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Die Welt · 1908-05-29 · 21 (29.5.1908) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
21 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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zionistische Studentenschaft nicht gleichgültig sein. Schon "aus Gründen der Selbsterhaltung. Freilich hat die jüdische Studentenschaft keinen Anlaß, den deutschen „Kollegen", deren Gesinnungsfenossen im Parlament, die Deutschradikalen, für die Resolution chmidt stimmten, die einen jüdischen akademischen Lehrer, der sich von der Lüge der Assimilation lossagte, nicht dulden wollten, bedingungslos Gefolgschaft zu leisten. Die jüdische Studentenschaft in Wien schloß sich daher während der Dauer der Krise den deutschen Korporationen nicht an. Sie ging vollkommen selbständig vor. Schon als eine Deputation der zionistischen akademischen Korporationen beim Rektor erschienen war, um ihm für sein loyales Verhalten in der Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität Dank zu sagen, richtete Rektor von Ebner die Anfrage, -wie sich die Jüdischnationalen im Falle eines Hochschulstreiks verhalten werden. Die Vertreter der jüdischen Studentenschaft gaben die Erklärung ab, daß sie einen solchen Kampf für die Lehrfreiheit nur unterstützen werden. Als daraufhin der akademische Senat den Beschluß faßte, sich den Forderungen der Studentenschaft anzuschließen, und sich verpflichtete, jedem Anschlag gegen die Lehrfreiheit energisch entgegenzutreten, richtete der Rektor in der bekannten Ansprache die Aufforderung an die Studentenschaft, im Sinne der geführten . Unterhandlungen vom Streik abzusehen. Da waren die Jüdischnationalen die ersten, die dem Rektor ihr Vertrauen aussprachen, während die Deutschen noch schwankten. Damit war die Aktion der jüdischen Studentenschaft, der zweitgrößten Organisation an der Wiener Universität, zu Ende. Die zionistischen Studenten kamen nicht dazu, den deutschnationalen Bedingungen zu diktieren, weil es zu einem geschlossenen Vorgehen gar nicht gekommen ist. Die sogenannten Deutschfreisinnigen, die eine den Deutschnationalen gegenüber verschwindende Minorität von Assimilanten darstellen, machen jetzt krampfhafte Versuche, alle freisinnigen akademischen Korporationen, insbesondere die Angehörigen der slawischen Nationen, unter ihrer Führung zu gemeinsamem Vorgehen zu ralliieren. Allein, die Jüdischnationalen werden der an sie ergangenen Einladung, wie wir erfahren,' keine Folge leisten. Anders gestalten sich die Verhältnisse in Czernowitz, wo die Deutschfreiheitlichen die Hilfe der zionistischen Studentenschaft anriefen. Bei der gemeinsamen Besprechung verwies der Sprecher der Jüdischnationalen auf die seitens der Deutschen versuchte Hetze gegen den Dozenten Abg. Dr. M a h 1 e r, der wegen seiner zionistischen Gesinnung verhindert werden sollte, an der Czernowitzer Universität zu lehren. Die jüdische Studentenschaft verlangte, daß in dem Memorandum an den Senat jeder Anschlag gegen die Lehrfreiheit, von welcher Seite immer (also auch von studentischer), sei es aus politischen, religiösen oder nationalen Gründen, verurteit werden soll. Die Forderung der Jüdischnationalen wurde erfüllt. In, :der Ansprache, die der Rektor bei Entgegennahme des Memorandums an die Studentenschaft richtete, berief der Redner sich auf' die Haltung des Senats1 in der Affäre Mahl er und verurteilte auf solche Weise auch bei dieser Gelegenheit die Haltung der deutschen Studentenschaft. Die letzten Wirren lieferten den Nachweis, daß an Hochschulen ' mit einer merklichen Anzahl von jüdischen Studenten mit den Jüdischnationalen gerechnet werden muß. Es kann weder gegen sie, noch ohne sie eine ernstere Aktion durchgeführt werden. Es sei noch bemerkt, daß die jüdische Studentenschaft an allen Hochschulen die Aktion um die Anerkennung der jüdischen Nationalität kraftvoll fortsetzt. So wurde auch in Brünn den akademischen Behörden ein Memorandum überreicht, in dem unter Hinweis auf die Wiener Universität die Anerkennung der jüdischen Nationalität verlangt wird. Hebräische Postdrucksachen. Die österreichische Postverwaltung fertigte für den Verkehr mit Palästina Postdrucksachen (wie Erlagscheine, Postkarten usw. mit hebräischem Text an. Brief aus London (Von unserem Berichterstatter) Eine der jährlich bei uns stattfindenden Funktionen von allgemeinem Interesse ging am verflossenen Sonntag bei Gelegenheit der Preisverteilung am Jewish College, dem theologischen Seminar der englischen Juden, vor sich! Es ist Regel, daß hervorragende Laien diesem Akt vorstehen und eine Rede über die Lage und die Erziehung der jüdischen Geistlichen in Unserm Lande halten. Diesesmal präsidierte indessen der Chiefrabbi (Dr. Adler) selbst und hielt auch die übliche "Ansprache, um Gelegenheit zu haben, auf die verschiedenen Kritiken zurückzukommen, deren Gegenstand das College im verflossenen Jahre war. Außerdem verlieh er bei dieser Gelegenheit einem Studenten, der von der Gemeinde Sheffield zum Geistlichen gewählt worden war, öffentlich die rabbinische Antorisation. (Es mag den Leser eigentümlich berühren, das Wort „Geistlicher" anstatt „Rabbi" zu lesen; aber in England würde das Gegenteü auffallen. „Wie es sich christelt so jüdelt es sich.") Die Rede des Chiefrabbi beschäftigte sich mit drei Punkten. Zunächst lenkte er die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Zahl der Studenten, die das College verlassen haben, um die geistlichen Leiter der jüdischen Gemeinden in Südafrika, Australien, Neuseeland und Kanada zu werden. Die Moral, die er daraus zog, war nicht die, daß der Baum des Judentums unter diesen so weit verstreuten Pflegern gedeihen möge, sondern, daß das Jewish College auf diese Weise -seinen Anteil zu der Stärkung des Zusammenhanges zwischen dem Mutterland und den Kolonien beitrage (woraus zu ersehen ist, daß unser Chiefrabbi ein guter britischer Imperialist ist). Sodann betonte er die Wichtigkeit des Studiums der höheren Bibelkritik, da diese Wissenschaft heute die ganze Welt durchdrungen habe und insbesondere infolge gewisser a'ntijüdischer Tendenzen einer bestimmten Schule von Bibelkritikern in Deutschland Anspruch auf unsere Aufmerksamkeit habe. Der dritte Punkt war heiklerer Natur. Dr. Adler nahm Bezug auf eine Diskussion, die jüngst über den Umfang der Pflichten eines jüdischen Geistlichen stattgefunden hatte und die ihre Ursache in der Weigerung eines oder zweier unserer „geistlichen Leiter" hatte, als Vorbeter gewisser Gebete zu fungieren. Vier Herren hielten es z. B. unter ihrer Würde, die Vorlesung der Sidrah selbst vorzunehmen, und behaupteten, dieses sei eine Aufgabe der Chassonim. Der Chiefrabbi äußerte sich sehr sarkastisch über diese empfindlichen Kleriker und sagte, daß die, die es unter ihrer Würde hielten, in der Synagoge vorzubeten, ihres Amtes unwürdig seien. Dieser Teil der Rede fand lebhaften Beifall, da diese Frage die Gemüter der Gemeindeangehörigen eine Zeitlang sehr erregt hatte. Gewöhnlich verläuft eine solche Feierlichkeit sehr ruhig. Diesesmal gab es aber eine kleine Aufregung, und zwar wiederum infolge der bekannten Wahl in Nord-West Manchester, von der in diesen Spalten ja ausführlich die Rede war. Die Aufregung wurde verursacht durch die Rede von Sir Philipp Magnus, Vertreter der Londoner Universität im Parlament, einem hervorragenden Mitglied unserer Gemeinde. Er war eingeladen worden, dem Lehrkörper des College ein Dankeswort auszusprechen und benutzte diese Gelegenheit, um die Absendung eines Briefes zu rechtfertigen, den er während der Wahlen an den konservativen Kandidaten in Manchester gerichtet hatte. In diesem Briefe hatte er die Organisierung jüdischer Wähler zum Zwecke der Erlangung von speziellen Versprechungen als eine Manifestation des „Ghettogeistes" bezeichnet. Natürlich brachte ein solcher Brief dem Schreiber in der jüdischen Presse ein gehöriges Teil berechtigter Kritik ein, die behauptete, daß gerade die ängstliche und passive Haltung, die Sir Philipp Magnus predigte, den wahren „Ghettogeist" darstelle. Der Redner erklärte nun, daß er einen solchen Schritt getan habe,- um jeden Versuch der Erweckung von Antisemitismus im Keime zu ersticken und daß es zu einer Zeit, wo so viele revolutionäre Vorschläge in der Luft lägen (eine Anspielung auf eine vom Premierminister versprochene Wahlreform), es jedermanns Pflicht sei, die Rückkehr eines Radikalen ins Parlament zu verhindern. Hier wurden Rufe laut: „Nein, nein! Keine Parteipolitik!" und es entstand eine allgemeine Aufregung. Der Chief-Rabbi erhob sich und sagte, daß man bei einer solchen Gelegenheit gewiß gerne die Meinung einer so hervorragenden Autorität wie Sir Philipp Magnus über das Unterrichtsgesetz hören würde, das gegenwärtig dem Parlament vorliegt . Demgemäß beschränkte sich Sir Philipp Magnus auf diesen Punkt und führte aus, daß er ein Gegner der Vorlage sei, da er von ihr die Vernichtung des Religionsunterrichts in der Schule befürchte. Nach der öffentlichen Versammlung fand zwecks Vornahme der Wahlen die Jahresversammlung der Mitglieder des College- Vereins statt, von dem die Anstalt unterhalten wird. Der Chief- Rabbi, der so viele Jahre Vorsitzender des Aufsichtsrats war, trat zurück, und an seiner statt wurde Mr. J. M. Levy, Vertreter der Sephardimgerneinde, gewählt, von der das College eine JahressuBvention von £ 1000 erhält, und zwar aus einem von Sir Moses Montefiore gestifteten Fonds. Die Wahl eines Laien zum Vorsitzenden wird gewiß dazu beitragen, den Beratungen des Aufsichtsrates eine größere Freiheit zu verleihen, und auch eine Verbesserung der ungenügenden Administration der Anstalt nach sich ziehen. Dr. Albert Lowy gestorben . Eine bedeutsame Persönlichkeit ist mit Dr. Albert Löwy hinweggegangen, der letzten Donnerstag in seinem 92. Lebensjahre gestorben ist Fünfzig Jahre lang, von 1842 bis 1892, war er einer der Geist-

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