Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 22 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 \s/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG : ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 5. Juni 1908 imirr? D^nn'e* iVD "l AM SINAI Breite deine Schwingen aus und fliege durch die langen Reihen der Erinnerungen. Durchschwirre sie im Adlerfluge bis an den Markstein des Urbeginns der Thora. Bis an. jenen gnadenreichen Augenblick, als der geknechtete Stamm von sich das rauhe Joch der geistigen Sklaverei abgeschüttelt hatte. Bis an jenen mysterienvollen Moment, als dieser Stamm mit jugendtaubeperltem Haupte, mit dem Kranze des Freiheitslenzes auf der Stirn seine gefesselten Flügel entfaltete. Als er sich in die unerreichbaren Höhen der Offenbarung schwang, als ihm aus dem Chaos wogender Nebel ewige Wahrheiten emporflammten, als ihm Gottesworte entgegendräuten und sein Genius knospend für alle Zeiten erglühte, als ihm in Sturmesakkorden das Höchste gekündet wurde, das die Menschenbrust durchbebt, das "Hellste, das menschliches Tun und Denken erleuchtet. Das Zehngebot! In der Geschichte aller Völker zittern seltsam verträumte, sehnsuchtsvolle Töne aus grauer Vorzeit. Man kennt das wundervolle Wispern und Raunen alter Überlieferungen. Man kennt die schwingenden, kaum vernehmbaren Laute der Völkerlegenden, von denen man nicht weiß, ob sie von weiter Ferne oder aus eigenem Innern klingen, Widerklänge großer Erinnerungen, die die wunden Seelen streicheln, die schmachtenden Herzen in selige Gefühle wunschlosen Glückes wiegen und über das öde Jammertal alltäglichen Kummers den Regenbogen einer hoheitsvollen Würde spannen. Aber was ist all diese Pracht und all dieser Zauber dem Sinai gegenüber? Schillernde Märchen und Träume! Uns täuscht kein Rauschen fernen Flügelschlages; auf unsern Harfensaiten zittert kein verwehter Laut einer versunkenen Welt. Nicht die Sage ist es, die anderwärts ihr zauberhaft flimmerndes Gewebe spinnt. Hier entfaltet sich das Erlösungsepos eines Volkes zum dithyrambischen Schwünge, in seinem gewaltigen Triumphgesang aufjauchzend. Ist es nicht ein sieghafter Eroberungszug, wie die Sinaiworte über das unermeßliche Reich" der Menschheit hinausflatterten? Wie sie in unendlichen Ausstrahlungen immer neue Lichtkreise bildeten und bilden, Lichtkreise von ungleicher Helligkeit, von Nebelwolken umflutet und noch mit der Finsternis ringend, aber überall die .Morgenröte des Rechts und der Freiheit verkündend! Nein, das ist kein verhallender Laut einer Sage. Der Gott, den der Genius unseres Stammes am Sinai erfaßt hat, säuselte nicht in Legenden. Er rollte mit Donnermacht und mit dem Krach der Berge daher und ließ Worte erschallen, vor denen die Menschheit in ehrfurchtsvollem Schauer erbebte. Und ob die Zeit auch wechselt und Jahrtausende schwinden, — auch im heutigen wirren Getöse der Kämpfe und des Hasses, auch im heutigen Abgrunde der Leidenschaften, des Neides und des Elends, vernehmen wir ohne zärtlich lockende Rätsel- und ohne kosenden Flitterreiz die starken und einfachen, allmächtigen und doch so sanft und mild umwobenen Worte, die so scharf sind wie der grause Stahl, der in einer Wunde sitzt, und zugleich so süß und von Himmelsfrieden umweht wie der Sang der Engel, die auf Sternen strömen, und wie ein liebes Licht, das auf dem Meere, dem grimmen, den Schiffer lenkt. „ Alles, was der Seher der Zukunft künden wird, vom Sinai kommt es" — sagt der Midrasch. „Gottes Stimme in Kraft" — sagt er an einer anderen Stelle, einen Psalmvers erläuternd. Das soll heißen: in der Kraft eines jeden Zuhörers, in dem, was wir in uns selbst empfinden. Wo ist ein Fest, das die Menschen in höhere Lichtregionen der Erinnerung heben kann? Berge, die der Himmel umgürtet, Felsenklippen, die ihre Kämme über die Wolken heben, — die Höhen des Sinai, diese bescheidenen, armen und doch so unerreichbaren Höhen werdet ihr nicht erschwingen. „Was blickt ihr mit neidischem Auge auf den Berg, den Gott auserwählt hat?" — fragt der Psalmdichter. Kein Bild, kein Gesang, kein Wort ist imstande, das Geheimnis zu enthüllen, wie Gottes Auge in die Seele eines Volkes hineinleuchtet. Eine große Stille ward ringsum, — so spinnt unsere Volksdichtung ihr goldig luftiges Gewebe, — als ob alles Leben in banger Scheu erstorben wäre. Der Samum, der Sandberge über Karawanen schleudert,