Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 22 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 DIE wurde uns damals in einer den Begebenheiten gut angepaßten schlichten, aphoristischen Form erzählt, der sogar grammatikalische Entgleisungen (die jetzt ganz vermieden sind) eine gewisse Stimmung nicht raubten. Der Autor hat nun in der Fortsetzung zwei Fehler begangen: Er hat den nur Umrisse skizzierenden Stil beibehalten und zu wenig gezeichnet. Die „Knabenjahre" aber verlangten, wenn anders das Seelenleben Davids reifer und reicher geworden ist (und das meint ja der Autor), ein tieferes Versenken, die psychische Analyse. Dieser Knabe erlebt äußerlich nicht viel. Er fällt bei der Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium dank einem polnisch-antisemitischen Lehrer durch, er kommt auf die Bürgerschule, macht dann seltsam-erotische Jugendstreiche mit und wird nach Wien „ins Geschäft" gesteckt. Das ist alles. Wir müßten also für die dürftige Handlung durch das innere Erleben des Knaben entschädigt werden, — aber da gibt Blumenthal, wenn auch die innig-einfache Form der Darstellung das Mitfühlen und Miterleben erleichtert, nichts eigentlich Nuanciertes. Die Traum-, Indianer-, Abenteuer- und Liebeswelt dieses Knaben ist wie eben die Welt aller Kinder, es sei denn, daß uns das stark-erotische Triebleben Davids etwa absonderlich anmutet, da wir an eine gewisse Keuschheit der jüdischen Jugend zu glauben gewohnt sind. Nur an manchen Stellen spricht ein Eigenes, Feineres mit seltsamer Sprache auf uns ein. An einer Stelle heißt es z. B.: „Er sprach geheimnisvolle Worte, die für jeden andern unverständlich waren. Für ihn hatten sie eine ganz besondere Bedeutung. Einige unzusammenhängende Silben, zur richtigen Zeit und im richtigen Tonfall ausgesprochen, waren ein Befehl an das Schicksal. .. Aber auch jede Handbewegung hatte etwas zu bedeuten. Wenn David den Zeigefinger der rechten Hand dreimal nach oben stieß und sich etwas wünschte, dann mußte es eintreffen. .. . Doch wie sollte er es beweisen, daß seine Gedanken richtig seien. . .?" Das ist poetisch gesehen und schön zum Ausdruck gebracht. Oder der Schluß des Buches: „Die Pferdebahnen klingelten, die Kirchenglocken läuteten — und die Sonne schien... Es war alles wie sonst — alles wie sonst — nur Onkel Jakob war tot..." Das ist Klang, Stimmung und Stil bei sparsamster Wortverwendung. Dem eigentlichen Mangel dieses zweiten Bandes, der Knappheit und einer gewissen Armut an Abwechslung, könnte Blumenthal aber leicht abhelfen, wenn er schnell den Schlußband lieferte, der die Jugend Davids zu Ende führt. In der Geschlossenheit eines Buches wird auch der zweite Teil gewinnen. Und das Ganze wird als erste Arbeit eine ansprechende Leistung sein, die auf zukünftiges Größeres hoffen läßt. Über Rothblums Skizzenbuch wäre — bei manchem Tadel — viel Gutes zu sagen. Es ist sicher, daß der schönbegabte Autor noch um die Darstellungsform ringt. Es sind deutlich zwei Typen der Schilderung zu erkennen. Die eine, die sich an die alten Ghettodichter, die Kompert, Bernstein, Kohn usw., anlehnt. Dieses ist, wir vermuten wohl richtig, die ältere und überwundene Betrachtungsweise bei Rothblum. Da sieht er die Dinge von außen, und seine Stellungnahme ist die eines freundlichen Zuschauers. Da stören manchmal trotz des .fast immer interessanten Vorwurfs selbstgefällige Breite, Sentimentalität und nicht abgestuftes und darum unwirksames Pathos, das an die falsche Pathetik des Melodramas erinnert. Der neuere Rothblum aber sieht die Dinge von innen, er tritt zurück, und die Dinge und Menschen reden nicht mehr und nicht weniger, als sie zu reden haben. Und diese neue Art ist, formell und inhaltlich, wertvoll, die Verheißung auf Eigenartiges und Schönes, das wir noch von Rothblum zu erwarten haben. Die beiden schönen Stücke „Kinder" und „Sünden" sind da vor allem gemeint, um derentwillen wir manche schwächere der andern Art gern hinnehmen. £E LT ■ No. 22 Das Stück . „Kinder" heben wir ganz besonders hervor weil es so fein jüdisch, kindlich und einfach ist. Zwei jüdische Knaben gehen nach dem schweren Cheder - Studium eines Sommertags am Ufer der Weichsel spazieren und sprechen — — vom Talmudtraktat, den sie heute studiert. Am andern Ufer spielen Kinder, sie werfen Muscheln ins Wasser. „Es scheint, daß es Gojhn sind; denn sie haben keine andern Sorgen, als sich die Zeit mit Spielereien zu vertreiben", bemerkt einer der jüdischen Knaben. „Wie das so in den Tag lebt", sagt der zweite — da trifft ihn ein Stein und eine Flut von Schimpfwörtern. Und nun heißt es weiter: „Wir müssen gehen", beschlossen die beiden Judenkinder. Sie erhoben sich, und der eine begann: „Wie kindisch die drüben sich freuen, daß sie, dreißig an der Zahl, uns zwei in die Flucht schlagen... Doch bald werden zehntausend von ihnen einem einzigen Juden den Rücken wenden müssen.. . „Wann denn?", fragte der andere. „Ich meine, wenn Moschiach kommen wird", antwortete der Knabe mit einem tiefen Seufzer. Und nun schritten sie schweigend dem Städtchen zu. Und sie gingen so müde, als trügen sie den Schmerz von Jahrhunderten in ihrem Busen. . . Schade, daß beträchtliche Jargonismen, Druckfehler ohne Zahl und falscher Buchschmuck die Lektüre dieses Erstlings so sehr stören. Samuel Meiseis hat eine Anzahl in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichter Aufsätze zu einem Buche „Westöstliche Miszellen" vereinigt — also ein Essayist. Wir möchten Herrn Meiseis nicht wehe tun. Aber in seinem Interesse, in dem seiner Weiterentwicklung, an der er sicherlich mit Eifer und Mühe arbeitet, müssen wir doch sagen, daß es nicht angezeigt war, aus seinen ersten größeren Aufsätzen schon ein Buch zu machen. Nicht einmal als publizistische Aufsätze können alle Stücke anstandslos passieren. Manche sind ja „recht fleißig", wie man so sagt, gearbeitet worden, aber es hapert noch an der Durchbildung des Stils, an Originalität der Anschauung, an Schärfe und Persönlichkeits-Note der Kritik. Aber das mag immerhin für eine Wochenschrift ganz gute Arbeit sein. Wozu jedoch die Eile der Buchausgabe? „Nonum prematur in annum!" sagt Horaz. Neun Jahre soll man mit seinen Büchern warten. Ist das zu lange? Wir meinen, das west-östliche Problem ist doch nicht gerade eines, das morgen inaktuell sein wird. Lector Wiener Brief (Von unserm Korrespondenten) Jüdische Künstler in Wien Es ist weder wertvoll noch zeitgemäß, Einheitlichkeit in den Werken jüdischer Künstler suchen zu wollen. Die Fülle von Eindrücken, denen der Beobachter ausgesetzt ist, erschwert das Herausschälen einer für die Mehrzahl der Kunstwerke wesentlichen Grundnote, und in dem Labyrinth der Stimmungen und Ausschnitte vermißt man gern alles, nur nicht die Persönlichkeit des Schaffenden. Wer dieser nachgeht, wird in der heurigen Ausstellung des Künstlerhauses (Jubiläumsausstellung 1848—1908) eher Befriedigung finden als in den vorhergehenden. Es gibt hier,_wie die Einleitung zum Katalog bemerkt, weder Überwinder noch Überwundene. Das Maß der Kunst bleibt das persönliche Talent und die Ehrlichkeit der Mittel. Und man kann ohne jede Einschränkung behaupten, daß auf Grund dieser Faktoren die Wirkung der heurigen Bilderschau größer sein wird, als sich die Gegenwart ihrer bewußt werden kann. Die jüdischen Künstler sind Vertreter der extremsten Richtungen; aber das ist das Bezeichnende: man muß jedem in seinen Grenzen Anerkennung zollen. Sie stehen vom Anbeginn ihrer Entwicklung in lebendigster Beziehung zu all dem Bedeutenden, was die europäische Kunst in unserer Zeit hervorgebracht hat. Und sie gehen über dieses Niveau hinaus, sobald sie etwas Eigenes zu erzählen haben. Von jenen traurigen, mit müder Stimme vorgetragenen Liedern, wie sie Israels mit seiner reifsten Schaffensperiode und manchmal auch Pasternak angeschlagen, hat sich kaum der