Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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des Volkes, einen unrichtigen Gebrauch von Bildern zu machen und das materielle Bild in ähnlicher Weise verehren zu wollen, wie es im. Heidentum oder im Halbheidentum gsschieht, verlieh dem Gebote nicht nur damals, sondern auch jetzt und für alle Zeiten eine hohe; pädagogische Bedeutung. Die Kunst darf dem Laster keihe^ Kuppeldienste leisten. „Man spreche also nicht von einem ^veralteten" Gebot. Das Gebot steht auch jetzt auf der^Höhe unserer edelstenN ästhetischen Auffassungen. - N Historisch entwickelte. sich dieser Begriff folgerichtig. In der ersten Zeit mußte das abstrakte Element in den Vorstellungen vorherrschen. Es entsprach dies der damaligen Lage des Judentums, das sich kaum vom ägyptischen Einfluß losgerungen hat9), und der Vorsicht, mit derdie himmelsreine, sittenläuternde junge Lehre sich nach allen Seiten bewegen mußte. Die Stiftshütte entsprach in ihrer edlen Einfachheit und leichtbeweglichen Übertragbarkeit dem Charakter eines wüstenwandernden Stammes und der Übergangszeit von der pastoral-nomadischen zu der ackerbaülich-staatlichen Epoche: Sobald das Judentum mit der salomonischen Machtperiode und mit dem ersten Tempel seine sichere Stellung gewonnen und sogar siegreich geworden war, tritt der Charakter reicherer und differenzierterer Kunstvorstellungen klarer hervor. Das mosaische Verbot büßt nichts von seiner Bedeutung ein; die Propheten geißeln mit flammendem Zorn das Nachäffen idolatrischer, heidnischer Verirrungen, doch entwickelt sich zu gleicher Zeit eine adelige Kunst des Wortes, des Tons und der Phantasie. Prächtig wie. der salomonische Tempel war, die Tempelvision des Propheten Ezechiel ist noch viel bilderreicher10); herrlich wie die jesaianische Schilderung des Gottesthrones war J1), die ezechielsche"istnoch viel farbenprächtiger, — so daß sie iniTalmud einen ungünstigen Vergleich hervorrufen!12). Natürlich sind das prophetische Ekstasen, die nicht mijbs dem Maßstab gewöhnlicher Kunst gemessen werden können, nichtsdestoweniger offenbart sich in. ihnen nebenbei auch eine. künstlerisch gestaltende Phantasie. Wenn der Psalmist in vier Worten13) den Ewigen auf einem Cherub reitend und dahinfliegend darstellt, — ist das nicht ein Bild von erhabener Herrlichkeit? Gleichviel, Wort, Farbe oder Meißel, nur ist das Wort eine abstraktere Darstellungsform, deshalb liegt die Gefahr der Materialisiefung nicht so nahe, trotzdem sie auch hier vorhanden und vermieden werden muß 14). Daß auf dem hundertmal von allen Völkern und Horden zerstampften Palästinaboden keine Denkmäler plastischer Kunst .geblieben sind, ist nur natürlich. Aber nach all' den Beschreibungen der Paläste, der öffentlichen Bauten, des Luxus M), des Städtelebens 16), des wunderreichen Liebeswerbens ") und der mustergültigen Sittenlehren für das Volkslebenl8), kann es kaum 9) Levit XVIII, 10) Ezechiel. XL—XLVII. **) Jesaias, VI, 1—13. 1S) „Jesaias" — heißt es — „spricht wie ein Großstädter, der den König gesehen, Ezechiel hingegen — wie ein Dorfbewohner." ") „Wairkaw al kruw wajaof, P, 1. -XVIII, 11."- ") Mit dieser Frage beschäftigt sich Maimonides im ganzen ersten Teil seines. „Führers der Verirrten.'' ") Jesaias 3, 18—24. ") Ibid. 5, 11—14. ") Hohes Lied,. V—VII. 18j Proverb., VII. einem Zweifel unterliegen, daß die Kunst im alten Israel nach allen Richtungen eine hohe Blüte erreicht hat. / . Der klassische Ausdruck der religiösen Kunst war im Laufe des .Staatslebens der Tempel und im Exil die Synagoge. Bezüglich des salomonischen Tempels ist es eine marktgängige Phrase geworden, die Phönizier als die einzigen Baumeister gelten zu lassen. Die Hohlheit dieser Phrase wird vom Architekten Abraham Tannenbaum in seiner Abhandlung über den Synagogenbau 19) mit überzeugender Logik widerlegt. „Schon lange vor Salomo war die phönizische. Kunst.. unter den Juden verbreitet . . , zur Zeit des Tempelbaues war schon diese Kunst ebenso den Juden wie den Phöniziern zugänglich, nur daß die Phönizier zu jener Zeit den Juden und sogar den Griechen voraus waren. Man darf aber daraus keineswegs schließen, die Kunst wäre den Juden bis zur Ankunft der phönizischen Meister unbekannt gewesen. Das „Buch der Chronik" erzählt ja; sämtliche Beamte und Aufseher beim Tempel- . bau seien Juden gewesen, und wird ja über die frühere Periode im „Buche der Richter" von vielen Türmen und; Festungen, Anhöhen und Altären von großer Schönheit, wie auch von Bethäusern von großem Umfange 20) er-' zählt". An der Hand archäologischer Forschungen und Ausgrabungen und auf Grund der Untersuchungen Conders, Fergussons, Warrens und Wilsons erbringt Architekt Tannenbaum den Beweis, daß die Israeliten ihre eigne Kunstrichtung hatten, die in einer ganz andern und größern Verwendung der Pflanzenmotive in der Ornamentik bestand21). Der salomonische Königspalast, die aufgefundenen Sarkoph-age und Gräber (die Gräber der Könige von Jehuda), die großartigen Wasseranlagen, die alten Tore, von denen sich noch manche Überreste erhalten haben, bieten uns ein Bild mächtiger und kunstvoller Bautätigkeit. Darauf folgte nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft die Periode des zweiten Tempels, der wundervolle Herodesbau, das Janaigrab, das Helenegrab u.v.a.mitdenSpurengriechischer Baukunst, dem jüdischen Geschmack angepaßt und von den topographischen und klimatischen lokalen Verhältnissen beeinflußt. Und erwähnen wir noch zuletzt den, alexandrinischen Onjastempel,di e Basilika,—nachKreuser, der Prototyp der christlichen Basiliken, — so ersteht vor uns eine fabelhaft riesige Welt altjüdischer Kunst. Ob es eine jüdische Kunst gab? Diese Frage ist gar zu naiv. Der Stoffreichtum der jüdischen Kunst ist so groß, daß man sich gar nicht auf diesem Gebiete zurechtfinden kann. Möchte doch irgendein Kunsthistoriker uns genau erklären (ungenaue Erklärungen . und Kommentare besitzen wir mehr als nötig . .), was „Jachin" und „Boas" künstlerisch bedeuteten? Es waren die berühmten Säulen mit den ehernen Knäufen' und mit geflochtenen, kettenartig herabhängenden Reifen, nebst einem Schmuckwerke von vierhundert Granaten 22). Sie mußten doch etwas ganz Besonderes bedeuten! Ihre Benennung weist ja nicht auf einen phönizischen, 19) In Rabinowitz's „Knesseth-Israel", Jahrgang I, S. 1025 bis 1030. *°) Der „Zoriach" im Turme' Sichern. 21) Er zitiert hierbei eine Schrift „Nptice des antiquites etc. hebraTques . .'. Ädrien de Longperier, Paris 1854." Ich konnte diese Schrift hier nicht bekommen und bediene' mich-nur des Tannenbaumschen Zitats. •2) Kön. I, Kap. VII; Chron. II, Kap. III, 16, 17.