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Die Welt · 1908-06-05 · 22 (5.6.1908) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
22 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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unbekannt war jenes Volkshäuflein, so winzig und elend schien es in den Schlünden ägyptischer Finsternis, im dunklen Wirrwarr, der alles verschlang, unter dem Himmel, der wie ein bleiernes Leichentuch der Trauer über seinen Häuptern hing! Aber das innerlich Mächtige und Sieghafte, möge es sich auch nur einem Menschen, einem Herzen anvertrauen, möge es auch nur ein Herold der winzigsten Menschenschar künden, es keimt und wächst und umschlingt mit tausend Kreisen die ganze Menschheit. Alles beugt sich vor dieser Gewalt, alles schwindet und zerflattert vor diesem Triumphzug. Es ist ein langer Kampf, und noch lange wird die Tragödie des „Beth Awadhim", des Hauses der Knechtschaft, nicht zu Ende sein. Sie wiederholt sich in tausend Formen, in tausend Kämpfen. Aber so oft die Nacht hinter der Erde hervorschleicht und ihre Gespensterflügel düsterer Verzweiflung ausbreitet, so oft uns die Gefahr droht, im Elend der Knechtschaft unterzugehen, möge der große Geist der Ahnen in uns aufleuchten und die verzagenden Herzen ermuntern! Und mögen wir eingedenk sein, daß es die Befreiung ist, die zum Sinai führt, und daß aus dem Boden, auf dem man vereint und von der Sklaverei erlöst hochaufgerichtet dasteht, die Wahrheit emporblüht. N. Sokolow NEUE BÜCHER ii. Galizisch-jGdische Autoren Es ist recht merkwürdig und sicherlich von speziellem kulturpsychologischen Interesse, daß das galizische Judentum so wenig, beinahe gar nicht Anteil hat an der literarischen Produktion im Jüdischen, die sich in Rußland und drüben in Amerika zu Ende des abgelaufenen und zu Beginn dieses Jahrhunderts entfaltet hat und noch entfaltet. Das Jüdische ist ja in Qalizien fast ebenso Volkssprache wie in Rußland, und an äußern Freiheiten ist doch das österreichische Grenzland dem Zarenreich unvergleichbar überlegen. Und doch hat es Galizien nicht über eine beschränkte Volkslieder- und Geschichten- und Legenden-Literatur gebracht, und selbst die reichere Entwicklung der jüdischen Presse hat dem höheren literarischen Schaffen die Wege nicht zu ebnen vermocht. Fehlt es an Urwüchsigkeit oder einfach an Talenten? Liegt es an der seelischen Disposition dieser Judenheit oder an jenen wirren Beeinflussungen wirtschaftlicher, 'politischer und geistiger Art, daß aus den Hunderttausenden keine Individualität sich durchringt, die in ihrer primitiv-ureigensten Art von der Masse und zur Masse zu sagen und zu singen wüßte? Und warum ist der elementare Selbstbefreiungsdrang, der diese Masse das politische Helotenjoch abzuwerfen lehrte, gerade da nicht lebendig geworden, wo er sonst, ein Künder des nahenden Frühlings, zuerst zu brausen und zu treiben pflegt — im Poetischen? Ober diese Fragen wäre nachzudenken. Indessen solange es selbst keine jüdischen Dichter produziert, muß Galizien seine Bedürfnisse an jüdischer Literatur mit Surrogatprodukten oder mit dem Import von Ost und West her decken, während — und das ist die zweite Anomalie — eine Anzahl jüngerer Kräfte (wir sehen davon ab, welchen Wert ihr literarisches Schaffen besitzt) sich bemüht, das, was sie zu sagen hat, in deutscher oder polnischer Sprache zu sagen. Ist das nicht seltsam abnormal, noch ein Erbstück von der babylonischen Sprachenverwirrung her, daß junge jüdische Schriftsteller, deren Muttersprache das Jüdische, deren meist vertraute Nationalsprache das Hebräische ist, erst den komplizierten Weg der Erlernung einer fremden Sprache wählen, um dann in dieser fremden Sprache Bücher von Juden für Juden zu schreiben? Es ist klar, daß über diesem Wege selbst bei großen Begabungen viel, manchmal vielleicht alles verloren gehen muß. Alles: das heißt der schöne Schmelz des Ursprünglichen, die starke Kraft des Natürlichen, die Harmonie von Gedanke und Ausdruck — kurz das, was das eigentlich Künstlerische ausmacht im Gegensatz zum Gekünstelten. Selbst ein Heine konnte nur ein deutscher Dichter sein, die französischen Lorbeern blieben ihm versagt. Und der Fall eines Adalbert von Chamisso, der sich ins Deutsche einlebte und einsang wie nur ein rechter Deutscher, ist ein sehr vereinzelter. Philologische und poetische Begabung treffen nicht immer zusammen. Und eine fremde Sprache mit der Macht eines Dichters zu erfassen, dazu gehört doch auch noch etwas mehr als philologisches Talent! Kein Zweifel, daß einige der jüngeren galizischen Kräfte mehr geleistet hätten, wenn sie sich auf dem ursprünglichen Boden des Jüdischen oder Hebräischen betätigt hätten, wo selbst das kleinere Talent aus den heimlichen Quellen des Angeborenen und Ererbten Stärkung empfinge, statt daß sie der Ehrgeiz mit ihrem kleinen Schiffchen aufs große Meer der „Weltliteratur" treibt, wo sie, schlecht ausgerüstet, bestenfalls nur mit Müh und Not sich durchschlagen. Diesen Rat, beim Heimischen zu bleiben, müßte man all denen geben, die die Schwingen zu regen beginnen. Dort natürlich, wo das Jüdische nur noch Erinnerung oder nicht einmal das mehr ist, wäre solcher Rat Torheit. Efraim Frisch, der in seinem „Verlöbnis" von den jungen Galiziern bei weitem das feinste jüdische Werk geschaffen hat, ist in der deutschen Sprache zu Hause wie nur einer. Und für Martin Buber, um einen andern von den Begabtesten zu wählen, ist das Deutsche ein Instrument, das er virtuos meistert Da aber bestand von Jugend auf eine Entfremdung vom Jüdischen. Die andern aber sollten die Mühe, die jüdische Nuance, die sie als mühelos erworbenes Gut besitzen, in die fremde Sprache umzudrechseln und umzuglätten, Obersetzungskünstlern überlassen, — es kommt dabei für alle Teile, für die Dichter, für die jüdische und die allgemeine Literatur, mehr heraus. Dafür ist uns das Schaffen der russisch-jüdischen Dichter Beweis. Nicht gerade veranlaßt, aber angeregt wurden wir zu diesen Gedanken durch einige neue Bücher junger galizisch-jüdischer Schriftsteller, die zufällig auf unserm Tische zusammenkamen. Hermann Blumenthals Roman „Knabenalter",1) David Rothblums Novellen- und Skizzenbuch „Golus"2) und Samuel Meiseis Sammlung von Aufsätzen „Westöstliche Miszellen".3) Es erscheint kaum als irrige Vermutung, bei sämtlichen drei Autoren das Jüdische als Muttersprache anzunehmen. Man merkt bei dem einen mehr, beim andern minder neben ausgesprochenen Jargonismen jene oft gezwungene Syntax, Papierdeutsch-Behelfe und jenen an und für sich korrekten Stil, der das Auszudrückende bald um ein Viertel zu hoch, bald um ein Viertel zu tief nimmt, und so noch vieles. Die ein Stilverständnis haben, werden verstehen, was gemeint ist Das kann natürlich — es handelt sich um erste Werke — später anders und besser werden. Zunächt aber besteht der Mangel, dessen Entschuldigung es allerdings ist, daß ihm fleißiges Arbeiten vorausging. Hermann Blumenthals „Knabenalter" bildet die Fortsetzung seines Romanbandes: „Der Weg der Jugend", dessen erster Teil „Kindheitsjahre" vor etwa Jahresfrist erschienen ist. Dieser erste Band, von der Kritik gut aufgenommen, ist zweifellos gegenüber dem jetzigen die bessere Arbeit gewesen. Die Kindheit Davids >) „Knabenalter", Roman von Hermann Blumenthal, Verlag Marquardt S: Co., Berlin. *) „Golus", Novellen und Skizzen aus dem jüdischen Leben von David Rothblum, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn. 3) „Westöstliche Miszellen" von Samuel Meiseis, Xenien-Verlag, Leipzig.

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