Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316318--50669-3377964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 21 dem historischen Gedächtnis entschwunden, zu sein. Denn nicht die Gutmütigkeit der Regenten und Privilegierten, sondern die durch den modernen bürgerlichen Staatsgedanken gezwungenen Herrscher haben widerwillig die Juden emanzipiert, und - es statuiert' nur - ein neues Exempel von der Unfruchtbarkeit historischer Lehren,/ wenn; trotzdem nun wieder geglaubt wird, daß die Entwicklung nicht auch so weiter geht Sie geht so. weiter. Und Herr Dr.. Friedemann brauchte nur die Skala der graduell frei und weniger _frei regierten Staaten aufzuzeichnen, um die Skala der frei und weniger frei regierten Juden zu haben. Das gilt auch i n Deutschland.. Und . plötzlich soll es in Preußen anders werden! Herr. Dr* Friedemann gedenkt für Preisgabe des Wahlrechtgedankens ein paar . jüdische Abgeordnete einzutauschen. O Weisheit, du redest wie — der Liberalismus! Herrn Dr. Friedemann ist also die russische Duma mit jüdischen Deputierten lieber als eine, französische Kammer, in der keine solche wären. Ich aber glaube aus innerster Überzeugung, daß ein preußischer Landtag mit liberaler oder. liberaler und sozialistischer Mehrheit unserem jüdischen Willen zum Leben ganz anders gerecht werden würde, als das Junkerparlament mit den sieben jüdischen Schweigern oder"—, Nichtschweigerri, nämlich Jasagern heißt das. Daß auch dann kein Paradies für uns ist, das weiß'man; aber die Phrase von den „Kastanien, die wir andern aus dem Feuer holen", ist hier trotzdem auf die Dauer überbanal: einige Kastanien, and vielleicht recht große und knusprige, holen wir doch wohl dabei auch für uns heraus. Weil die russische Revolution in Blut ertränkt ward, Herr Dr. Klee, deshalb war es noch kein Verbrechen, sich aufzulehnen. Es gibt äußerliche und innerliche — ja, auch innerliche — Nötigungen, denen gegenüber gute Eizes billiger als Brombeeren sind. Man wirft beständig freie Anschauungen und Liberalismus von heute in einen Topf." Weil dieser uns nichts helfen kann, sollen wir jene fahren lassen? Wie lächerlich! Darum ist ja der Liberalismus eben so im Elend, weil er seine freien Anschauungen nicht mehr hat oder nicht den Mut, sie zu vertreten — mit der radikalen Sozialdemokratie. Der Liberalismus ist genau an dem zugrunde gegangen, was uns Juden hier als Hebebaum empfohlen wird, — an dem Anschmiegen nach oben, jedenfalls an dem Loslassen nach unten. Wir sollen uns um das allgemeine freie Wahlrecht nicht kümmern. Ich könnte sagen, das kann, das darf ein Jude nicht. Und ein Zionist erst recht nicht, der ja ein Elitejude sein will. Ich könnte sagen, er dürfe die großen sozialen Gedanken, für die sein Volk einst gelebt hat und unterging, die sein Erbteil sind, die Stärke und Schönheit seiner Seele und vielleicht seine einzige Existenzberechtigung, nicht so in den Wind verhandeln und verschandeln, um des augenblicklichen Vorteils (?) willen. Ich könnte sagen, der Zionist dürfe so wenig 'seine modernen sozialen, d. i. seine jüdischen Anschauungen vertauschen, wie seine historischen Erinnerungen, seine Sprache, seinen Glauben oder sein Zukunftsland, — aber Ich sage das nicht, denn'ich werde ausgelacht. Idealismus in* der Politik? Steine her! Unsere rechtsstehenden Berater, die Realisten sind, haben etwas anderes. Nachdem sie uns vom Radikalismus erlöst haben, beglücken sie uns weiter: Hinein in den Block! Ich möchte an „Die Geschichte des alten Wolfs" erinnern, der sich in Güte mit dem Schäfer einigen wollte; der sollte ihm nur sechs, fünf, schließlich wenigstens ein „Schaf" jährlich geben; zum Dank dafür werde er seine Herde verschonen. „Ich wäre mehr als töricht," erwiderte der Schäfer, „wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor dem ich mich durch Wachsamkeit schützen kann." Wir sollen die Geschichte des alten Wolfs mit der Regierung spielen: Gibt sie uns etwas (hier würde das heißen: Ruhe), so werden wir dafür auch nie und nimmermehr radikal sein und in ihre Herden fallen. — Sie aber wird sich denken: „Ein Unsinn, den Juden Schenkungen zu machen, deren wir uns auch so samt ihrem Radikalismus erwehren können!" Wie, das zu erkennen, fehlt es in der Geschichte unserer Tage nicht an Gelegenheit. Es scheint, die Herren verkennen die Rechte und die Regierung, die eben die Regierung der Rechten ist Man will uns dort nicht,. — ist das etwas Neues? Die Junker nicht weil wir vom Handel, von der Großstadt — und Juden sind, die Mittelständler, weil wir Konkurrenten, weil wir Freizügler und — Juden sind. Und wir glauben, von einer Regierung für Liebedienerei Gegendienste zu bekommen, die unserer Erzfeinde Regierung ist? Wo bleibt da die Logik? Wo kommt da das Zukunftsvertrauen her? Im übrigen malen wir uns ein schönes Bild. Die Juden mit Mugdan und Liebermann von Sonnenberg zusammen im Block; im Block, d. h. im Abstimmungs- und Wahlkartell. Die jüdischen Wahlgelder werden nicht mehr dem unfreisinnigen Freisinn allein, „ sondern auch dann dem blockhaften Antisemitismus zufließen. Von Blocks wegen werden wir hübsch das Mundwerk halten,, das uns DIE^ELT 11 . gestopft sein wird, wie heute dem Liberalismus. Wenn Regierungsentwürfe zur Entziehung der persönlichen Freiheit der Bürger kommen, werden wir .r—. mit dem berühmten schweren Herien -- köpf wackeln dürfen. Brüderlich Seite an Seite, mit Mittelständlern und. Junkern, in der Pause zwischen einem Fußtritt und dem andern, werden wir gegen Arbeiterforderungen stimmen. Und in einer neuen Wahlsiegnacht werden wir. — "nach bekanntem Muster — Hurra brüllen, weil zwölf neue Antisemiten unter neuen Parteinamen gewählt sein werden. Und zum Dank dafür werden wir einen jüdischen . (vielleicht gar zionistischen?) Abgeordneten auf der Rechten haben, auf den man hören wird, wie „auf die Katz", wenn man Gesetze gegen uns machen wird. Lieblich, nicht? Als man in unserem Lager begann, über innerdeutsche Politik zu sprechen, stand nicht zu erwarten, daß , solche Vorschläge .kommen könnten. Die ganze Frage ist mehr als heikel; die deutsche Judenheit müht sich ungeschickt an ihr herum, und wir Zionisten sind von geringstem Einfluß auf ihre endgültige Gestaltung. Aber ein Ferment unter den deutschen Juden sind wir; wir könnten durch unsere Intelligenz und Redekraft in den Wahlkämpfen auf die Wähler, und durch unsere aufrechte Jüdischkeit in den Tagungsperioden auf die jüdischen Abgeordneten moralische Einwirkung üben. Die Taktik wird kaum anders und besser zu umschreiben sein, als es kürzlich durch Julius Berger in diesen Blättern geschah. Auf diese vorskizzierte Linie könnten wir uns einheitlich stellen, im übrigen jeden nach seiner Fasson en bloc oder nicht selig werden lassen. Aber unser Prestige, unsere Parteiseele, auf die „rechte" Seite herüberziehen lassen wir.uns nicht. Die aufrechte Jüdischkei-t ist danicht zu finden. Da könnten wir höchstens den Fluch des Golus erfüllen, mit dem Gott uns aus dem Lande unserer Freiheit stieß, denselben Fluch, den die Schlange erhielt, als sie aus dem Paradiese mußte. Wie aber sang unser Zlocisti zu jenen Zeiten, als er noch nicht schwieg? Gott hat uns den graden Rücken Und ein freies Auge geschenkt! Ober so etwas zuckt man heute die Achseln. Wir sind älter. Wir sind ja so vernünftig geworden! Nun denn, auf Wiedersehen und Weitersprechen am Delegiertentag. Israel Auerbach Sehr geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer der „Welt" tritt Herr Dr. Friedemann ' mit einem nach seiner früheren Haltung einigermaßen überraschenden Eifer für eine systematische Politik der deutschen Juden ein, ja sogar für eine mit einem gewissen zionistischen Einschlag und sogar für die Aufstellung von Kandidaten, „die uns nahestehen". Seine Politik ist eingestandenermaßen „Nützlichkeitspolitik". Er sucht deshalb, damit die Regierung den Juden Förderung zuteil werden lasse, den Platz für sie nicht bei den Kämpfern (den „Sturmböcken") um das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht, sondern bei den gemäßigten Liberalen. Ich meine, diese interessante politische Stellungnahme läßt sich weiter entwickeln. Also, der Jude sagt: Ich als „Träger von Besitz und Bildung" bin gegen das allgemeine Wahlrecht, höchstens für ein Pluralwahlrecht und bin im allgemeinen gemäßigt-liberal. Der christliche Proletarier sagt darauf: Da die Juden mir das primitive Bürgerrecht das Wahlrecht, nicht einräumen, habe ich keinen Grund, ihnen die staatliche Gleichberechtigung zuzugestehen und ihnen so „Besitz und Bildung" zu erhöhen, — und er wird aus Nützlichkeitsgründen gemäßigter Antisemit. Die Regierung sieht, daß es bald eine Masse solcher gemäßigter Antisemiten gibt, stellt sich aus Nützlichkeitsgründen gut zu denen, die für sie quantitativ mehr in Betracht kommen, und wird (etwa nach österreichischem Muster) gemäßigt-reaktionär. Der reiche Jude sieht, wo die Mehrheit und die Regierungs- . Sympathie ist, sagt sich, daß er nicht nötig habe, der „Sturmböcfc" der radikalen Juden zu sein, die die vollständige Gleichberechtigung erstreben, und wird aus Nützlichkeitsgründen gemäßigter Protestant. Der arme Jude sieht, daß die Reichen doch nur ihr Klasseninteresse haben, und wird aus Nützlichkeitsgründen Sozialdemokral und gemäßigter konfessionsloser Kosmopolit. ■ , - Der naive zionistische Jüngling, der bisher vom Herzischen 7-Stunden-Arbeitstage und der Oppenheimerschen Siedlungsgenossenschaft träumte, bemerkt plötzlich, daß ein Zionist schon hierzulande seine Ideale umkrempelt, sieht sich deshalb auch anderswo um und wird gemäßigter Territorialist. Der Territorialist kommt vor die Qual der sieben Länder und erkennt, daß es aus Nützlichkeitsgründen am bequemsten ist, im achten, dem Geburtsland, zu. bleiben, und wird gemäßigter Autonomist Und wenn er dann seine jüdische Politik eröffnet, kann's wieder . von-vorne beginnen. Ergebenstmit Zionsgruß . B'li Schern