Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-06-05 · 22 (5.6.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
22 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316319--50685-3377981
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die gischtbrausende Meeresflut, die von Macht und Wildheit rasend brandet, das Ringen der Elemente, wurden festgebannt, wie erfroren. Verstummt war das Geräusch des Stromes, die in unaufhörlich tummelnden Zügen schwirrenden Vögel entschliefen in den Tiefen ihrer Nester, die singende bewegliche Straße der Sterne blieb in ihrem Laufe stehen und versenkte sich in Himmelsträume. Und es ward eine Stille, als die Gesamtschöpfung mit gedämpftem Atem sehnsuchtsvoller Erwartung dem in tiefer Stille tobendem Ringen des Lichts mit der Finsternis lauschte, auch die Seraphim sangen ihren „Heilig, Heilig, Heilig"-Hymnus nicht, als der Spruch: „Ich bin der Ewige, Dein Gott" auf die schmachtende Welt herausquoll. So malt unsere alte Dichtung jene Morgenröte des Geheimnisses, die am Weltallsgewölbe aufloderte, jenen Augenblick, als der Wahrheitsstrahl die trüben Fluten des Lebens so ewig-hell erleuchtete. Breite deine Schwingen aus und fliege durch die langen Reihen der Erinnerungen.--Eine versengende Sonnenglut; wilde Stürme schichten Sandberge auf und schleudern sie gen Himmel; hie und da rauschen Palmen auf einsamen Oasen; schlanke Zypressen weinen über Ruinen; von der Mitte ragen kahle Bergfelsen hervor. So sieht der Sinai jetzt aus. Und hier ist das Volk, das einst dort im fernen Sonnenreiche aus den Tiefen göttlicher Begeisterung die Gestalt für sein wahres Dasein erhalten hatte. Istder Sinai keine täuschende Vision und ist das Volk, das dort an den Pforten der Unsterblichkeit stand, nicht zum Erlöschen und zur Rückkehr in die graue Flut des Nichtseins bestimmt, so muß es das Andenken des Sinai so feiern, daß es noch einmal jene große Kraft des Wunders erlebe, daß noch einmal in seiner Seele jene Helligkeit anbreche, die die Hemmnisse der Nacht zerschmettert, jene prächtige zügellose Kraft, die die im Staube kriechenden Sklaven erhebt, aufrichtet, die in ihnen alle List und alle Hoffart vernichtet, die Feigheit verscheucht und sie auf die Höhen des Ideals schwingt. Wandeln wir in den Bahnen, die dieser Stern der Hebräer beleuchtet. Keine Poesie begießt mit solch hellen Strahlen den aufblühenden Morgenröteanbruch der Schöpfung des Menschen und seiner Geschicke. Keine Dichtung der Welt hat diese Durchsichtigkeit der Ruhe, der Ehrlichkeit und des geweihten Adels. — Als der Schöpfer sich anschickte, der Erde ihren Herrscher zu geben; als Er den Menschen erschaffen wollte, rückten Engelscharen an den Thron, und mannigfaltig waren die Worte, die aus ihrer Brust an die Höhen hervordrangen. Die einen rieten: „Erschaffe ihn nicht!" „Erschaffe!" — die andern. Der Engel der Gnade sang: möge er doch erschaffen werden, denn Liebe wird er pflanzen. Aber der trübe und strenge Engel der Wahrheit warnte: Nicht soll er erschaffen werden! Wird er nicht die Lüge ausstreuen? Der gebetsandächtige Engel der Barmherzigkeit flehte: Möge er erschaffen werden, denn er wird gute Taten ausüben! Aber der Engel des Friedens sparte weder Ermahnungen noch Schwüre: Möge er doch nicht erschaffen werden, denn auf Sturmesflügeln der Leidenschaft wird er Hader und Neid, Haß und Krieg über die Erde streuen. Was tat der Ewige? Er nahm die Wahrheit und versenkte sie in die Erde. Und als die erschreckten Engel demutsvoll frugen: Weshalb, o Herr, verschmähst du deinen eigenen Siegel? — Ist doch die Wahrheit der Siegel Gottes! — erwiderte Er: Seid ohne Furcht — Emeth mäcrez thizmach, die Wahrheit wird aus der Erde hervorwachsen. Aus dem Erdenschoß, aus unerforschlichen Tiefen, wird die Wahrheit wie eine wilde Saronlilie mit ihrem gen Himmel geöffnetem Kelch hervorschauen. Neue Bilder, neue Lehren, — und wir kehren zu dieser alten Dichtung müde zurück. Die Posaune uralter Ideenkämpfe, der Wirrwarr kummervoller Fragen, das Schlangengezisch schwarzer Verzweiflung, — hier lösen sie sich in stiller, sanfter, hirtenhaft einfacher Vergeistigung auf. Nichts vermag besser das Geheimnis des Sinai zu enthüllen. Wer von denkenden Menschen empfand nicht einmal, um mit den Worten unserer Dichtung zu sprechen, die Stimmung jener scheuen Engel, die wegen ihrer flammenden Liebe für Wahrheit und Frieden mit dem Gedanken des Menschendaseins sich nicht befreunden konnten? Wie verfuhr man mit der Wahrheit, seitdem die Menschheit auf der Schaubühne der Geschichte erschienen war? Wer nur die Geschichtstafeln des Menschengeschlechts liest, und besonders aus den Zeiten, als trübe Schatten die Erde umflatterten, als sie voll Gespensterspuk und Scheusalen war, als Heuchelei und Lüge, Unrecht und Gewalt, Schamlosigkeit und Mord wie ein breiter Strom sich ergossen, als die menschliche Bosheit Pest und Vernichtung säte, muß sagen: die Engel des Friedens und der Wahrheit hatten recht, als sie sich der Entstehung eines Wesens entgegensetzten, das so viel Böses über die Erde bringen wird, daß sie schier zusammenzubrechen drohte! Und auch dort, wo das Heidentum seine höchste Blüte erreicht hat, hat es nicht, nachdem es sich und seine innerliche Leere erkannt hatte, wie einen Schwanengesang seiner Weisheit, die Worte erklingen lassen: besser wäre, nicht geboren worden zu sein? Vergeblich schmückten die herrlich reichen Kränze hellenischer Pracht die Lieblinge des Lichts; vergebens streuten die Musen mit freigiebiger Hand ihre Wundergaben. Die Götter waren keine guten Wesen, die Segen den armen Menschen spenden. Sie waren fürchterliche Kräfte, böse und unerbittliche Gewalten, denen, wie ihre Sage lautet, der Mensch das Licht stehlen mußte, um dann durch ewige Qual diese Sünde zu büßen. Da brach der strahlenumflammte Tag ein. Noch zogen die Träume des Heidentums, tummelten und zitterten in wirren Verschlingungen über die Häupter des Volkes, das in stummer Angst dastand. Schauervolle, wunderliche und zusammenhanglose Träume. Ein ganzes Volk stand zusammengedrängt, in sich versunken, sturmerbebend. Ringsum, auf dem brennenden Hintergrund nackter Felsen flatterten alle Sklavenseelen, die einst waren und die in der Zukunft sein werden, zusammen. — Und aus den Tiefen dieses engen Vereinigtwerdens, aus der geheimnisvoll mit der größten Anspannnng aller Kräfte erreichten Harmonie der Allseele des Volkes entsteigt ein Licht der Wahrheit, nicht durch Gewalt den Göttern entrissen, sondern in Gnade und Klarheit emporblühend, — die Wahrheit, die aus der Erde hervorschießt. Welcher Geschichtsmoment gleicht diesem an Erhabenheit und Tiefe? So klein war jene Erdenfläche in dem öden Winkel, wo sich die weltumwandelnden Ereignisse abspielten, so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.