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Die Welt · 1908-05-29 · 21 (29.5.1908) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
21 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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sondern auf einen alt-hebräischen Ursprung hin! Ein Volk aber, das ähnliche Riesenwerke schafft, konnte sich doch nicht nur auf die Schaffung dieser Werke beschränken! Und schon zur Zeit der ältesten Erklärer tastete man im Finstera; man wußte nicht richtig, was diese Säulen bedeuteten. Der Grund ist einfach, und hierin liegt das Geheimnis und die Tragödie der altjüdischen Kunst: der geschichtliche Faden wurde oft und oft zerrissen. Es existierte deshalb nichts durch die Jahrtausende Zusammenhängendes, es waren verschiedene Perioden, „sieben fette" und „sieben magere Jahre", Aufschwung und Niedergang, — aber zum Glück, worin das jüdische Volk einzig dasteht — wiedermals Aufschwung. Deshalb ist die jüdische Kunst wirklich ein spröder Stoff, der immer schattenhaft den zugreifenden Händen entgleitet. Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, Juden hätten keinen Sinn für das Monumentale in der Kunst. Ja, welche Juden, wann und wo? Was waren „Jachin" und „Boas"? Wir sind dem Altertum schon so entrückt, — wird man einwenden. Einverstanden. Aber die Basilika in Alexandrien ist ja schon ganz "historisch! Da wird es wieder heißen: griechischer Einfluß, als ob es überhaupt irgendwo in der Welt ein Volk gäbe, das nicht von einem anderen beeinflußt worden wäre. Man werfe doch einmal all' diese episodenhaften Urteile über den Haufen! Möchte man sich doch einmal zu der Anschauung durchringen, die Juden sind ebenso originell und ebenso nachahmerisch, ebenso schönheitsliebend und ebenso von den Verhältnissen abhängig, wie die anderen. Diese Ausführungen haben zwar nicht direkt mit den Ausstellungsobjekten zu tun, sie dürften doch auf das Ganze ein gewisses Licht werfen. Denn bevor man die Teile genau besichtigen will, muß man das Ganze sehen, und um das in der Gegenwart Anschauliche zu begreifen, muß man die Vergangenheit kennen, die Vergangenheit; in der die Wurzeln des Gegenwärtigen liegen. } Die in diesem Kapitel erörterten Fragen und durch die Ausstellungseindrücke hervorgerufenen Reflexionen über die Kunst des jüdischen Altertums mögen vielleicht auch manche Anregung für die Gesellschaft zur Erforschung jüd. Denkmäler und für ihre Freunde (zu denen wir doch alle gehören!) enthalten. Die Gesellschaft besitzt zwar eine gewisse Anzahl von Reproduktionen und Werken über den alten Tempelbau,' doch wollte diese Ausstellung ähnliche Fragmente nicht zur Geltung kommen lassen. Das war auch sehr richtig. Wenige und unbedeutende Altertumsreminiszenzen könnten nur die Harmonie des Ganzen! stören, und es war besser, mit einem Male in medjias res zu treten. Aber für die Zukunft wird es gut sein, den Sammlerfleiß auch nach dieser Richtung zu lenken. Haben wenige, zumeist auch dilettantische und unsichere Reproduktionen keinen Wert, so hätte doch eine vollständige Kollektion der Tempelpläne, der Inschriften, der Ausgrabungen, eine vollständige Auswahl aus Conders Palestin. Quarterly Review Abbildungen (sofern sie sich auf Kunst beziehen) einen großen Wert. Vor zwei Jahren hat Prof. Petri in London seine Ausgrabungen des Oniastempels in Plänen und Fragmenten dargestellt. Solche und ähnliche Pläne und Bilder, wenn sie in einer großen Sammlung zusammengefaßt sind, werden doch manches Belehrende auch für die mittelalterliche und neue Kunst enthalten. Man möge also auch nach dieser Richtung sammeln! Wiener Brief (Von unserm Korrespondenten) Bobrzynskis Absichten In das Statthaltereipalais in Lemberg zog der neue Herr ein. Eine dichte Gratulantenschar drängte sich, um dem neuen „Vizekönig" von Galizien, Herrn Dr. Bobrzynski, ihre Glückwünsche darzubringen. Unter den schwungvollen Rednern fehlten die Vertreter zweier Völker, die die Mehrheit des Landes bilden, die aber bei der Ernennung des Hauptes der galiziscBen Landesverwaltung nicht angehört wurden, nicht befragt werden durften, — das verlangten die edlen und heldenmütigen polnischen schlachzizischen, bürgerlichen und Bauernparteien. Wo aber die freigewählten Vertreter des ruthenischen Volkes fehlten, drängten sich dafür beglückwünschend und frohlockend die Moskalophilen, die neuen- Favoriten der Schlachta, die neulich im österreichischen Parlament als die Partei des rollenden Rubels, als eine von Polen gezüchtete russische Irredenta entlarvt wurden. Und wo die jüdischen Volksmassen schwiegen, da redeten die Kahalgewaltigen, die sich beeilten, den neuen Stadthalter ihrer Ergebenheit zu versichern. Beim Empfang einer solchen Deputation der jüdischen Gemeinde Lembergs erklärte Herr Dr. Bobrzynski, die Rechte aller Bürger des lindes, ohne Unterschied der Nationalität, wahren zu wollen. Zugleich richtete er an die Mitglieder der Deputation den Appell, „sie mögen ihn in seiner Absicht unterstützen, jene politische Strömung im Judentum, die ihre Bestrebungen zum Schaden desselben wie nicht minder des Landes entwickelt, auf die rechte Bahn zu lenken". Das offiziöse Organ des Polenklubs, die „Polnische Post" in Wien, erläutert nun den Ausspruch des Statthalters, indem sie auf den Zionismus als auf diejenige Strömung hinweist, die in der Aussprache gemeint wurde. Herr Dr. Bobrzynski hat also die Absicht, die zionistische Bewegung „auf die rechte Bahn zu lenken". Die „Polnische Post" bezeichnet sie als eine schädliche Utopie, die die Assimilation und die „Verbürgerlichung" der Juden in Galizien hindert Mit der „P. P." zu polemisieren, ist freilich ein müßiges Beginnen. Es ist kein Ideenkampf, der da auszufechten ist. Solange die polnischen Parteien, die — vom Proletariat abgesehen — die ganze polnische Gesellschaft repräsentieren, ihr Verhältnis zu den Juden von unsern Gesinnungen abhängig machen, solange ,die Polen unser Recht nicht anerkennen wollen, unsere sozialen und nationalen Probleme autonom und selbstbestimmend zu lösen,'.ist ein gesundes politisches Verhältnis undenkbar. Die Polen steifen unmögliche Forderungen, sie muten dem jüdischen Volke eine Unterordnung seiner Bestrebungen unter die Machtbedürfnisse des polnischen Adels und Bürgertums zu. Sie wollen kein friedliches Nebeneinander, sie verlangen Unterwerfung. Da ist eine Diskussion gegenstandslos. Verbürgerlichung, wenn darunter Erlangung der staatsbürgerlichen und nationalen Vollberechtigung zu verstehen ist,-— ja! Assimilation und national-politischer Anschluß an die Polen, — nie! Herr Dr. Bobrzynski will den Zionismus bekämpfen, wie er jede freie Regung in Galizien zu erdrosseln bestrebt sein wird. Er möge sich nicht wundern, wenn er alle freiheitlichen Parteien des Judentums im Lager derjenigen finden wird, die die Hegemonie der polnischen Schlachta in Galizien brechen wollen. Durch die Ernennung des Abg. Dr. Bobrzynski, des Führers des konservativen Flügel des Polenklubs, zum Nachfolger des Grafen Potocki, ist eine Neuwahl in seinem Reichsratswahlkreis erforderlich geworden. Es verlautet daß die Jüdische Nationalpartei die Absicht hat, Herrn Dr. Brau de", Obmann des Lemberger zionistischen Zentralkomitees, in diesem Wahlkreis kandidieren zu lassen. Die jüdische Studentenschaft und die Wahrmund - Affäre Die österreichischen Hochschulen rüsteten zu einem Generalstreik. Die Bedrohung der Universitäten durch die Klerikalen stieß auf den heftigsten Widerstand zunächst der deutschen Studentenschaft, die sich bereit erklärte, eine Maßregelung Wahrmunds mit einem Hochschulstreik zu beantworten. Es handelte sich nicht mehr um die Broschüre Prof. Wahrmunds oder um die Person des Verfassers. Sollen die österreichischen Hochschulen Stätten voraussetzungsloser, politischen und kirchlichen Einflüssen entrückter Wissenschaft bleiben oder Jesuitenkollegien werden? So lautete nunmehr die Frage. Ihre Beantwortung kann für die jüdische und

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