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Die Welt · 1908-05-29 · 21 (29.5.1908) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
21 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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D1es|kelt spitzfindige, .in" keiner Weise stichhaltige Klauseln sich von der Notwendigkeit. eine besondere jüdisch-sozialistische Organisation .zu .bilden, befreite." _ . Kundgebung der Krakauer Studentenschaft gegen die Resolution Schmidt "Samstag, den 9. d. M. fand in Krakau eine imposante Studentenversammlung statt, an der sich alle Gruppen der Studierenden beteiligten. Die Anregung zu dieser" Kundgebung ging von den . hiesigen jüdischen Studentenverbindungen aus,„-an~'ihrer -Spitze die älteste und. größte, die „Pfzedswit-Hasehacharr, auf deren. Vorstellungen hin. der Rektor seine Zustimmung zu der Einberufung der Versammlung gab, nachdem er bisher' alle Gesuche um Abhaltung von Versammlungen zur Besprechung jüdischer Fragen rundweg abgelehnt hatte. Infolge des Entgegenkommens des Rektors war es also der jüdischen Studentenschaft Krakaus zum ersten Male ermöglicht, ihren nationalen Standpunkt innerhalb der Mauern der Universität und vor einem Abgesandten des akademischen Senats klar und deutlich zum Ausdruck zu bringen. Die sehr gut besuchte Versammlung wurde vom Obmann des „Przedswit-Haschachar", stud. für. Adolph Bienenzucht, mit einer Rede eröffnet, in der er ' den Standpunkt und" die Forderungen der jüdisch-nationalen Studentenschaft präzisierte.' Hierauf folgte ein Referat über die Stellung der Juden im allgemeinen, die der jüdischen Hochschüler im besonderen 'sowie über die Angriffe reaktionärer Elemente auf Lehr- und Lernfreiheit. Daran schloß sich eine sehr eingehende und interessante sachliche Debatte, an der sich sowohl polnische wie auch "jüdische Studenten rege beteiligten. Schließlich gelangte folgende Resolution einstimmig zur Annahme: - Die aus Anlaß der Resolution des Abgeordneten Schmidt versammelte' Krakauer Studentenschaft schließt sich dem gegen diese Resolution gerichteten Protest der polnischen Volksvertretung, wie dem anderer parlamentarischer Gruppen an und gibt der Oberzeugung Ausdruck, daß irgendwelche Beschränkung der bürgerlichen Rechte, insbesondere eine solche des Rechts der Lernfreiheit, eine Verletzung der Staatsgrundgesetze in sich begreift und daß derartige Beschränkungen sehr leicht innere Kämpfe fördern und zur Entkräftung und Spaltung unserer Gesellschaft führen können, sowie daß solche Beschränkungen der Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts Hohn sprechen. ~c Nationalliberaler Antisemitismus Wir lesen in der „Deutschen Tageszeitung" vom 21. Mai: „Dann und wann brechen auch in liberalen Kreisen sehr verständige antisemitische Grundsätze durch. So äußerte nach den „Deutschsoz. Blättern" der langjährige nationalliberale Parteitagsdelegierte, Herr Kaufmann Wockerath aus Münden, in einer Wahldebatte mit deutschsozialen Rednern:, „Die Deutschsozialen kämpfen gegen Windmühlen, denn die Nationalliberalen unterscheiden sich in nichts von ihnen, auch nicht im Antisemitismus. In dieser Frage stehen die Natiönalliberalen vor allem auf einem praktischen Standpunkt; sie'haben den Grundsatz, niemals bei Juden: zu kaufen, wenn sie bei Christen die gleiche Qualität bekommen!" Wir möchten nur wünschen, daß die Nationalliberalen tatsächlich im ganzen Lande und zu jeder Zeit — nicht nur in der Wahlzeit — nach diesem „praktischen" nationalen Grundsatz handeln wollten, den ihr Parteidelegierter aus Münden als für sie maßgebend hinstellte." Es wäre interessant, zu erfahren, ob der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nach dieser Leistung die Nationalliberalen unter die „entschiedenen" Gegner der Gleichberechtigung rechnet, die von den Juden zu bekämpfen, oder uuter die schlechthin „Gegner", die eventuell, z. B. im „nationalen" Interesse von ihnen zu unterstützen sind. Türkische Ansiedlungspolitik " Nach einer Meldung des „L'Orient" hat die türkische Regierung einen Erlaß herausgegeben, der die Förderung der Ansiedjung im Vilajet Janina bezweckt. Zunächst will sie dreihundert Emigrantenfamilien auf dem weiten und fruchtbaren Gelände ansiedeln, das sich ungefähr, eine Stunde abseits von der Stadt Janina erstreckt und unter dem Namen Malazka, Kolukian und Dezmerun bekannt ist Der Erlaß ist .allen türkischen Gesandschaften usw. mitgeteilt worden. Ein jüdisch-christlicher Gottesdienst Wir lesen im „American Israelite": *" Einer Einladung des Pastors und der Gemeinde der Temple Baptisten-Kirche in Los Angeles,^ Kalifornien ^folgend, veranstaltete- Dr. Sigmund Hecht, 15 Rabbiner der jüdischen Gemeinde Bnai B'rith, mitsamt seinen Gemeindeangehörigen Sonntagvormittags gemeinsam mit den Baptisten einen Passah-Gottesdienst in der Temple-Kirche, bei dem die Geistlichen der beiden Gemeinden amtierten. (Der liberalen Vereinigung zur Nachahmung empfohlen.) Neue Judenverfolgungen in Rumänien Aus_ dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle erhalten "wir nachstehende Mitteilung: Nach zuverlässigen Nachrichten aus Rumänien fährt die dortige Regierung fort, die Juden besonders in der Moldau zu bedrängen, infolge der systematischen, auf den Ruin der jüdischen Bevölkerung gerichteten Weisungen des Ministers Bratianu werden zahlreiche jüdische Familien aus dem Distrikt Jassy verlrieben., In Bivolari erhielten fast alle Juden, die keine Immobilien besitzen, Ausweisungsdekrete und befinden sich in verzweifelter Lage. Einflußreicher Intervention ist es vorläufig gelungen, kurzen Aufschub zugunsten der Ausgewiesenen zu erlangen. Wenn aber nicht alsbald von autoritativer Seite nachdrücklichste Vorstellungen an maßgebender Stelle erfolgen, sind unzählige Familien in ihren Existenzbedingungen bedroht. KORRESPONDENZEN Geehrte Redaktion! In der Nummer vom 22. d. M. der Wiener „Neuen National- Zeitüng" lese ich Seite 4 in einem Bericht aus Odessa, „Achad Haams Abschied" betitelt folgende Zeilen:- „An der Deputation (die die Odessaer Chowewe Zion 1901 zum Baron Rothschild sendete) hat sich auch Dr. Nordau beteiligt,' der sich während der ganzen Zeit während welcher die Deputation in Paris weilte, hauptsächlich mit Achad Haam unterhielt Am Schlüsse eines solchen anregenden Gespräches rief Dr. Nordau entzückt aus: „Der Tag, an welchem Sie, Herr Ginzberg, in die zionistische Organisation eintreten werden, wird der glücklichste meines Lebens sein." Das ist authentisch." An dieser Geschichte ist auch nicht ein wahres Wort. An der Deputation habe ich mich nicht beteiligt. In einem Briefe des Herrn Dizengoff aus Odessa, den ich am 24. März 1901 erhielt, wurde ich eingeladen, mich ihr anzuschließen. Noch an demselben Tage beantwortete ich den Brief und lehnte die Einladung schroff ab. Ich hielt den Beschluß, die Deputation zu Herrn von Rothsohild zu schicken, für eine Würdelosigkeit und Torheit und machte daraus kein Hehl. Am 19. April traf ein zweiter Brief in dieser Angelegenheit ein, diesmal von Herrn Dr. Tschlenow aus Moskau, der den Beschluß zu verteidigen suchte. Eine Beantwortung dieses Briefes schien mir überflüssig. Am 16. Mai teilte mir mein Freund Herr Dr. Marmorek mit, die Deputation sei in Paris eingetroffen und bitte mich, am 18. an einer Vorbesprechung teilzunehmen. Ich begab mich daraufhin am 18. Mai ins Hotel de Cologne, wo ich die Herren antraf. Es war das einzigemal, daß ich sie „während der ganzen Zeit während welcher die Deputation in Paris weilte", sah. Wir waren etwa eine Stunde lang beisammen. Ich plauderte in dieser Stunde mit Dr. Marmorek, Dr. Tschlenow, Herrn Ussischkin, zwei oder drei anderen Herren, die ich nicht näher kannte, und Herrn Ginzberg, mit diesem bestimmt keine zehn Minuten. Ich machte ihm wegen seiner ablehnenden Haltung gegen Dr. Herzl und den Zionismus Vorwürfe, nannte es eine Ehrenpflicht eines hebräischen Schriftstellers, der das Ohr eines Teils der jüdischen Intelligenz in Rußland besitze, die Bewegung nicht zu bekämpfen, sondern zu fördern," und schloß mit der Bemerkung: „Ich würde mich aufrichtig freuen, wenn es mir gelungen wäre, Sie zu" überzeugen, daß Ihr Platz_in den Reihen der Zionisten ist." Die mir in den Mund gelegte Äußerung habe ich nie getan. Sie entspricht weder meiner Ausdrucksnoch meiner Gefühlsweise. Ich fasse meine Berichtigung zusammen: An der Deputation habe ich mich nicht beteiligt. Während sie in Paris weilte (ich glaube eine Woche lang), habe ich sie eine Stunde lang gesehen. Mit Herrn Achad Haam habe ich mich weniger als zehn Minuten lang unterhalten. Die mir zugeschriebenen Worte habe ich nicht gesprochen. „Das ist authentisch." Für die Veröffentlichung dieser Richtigstellung dankt Ihnen im voraus Ihr hochachtungsvoll ergebener Paris, 26. Mai 1908. Dr. Max Nordau

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