Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-05-29 · 21 (29.5.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
21 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316318--50664-3377959
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sie nicht, wie es bisher geschah, in der ungerechtesten und niederträchtigsten Weise von obenher peinigen und der aligemeinen Verachtung preisgeben soll, daß die Beseitigung dieses abscheulichen Zustandes, dessen Fortdauer doch so recht die krasse Reaktion der preußisch-deutschen Regierungsgewalt verkörpert, von den linken Parteien als erste Forderung für ihren Eintritt und ihr Verbleiben im Block erhoben worden wäre. Aber nichts von alledem.- Man hielt es nicht für nötig, denn man wußte, daß die berühmte Oppositiorispolitik der jüdischen Wähler. sicher nicht weiter gehe als die der liberalen Parteien. Man brauchte gär'keine Angst zu haben, daß etwa die Juden bei irgendeiner Wahl oder auch bei' den preußischen Landtagswahlen dem Block Schwierigkeiten machen. würden. Und nun verlangt Dr. Friedemann,. daß die Juden unter allen Umständen die Blockpolitik weiter mitmachen sollen! Daß der Block bisher den Juden absolut nichts gebracht hat,'weiß auch Herr Dr. Friedemann. Und erwartet er wirklich, daß er ihnen in Zukunft etwas schenken wird? Glaubt er wirklich, daß wir von der Regierung „Förderung", „ Beamtenstellen " und „Wohlwollen" erwarten können, nurweil wir Blockparteiler wählen? Die Regierung weiß ja gar nichts von uns, und die Parteien wollen von uns nichts wissen. Ob wir für den Block oder gegen ihn wählen, ist absolut gleichgiltig, so lange wir nicht einheitlich wählen. In dem Moment, wo wir uns auf ein politisches Programm geeinigt haben und dieses Programm der Regierung und den Parteien vorlegen, haben wir Bedeutung und von einer Seite jedenfalls etwas zu erhoffen. Verpflichten sich dann die Blockparteien unter allen Umständen*, für unsere Forderungen einzustehen und sie als Kompensationsobjekt der Regierung gegenüber zu verwerten, dann können wir von der Regierung etwas für uns erwarten. Lehnen die Blockparteien ab, und unterstützen wir — immer die Juden als geschlossene politische Masse gedacht — den Antiblock, dann werden wir auch dem Block oder der Regierung, d. h. den jeweiligen Machthabern, beachtenswert werden, und man wird es sich überlegen, ob es nicht besser ist, uns als Freund denn als Gegner zu haben. Vorbedingung ist — es sei, wie es sei — die Loslösung der deutschen Juden von den deutsch-politischen Parteien und ihr politisches Auftreten auf einheitlicher Grundlage, d. h. solange, bis wir unsere volle tatsächliche Emanzipation durchgesetzt haben. Natürlich sollen wir nicht als gesonderte Partei auftreten. Dafür sind wir zu schwach und zu wenig konzentriert. Aber unsere zerstreuten Kräfte im ganzen Lande auf diese „Nützlichkeitspolitik" geeinigt, bedeuten genug, um für unsere Interessen so viel erreichen zu können, wie für uns unter den obwaltenden Umständen überhaupt möglich ist. Solange diese Einheit nicht erreicht ist, und solange die Politik der deutschen Juden nicht darauf gerichtet sein soll, sie zu erreichen, so lange hat es keinen Wert, über die politische Stellungnahme der Juden überhaupt zu diskutieren. So lange hat es auch keinen Zweck, daß der deutsche Jude überhaupt aktiven Anteil an der Politik nimmt. Die Gelder, die heute dafür verwandt, und die Kräfte, die heute dafür eingesetzt werden, sollten dann und bis dahin besser für innerjüdische Zwecke, für eineVertiefung des jüdischen Bewußtseins, Bekämpfung der Taufen und Mischehen, Ausgestaltuug unserer Institutionen usw. verwendet werden. Ein derartiger Boykott" der Politik wäre vielleicht sogar recht heilsam. Die Parteien würden uns vielleicht schätzen lernen, wenn wir ihnen fehlten, und wir selbst würden innerlich stärker und freier. Und man braucht auch nicht allzusehr eine dann einsetzende noch schärfere Reaktion inbezug auf uns zu befürchten. Logisch liegt für eine solche Folge kein Anlaß vor; die auch von Herrn Dr. Friedemann zitierte „dauernde Oppositionsstellung" der Juden könnte dann doch keinen Anlaß zum Regierungsantisemitismus mehr abgeben, im Reichstag sitzen auch heute schon keine Vertreter der Juden, und das, was unsere „Sechs" im preußischen Landtag für uns geleistet haben, schätzen wir allerdings noch bedeutend niedriger ein, als Herr Dr. Friedemann es schon tut. Jedenfalls das eine steht fest: Es ist ein logischer Widerspruch, zu predigen, man solle die Politik nach Nützlichkeitsmomenten einrichten, um dann gleich darauf als Axiom aufzustellen: Unser Platz ist auf der Linken, wir gehören in den Block. Was die zweite Frage anbelangt, die des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts, so scheint uns, hat Herr Dr. Friedemann dabei ebenfalls den Nützlichkeitsstandpunkt falsch interpretiert. Die Politik der Wahrung unserer Interessen verlangt überhaupt nicht, daß wir geschlossen zu der Wahlrechtsfrage Stellung nehmen. Wir haben die Kandidaten, ehe wir sie wählen, nicht darnach zu fragen, wie sie sich zum Wahlrecht; sondern', wie sie sich zum Judenrecht stellen. Es kann und muß uns ganz gleich sein, ob der Kandidat, der sich verpflichtet, für unsere Rechte einzutreten und uns ehrlich genug erscheint, sein Versprechen wahr zu machen, nun ein Freund oder Gegner des allgemeinen Wahlrechts ist Wenn allerdings die Frage, des Wahlrechts an die Juden als solche einmal herantreten sollte, — aber das wird ja nicht geschehen, da sie keine politische Einheit bilden, — dann glaube ich zwar, daß es falsch wäre, den Argumenten Dr. Friedemanns zu folgen. Denn die von ihm in dieser Frage aufgestellte Nützlichkeitspolitik reicht nicht über den engen Kreis des kleinen Nutzens der Bourgeoisie hinaus. Dem bequemen und satten Kapitalistensinn mag es allerdings so scheinen, als ob er Schaden davon hätte, wenn die Welt demokratischer würde. Die Entwicklung wird sich daran nicht stören und in der Bahn weitergehen, die ihr geschichtlich notwendig bedingt ist Und gerade uns Zionisten, die wir von der Welt verlangen, daß sie sich mit den Leiden des ärmsten der Völker befasse, und die wir jeden Tag von Gleichberechtigung und Vollberechtigung sprechen und schreiben, gerade uns steht es schlecht an, dort, wo es uns einigermaßen erträglich geht gleich in den Herrenstandpunkt zu verfallen und die allgemeine Gleichberechtigung, die wir so stürmisch verlangt haben, denen versagen zu wollen, ohne die wir sie nimmer bekommen hätten oder gar nur behalten können. Sympathisch ist ein solcher Standpunkt nicht, und kann, wie uns scheint, auf den Begriff „Nützlichkeitspolitik" keinen Anspruch erheben, solange wir uns nicht den vielleicht verstiegenen Idealismus abgewohnt haben, unser Handeln mit Rücksicht auf den Nutzen für das AHjudentum und nicht auf den der deutsch-jüdischen Wähler erster und zweiter Klasse einzurichten. — Jedenfalls, über die Wahlrechtsfrage brauchen wir uns vorläufig den Kopf nicht zu zerbrechen. Der einzige Punkt der Tagesordnung für uns muß h'eißen: Judenfrage. Die jüdische religiöse Kunst (Eindrücke von der Düsseldorfer Ausstellung) Von N. Sokolow II. In der Synagogenabteilung, angesichts der Photographien und Zeichnungen, mit den unzähligen. Variationen von Stilströmungen, sieht man erst recht, wie verkehrt die—wie sie Kauffmann nennt— „Fabel von dem Hasse der Synagoge gegen alle Kunst"1) ist. „Mit der Furcht vor dem Götzendienste," — sagt Kauffmann, — „dem innersten Beweggrunde des Gesetzgebers, ist allmählich die Scheu vor den Bildwerken der Künste unter uns gewichen2)." Ein gründliches, vergleichendes Quellenstudium läßt aber viel mehr als eine so laue Verteidigung zur Geltung - kommen. In keiner Religion der Welt hat die Kunst höhere Weihen als im Judentum empfangen. Wo ist in einer andern Religion die Rede von einem göttlichen Geist der in der Kunst zum Ausdruck kommt? Dieser Begriff entspricht auch der Grundanschauung unserer Kosmogonie von dem Ebenbilde Gottes im Manschen, das auch die ästhetische Anlage unserer Natur berechtigt und begründet*). Christliche Theologen5) geben zu, daß „das Ebenbild Gottes im Menschen von der Erbsünde geschwächt", aber, — füg«n sie hinzu — „nicht ganz gestört worden ist". Nun ist aber im Judentum, trotzdem die Befleckung Adams in harmloser Weise beiläufig und allegorisch erwähnt wird6), von einer Schwächung des Ebenbildes gar keine Rede. Im Gegenteil, die Mischnah bezeichnet den Menschen als liebenswürdig wegen des Ebenbildes usw.7) Der angebliche Bilder- und Kunsthaß der alten Hebräer ist auf eine mißdeutete, notwendige und tiefbegründete antiheidnische Maßregel8) zurückzuführen. Der idolatrische, der Materie geltende Gedanke hinsichtlich der Bilder, die Einfalt und der verkehrte Sinn ») Gesammelte Schriften. Bd. I. S. 87. a) Ibid. S. 88. s) Exod. XXXI, 3. ' 4) Almosnino über Hadrath Panim, im Komm, zu Deuter. XXI. 5) Kraus, Christi. Altertümer. Bd. 2, S. 259. 6) „Suh'math Adam ha-Rischon", Trakt Sabbat Der Sinai hatte aber diese Befleckung beseitigt •) Aboth, Abschn. V. «) Exod. XX, 4.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.