Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316318--50668-3377963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Üchen der Londoner Reformsynagoge. Er war ein großer Gelehrter, ein guter Jude und nahm tätigen Anteil an fast allen Unternehmungen, welche die Förderung der Interessen des jüdischen Volkes zum Zweck haben. Er war geboren im Dezember 1816 in Aussee' in Mähren und erhielt seine erste Erziehung in Jägerndorf und Olmütz. Später bezog er die Universität und das. Polytechnikum in Wien. Hier traf er mit Moritz Steinschneider und mit Abraham Benisch (dem spätem Gründer des „Jewish' Chronicle")zusammen und gründete mit diesen beiden im Jahre 1838 einen' Verein j,Die Einheit", dessen Zweck die'Ansiedlung österreichischer Juden in Palästina war. Der Verein umfaßte zeitweise 200 jüdische Studenten der Wiener Universität. Löwy kam nach London 1840 im Auftrage dieses Vereins und siedelte sich hier an. Neben seiner Hauptarbeit, der Feststellung des Rituals der neuen Reformgemeinde, interessierte er sich sehr für das allgemeine Wohl seines Volkes. Er war einer der Gründer der Anglo Jewish Association-im-Jafirel870 und amtierte siebzehn Jahre lang als ihr Schriftführer. 1874 nahm -er an-der Königsberger Konferenz zur Beratung der russischen.Judenfrage teil -und einige Jahrespäter an einer internationalen jüdischen Konferenz in Paris. Hauptsächlich ihm ist es-zu verdanken, .daß die Bnai Israel in Indien wieder entdeckt würden und ihr Abfall vom Judentum verhütet wurde. Auch machte er besondere Reisen nach Petersburg und Konstantinopel zur Erforschung der Lage der dortigen Juden und half tätig -an den Versuchen zur Besserung ihrer Lebensbedingungen -mit. Er war ein vorzüglicher Gelehrter der semitischen Wissenschaften, u«; a. gab er eine besondere Abhandlung über die samaritanische Literatur heraus, und war Mitglied vieler akademischer Gesellschaften. Seine Beerdigung " fand Sönnteg statt und gestaltete sich zu einer imposanten und würdigen Kundgebung. □ □ □ SPRECHSAAL n □ □ (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Wir in der deutschen Politik Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat ohne Absicht das tätige Eingreifen der deutschen Zionisten in die Politik ihres Vaterlandes hintangehalten. Es hat den Delegiertentag auf ein Datum berufen," das nach dem Haupttermin für die Landtägswahlen liegt, hat die Tagesordnung so spät bekannt gegeben, daß eine Erörterung oder gar Verarbeitung der Verhandlungsgegenstände innerhalb der Gruppen oder der Spalten unserer Presse ausgeschlossen erscheint, und hat Referenten dekretiert, über deren Ansichten und Leitsätze wir zum Teil völlig - im Dunkeln . sind. Ein Gutes hat aber zweifellos dieses Zögern gehabt, nämlich, daß wir aller Leidenschaftlichkeit entsagen können, die die Notwendigkeit eines Entschlusses zu sofortiger Tat zu entfachen pflegt. Wir haben hübsch Zeit vor uns. Wir haben nicht bloß zwei Beratungstage, sondern Jahre der Ruhe vor Augen (wenn nicht der preußische Landtag durch ein radikales Wahlreformgesetz in Bälde aufgelöst wird und zur Neuwahl steht, woran ja freilich kein Mensch flaubt), und es wäre nur zu wünschen, daß diese Periode politischer Arglosigkeit nicht zu einer Periode jener geistigen Trägheit werde, die die Probleme, solange sie nicht unter den Nägeln brennen, unerörtert läßt, — bis es wieder einmal zu spät wird. Auch darf die Leidenschaftslosigkeit nicht zur Lauheit werden. Und fehlte es zufälligen, einseitig und bequem vorgetragenen Ausführungen, an entsprechendem energischem Widerspruch, so könnte das für die endgültige Entwickelung und Realisierung der zur Debatte stehenden Gedanken verhängnisvoll werden. Ein solcher Widerspruch sollen die folgenden Ausführungen sein. Zur Frage unserer Beteiligung — oder der Beteiligung der Juden — an der innerdeutschen Politik, von unserem Standpunkte aus gesehen (was ungefähr das gleiche trifft), sind bisher zwei Führerstimmen lautgeworden. Die eine, von Dr. Klee, woran wir seit Jahren leider gewöhnt wurden: extra muros, in einem Oldenburger Vortrag, die andere von Dr. Adolf Friedemann in unserem Parteiorgane. Und beide klingen so gut zusammen, als wären sie aufeinander eingestimmt. Beider Grundbaß. ist: Los vom Radikalismus! Wir fragen zuerst erstaunt: von welchem? Von einem der Zionisten kann ja zweifellös nicht die Rede sein; denn wann und wo, du mein Gott, (nebbich — würde ein gewisser Gesinnungsgenosse sagen), hätten wir politischen Faktoren gegenüber einen solchen betätigt! Es kann sich also nur die deutsche Judenheit als Gesamtheit betroffen fühlen. Und wieder stehen wir und denken krampfhaft nach: von welchem Radikalismus, Herr der Welt, du Großer? Von dem Radikalismus der achtundvierziger Jahre? Aber der war ja notwendig, ehrenvoll und segensreich und ist längst entschlafen. Von dem Radikalismus der Sozialdemokraten? Ich behaupte, daß die gesamte deutsche Judenheit (mit Ausnahme weniger „Intelligenten", vieler Studenten und einer Anzahl großstädtischer Handlungsgehilfen, die sich bockig gebärden, solange sie noch nicht „eingeheiratet" haben) nichts von ihmweiß! Oder etwa vom Radikalismus der Blockliberalen — lucus a non lucendo — diesem Radikalismus ä la Kuropatkin? Bleibt nur das armselige Häuflein der neuen „Demagogen", jenes Dutzend, wie Barth und Gerlach, die einzigen noch existierenden freisinnigen Männer Deutschlands, um die leider nicht die Juden stehen. So analysiert, verschrumpft der apostrophierte Radikalismus zu einem Nichts und der Ruf: von ihm los! zu einem Nonsens. Nur ein Radikalismus der deutschen Juden existiert; das ist der in der Phantasie unserer Behörden und im bösen Willen, in . der bewußten, Lüge der Antisemiten. Einen so unwirklichen Begriff aufzunehmen, aus diesen Händen aufzunehmen und ihm durch Warnungstafeln einen Schein von Begründung und Existenj zu verleihen, erscheint mir als ein Unternehmen, das nicht von jener Vorsicht begleitet war, zu der unsere Weisen aus den Sprüchen der Väter die Führer des Volkes verpflichteten. Nach den Äußerungen dieser unserer beiden Gesinnungsgenossen sind wir deutsche Juden also wirklich sozusagen jene Rotte von Schnorrern und Verschwörern, zu der unser Blockkanzler mit seinen jüdischen Witzen ä la Schabbesschmus unsere ausländischen Brüder stempelte, und wir müssen uns bestreben, uns zu höherer, zu Glacehandschuh-Zivilisation hinaufzuentwickeln. Wie gefährlich geradezu solche Emanzipationen sind, geht mit haarsträubender Evidenz aus dem Musterbeispiel hervor, das Dr. Klee in seiner Rede verwendet hat: Die russischen Juden ließ er als-Abschreckungsmittel aufmarschieren. Ich denke, daß auf dem Delegiertentag Dr. Schemarjähu Lew in ihm noch etwas deutlicher vorführen wird als ich, daß das eine Rechtfertigung sämtlicher Pogrome^ bedeutet, eine Zustimmung zu sämtlichen Repressalien der preußischen Regierung und eine Befestigung jener unselig unbrüderli&tien Stimmung, die die deutsche Judenheit gegen ■■ die östliche enüllt (siehe Beschluß des badischen Oberrats), und die wir Zionisten seit Jahren durch Berufung auf die Einheit der Gesamtjudcriheit und durch Hervorhebung der eminenten Kulturstärke und -Schönheit unserer Ostjuden mühsamst auszutilgen bemüht sind. Dabei ist es im Grunde doch nichts mehr als eine seltene Unwissenheit. Aber zurück zum Thema. Das Schlagwort der beiden Rufer im Streit hat doch einen Inhalt. Los von den radikalen Anschauungen, meinen sie, nicht von den Faktoren. Und was er unter diesen Anschauungen versteht, hat mit anerkennenswerter Deutlichkeit, wie immer, Dr. Fri edemann formuliert. Los vom allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht! Zuerst sei auf einen Widerspruch hingewiesen. Dieselben Stimmen betonen wiederholt, daß jeder einzelne Jude je nach seiner persönlichen Weltanschauung sich politisch zu orientieren habe, nicht als ein „jüdisches Zentrum", dem sie das schöne „Heraus aus dem Turm" entgegensetzen. Und dieselben Stimmen fordern plötzlich den allgemeinen Verzicht auf so persönlichst erfaßte Gedanken, wie die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und für die Legislative. Ja, was ist denn das anders, als der Zentrumsturm, . dem "Auffassung des Staats- und Büigerbegriffs, kulturelle und soziale Richtlinien völlig irrelevant sind, gegenüber dem Gedeihen der Gruppe? Das kurz und nebenbei vorangeschickt. Ich könnte weiter mit „Reaktion" und „Kulturwidrigkeit" anrücken, unterlasse das aber, weil es zu billig ist, weil die Betroffenen nur ein Achselzücken oder ein „ich pfeife darauf" dafür übrig haben und es ebenso billig mit Schlagworten wie „Radikalismus" und „Draufgängertum" erwidern können. Ich meine aber, daß hier versucht wird, die deutsche Judenheit verhängnisvoll verkehrt zu beraten. Daß der Gedanke, der Dr. Friedemann so gleichgültig läßt, ja, wie ein Feind vor ihm steht, in seinem Grundwesen oder als ideales Ziel es war, der die deutsche Judenheit nicht nur, sondern die von ganz Westeuropa relativ befreit hat, scheint aus