und in die Reihe unserer besten Landschafter eintreten wird. Fingierte Unterschriften In der Montagssitzung des Abgeordnetenhauses machte Präsident Dr. Weisskirchner eine Aufsehenerregende Mitteilung. „Präsident: Die Herren Abgeordneten Dr. Straucher und Dr. Mahler haben mich heute in meinem Bureau besucht, um die Erklärung abzugeben, daß ihre Unterschriften, die auf eine Interpellation der Abgeordneten Dr. Gabel und Genossen über die Beschlagnahme der Zeitschrift „Moriah" gesetzt sind, nicht von ihnen herrühren. Nachdem nunmehr diese Interpellation nicht fehörig unterstützt ist werde ich den Justizminister von diesem achverhalt in Kenntnis setzen, werde die Rückmittlung dieser Interpellation begehren und werde sie dann zu den Akten des Parlaments geben als ewiges Denkmal, wie hier in diesem Hause in der illoyalsten Weise vorgegangen wird. (Lebhafter Beifall)." Zur Klarstellung dieses Zwischenfalles wurde uns von gut informierter, dem Jüd. Klub nahestehender Seite mitgeteilt: , Der beschlagnahmte Artikel in der Nr. 4 der „Moriah" (Zeitschrift für die jüdische Jugend), war ein vehementer Angriff auf die katholische Kirche, der keinesfalls gebilligt werden konnte. Es ist klar, daß in einer jüdischen Zeitschrift ein derartiger Ton nicht angeschlagen werden durfte. Es war unzulässig, daß sich der jüdische Klub, der bis nun in der Wahrmund-Äffäre eine durchaus korrekte, reservierte Haltung eingenommen hat, sich durch die Einbringung der Interpellation mit diesem Artikel etwa identifiziert. Die Namen der oben genannten Abgeordneten wurden unter die Interpellation gesetzt, ohne daß sie vom Inhalt des Aufsatzes Kenntnis hatten. Als sie über den Sachverhalt unterrichtet wurden, wollten sie die Interpellation zurückziehen. Es war aber unmöglich, da der Abg. D.r Gabel in Wien nicht anwesend war und das bedauerliche Mißverständnis noch vor Anfang der' Sitzung aus der Welt geschafft werden mußte. So entschlossen sich die Abg. Dr. Straucher und Doz. Dr. Mahl er, ihren Klubgenossen zu desavonieren. Wäre die Interpellation nicht rückgängig gemacht worden, so könnte es zu unangenehmen, das Ansehen des Klubs schädigenden Weiterungen kommen, die um jeden Preis vermieden werden müßten. — So weit unser Gewährsmann. Parteitag der jüdisch-sozial. Arbeiter-Partei Poale-Zion Österreichs Freitag den 5. d. M. beginnen in Lemberg die dreitägigen Beratungen des österr. poale-zionistischen Parteitages. Die Tagesordnung haben wir bereits vor mehreren Wochen mitgeteilt. Sie ist ziemlich reichhaltig. Die Palästinaarbeit, das Verhältnis zu anderen Parteien, das Gemeindeprogramm, das Problem der gewerkschaftlichen Organisation werden zur Diskussion gelangen. Die Partei hat sich seit dem III. Parteitag (Oktober 1906) zweifelsohne nach links entwickelt Sie betont schärfer ihren proletarischen Charakter. Dies kommt auch in ihrem mißtrauischen Verhältnis zur Jüd. Nationalpartei zum Ausdruck. Diese Entfremdung übte jedoch keine Rückwirkung auf das Verhältnis der Partei zur Palästinaarbeit, die auch der Clou des IV. Parteitages sein wird. Der Gegensatz zu der politischen Partei der Zionisten Österreichs bedeutete keineswegs eine Annäherung an die sozialistischen Parteien Galiziens. Trotzdem die jüdische Sektion der polnischen soz. Partei (P. P. S.) sich zur „Jüdischen Sozialdemokratie Galiziens" erhoben hat der nach Erlangung organisatorischer Zugeständnisse wahrscheinlich auch die „Separatisten" beitreten werden, blieb die Spannung zwischen den Poale-Zion und den sozialistisch-assimilatorischen Parteien unvermindert. Die österreichischen Poale-Zion scheinen somit in der Handelspolitik den Zustand der „splendid isolation" zu erstreben. In einem Teile der Jüd. Nationalpartei glaubt man, die poalezionistische Partei bekämpfen zu müssen. Man erwartet jedenfalls eine scharfe Auseinandersetzung zwischen dem „linken" und „rechten" (der Nationalpartei freundlicher gesinnten) Flügel und wünscht den Abfall des letzteren. Nach unseren in poale-zionistischen Kreisen eingeholten Informationen kann von einer bevorstehenden Spaltung beim IV. Parteitag keine Rede sein. In der Palästinafrage wird der Siedlungs-Genossenschaft die größte Aufmerksamkeit zugewendet werden. Der Parteitag wird seine_ Sitzungen im Saale „Jad Charuzim" abhalten. Ober die Ergebnisse werden wir eingehend berichten. Russischer Brief (Von unserem Berichterstatter) Zur Judenfrage in der Duma Auf einer der letzten Dumasitzungen wurde eine Frage von gewisser Bedeutung für die Juden berührt. Die Frage selbst ist unbedeutend, doch zeigt sie deutlich die in der Dumamehrheit herrschende antisemitische Tendenz. Es wurde behandelt das vom Bildungsministerium der Duma vorgelegte Gesetzprojekt nach welchem die Handwerkerschulen im allgemeinen und die Handwerksklasse bei der jüdischen Schule in Starodub im besondern das Recht haben sollen, Diplome für Handwerksmeister und Handwerksgehilfen auszustellen. Diese Diplome sollen dieselben Rechte verleihen, wie die von den „Handwerkerverwaltungen" ausgestellten. Der Bericht über diese Frage wurde vom Deputierten Titschinin vorgelegt, welcher die Duma auf einige von der Kommission für Volksaufklärung gemachte Änderungen des Gesetzprojektes aufmerksam machte: Die Schüler, welche die Handwerkerschulen absolvieren, bekommen Diplome als „Meistergehilfen"; erst später, nachdem sie drei Jahre in einer Werkstatt oder in einer Fabrik gearbeitet haben, bekommen sie Handwerksmeisterdiplome. Was die „Handwerksklasse" in der Schule zu Starodub anlangt, so hat die Kommission die folgende Resolution angenommen: „Da die Handwerksklasse in Starodub keine allerhöchst bestätigte Gesetzordnung besitzt und so eingerichtet ist, daß sie keiner Kategorie der Handwerkschulen, welche das Recht haben, Diplome auszustellen, ähnlich ist, so hält die Kommission es nicht für möglich, daß dieser Handwerksklasse in Starodub das Recht erteilt werden kann, Diplome für Handwerksmeister oder Handwerksgehilfen auszustellen. Um dieses Recht zu bekommen, muß die Staroduber Handwerksklasse ihre Gesetzordnung nach dem Typus anderer. Handwerkerschulen gestalten ..." Der Deputierte Suschkow (aus dem „Russischen Verein") ging noch weiter und verlangte, daß keiner Handwerkschule das Recht zugeteilt werden soll, solche Diplome auszustellen, da Juden diese Diplome benutzen, um Wohnrecht außerhalb des Ansiedelungsrayons zu erlangen. Nach einer langen Debatte wurde das Projekt der Bildungskommission angenommen, und die Staroduber Handwerksklasse hat das ihr vom Ministerium für Volksaufklärung zugeteilte Recht auf Ausgabe von Diplomen verloren. Und so stellt sich die Duma zur Judenfrage noch viel reaktionärer als die Regierung selbst.

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