Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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aufzubringen zu einem genossenschaftlichen Gut, aber leider gänzlich ohne Erfolg! Und ohne Zusammenschluß ist es eben nicht möglich, größere Güter zu kaufen, zu ameliorisieren und zu parzellieren, da hilft alle Privatinitiative des kleinen Mannes nicht, das könnte höchstens ein Großkapitalist, aber zu einer so schwierigen langwierigen Aufgabe wird sich so leicht kein Großkapitalist bereit finden, wohl zwar zum Landkauf, aber nicht zur Parzellierung, und Latifundienbesitz wollen wir doch nicht in Palästina züchten. Ich hoffe, daß diese Auseinandersetzung etwas zur Klärung dieser für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas eminent wichtigen Frage beitragen wird, wenngleich ich natürlich nicht annehmen kann, daß Ihre Bedenken dadurch beseitigt sein werden. Ich glaube vielmehr, daß die inneren Gründe der Divergenzen unserer Ansicht aus dem verschiedenen Milieu heraus zu erklären sind, indem Sie sich in Odessa befinden und wir in Deutschland. Rußland macht geradejetzt die Obergangszeit durch von einer despotisch organisierten zu einer individualistisch sich weiter entwickelnden Gemeinschaft Deutschland, wo der Individualismus schon seit vielen Jahren die tonangebende Rolle gespielt hat, befindet, sich im Stadium der sozialen Umgestaltung. Das was die meisten Russen als Ideal anstreben, haben wir in Deutschland schon bis zur Neige durchgekostet, und das, was man in Deutschland jetzt erstrebt, hat in Rußland kaum die Schwelle des Bewußtseins überschritten. Es sei denn, wie bei den Sozialisten, in Form von groben Schlagworten und halb verstandenen Phrasen. Ich bin aber der Ansicht, daß gerade durch die innige Berührung, welche die zionistische Bewegung zwischenwest- und osteuropäischen Juden und damit zwischen west- und osteuropäischer Gedankenarbeit zur Folge hat, auch die Entwickelung der osteuropäischen Juden zu den in Westeuropa zeitgemäßen Ideen eine so schnelle sein wird, daß Ost und West bei der Arbeit der P. L. D. C. noch schließlich zusammenkommen werden. Hochachtungsvoll und ergebenst gez. O. Wajrburg Aktive Judenpolitik Wenn nicht alle Zeichen trügen, erleben wir es doch~noch, daß die deutschen Juden sich auf sich besinnen und die Gelegenheit, politisch wirksam zu sein, nicht mehr ungenutzt vorübergehen lassen. Die allgemeine Strömung, der Zurücksetzung der Juden durch politische Mittel zu begegnen, die im Grunde genommen eine Konsequenz der zionistischen Doktrin von der allein möglichen politischen Lösung der Judenfrage ist und die heute nicht nur in Rußland und Österreich in die Erscheinung tritt, sondern sich auch in England und Amerika bedeutsam bemerkbar macht, hat offenbar ini ihren äußersten Wellen auch die deutschen Juden erfaßt und bei ihnen eine, wenn auch vorläufig noch recht schwache Bewegung für eine regere Benutzung der politischen Waffe im Kampfe um die Durchführung der Emanzipation ausgelöst Klangen die Rufe nach einem aktiven Eingreifen in den politischen Kampf bei der letzten Reichstagswahl noch vereinzelt so hört man ^anläßlich der bevorstehenden Wahl zum preußischen Landtag diese Forderung bereits weit lauter und häufiger erschallen. Bis weit in die assimiliertesten Kreise des deutschen Judentums hat der Gedanke Platz gegriffen, daß die politischen Parteien ihrer Verpflichtung gegenüber den Juden nicht nachgekommen sind und daß es an der Zeit sei, die Forderungen der deutschen Juden energischer und politischer zum Ausdruck zu bringen. Der letzte deutsche Judentag jubelte dem Redner zu, - der verlangte, daß das Bitten ums Recht seinem Fordern weichen müsse, und auch der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens scheint nicht umhin zu können, von dem bisher begangenen Wege der Antisemitenbekämpfung auf den zwar weit schwierigeren aber einzig zum Ziele führenden der aktiven jüdischen Politik überzugehen. Noch zwar will er das nicht wahr haben. Das einzige, was er auf unsere jüngsten Ausführungen über diesen Punkt zu erwidern weiß, ist daß er unsere Behauptung bestreitet er habe seine Wahltätigkeit ausschließlich auf die Deckung der Kosten des freisinnigen Wahlkampfes beschränkt Die geheimnisvolle Art in der im Anschlüsse daran von einer weit umfangreicheren politischen Tätigkeit des Vereins die Rede ist, läßt aber auch keinen andern Schluß zu, als den, daß der Verein gelegentlich auch anderen politischen Parteien finanzielle Beihilfe gewährt habe, wahrscheinlich in solchen Fällen, wo der Verein sich dafür einsetzte, einen antisemitischen Kandidaten zu Fall zu bringen. Nun macht es aber durchaus keinen Unterschied, ob der Verein seine Geldmittel und eventuell auch seinen Einfluß bei den jüdischen Wählern nicht nur den Freisinnigen, sondern eventuell auch einmal anderen Parteien zugute kommen läßt Was wir vom Verein gewünscht haben,, war ja etwas ganz anderes. Wir wollten ein positives Wahlprogramm für die jüdischen Wähler und forderten, daß in diesem Programm die Aufforderung enthalten sei, nur einem solchen Kandidaten die Stimme zu geben, der sich verpflichtet, unter allen Umständen für die volle tatsächliche Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung einzutreten und die weitere Forderung, jeden Kandidaten zu bekämpfen, der diese Verpflichtung nicht anerkenne. Um diesen Punkt geht aber die Antwort des Zentralvereins sehr vorsichtigerweise und recht bezeichnend herum, denn diese Forderung würde involvieren, daß die jüdischen Wähler z. B. der großen Mehrzahl der nationalliberalen Kandidaten und einem Teil der Kandidaten der freisinnigen Volkspartei ihre Stimme nicht geben, diese Kandidaturen vielmehr bekämpfen und dafür in manchen Fällen Zentrum und Sozialdemokraten unterstützen sollten. Solange der Zentralverein sich aber darauf beschränkt den Juden zu empfehlen, „entschiedene, Gegner der Gleichberechtigung zu bekämpfen „so lange bleibt seine Tätigkeit passiv und fruchtlos, wie ja die bisherigen „Erfolge" zur Genüge beweisen. In dem Augenblick aber, wo er es durchsetzt daß die deutschen Juden den Kandidaten ihre Forderungen stellen und ausschließlich für diejenigen eintreten, die die Forderungen unterschreiben, gleichviel welcher Partei sie angehören, in dem Augenblick wird der deutsche Jude ein politischer Faktor sein, mit dem gerechnet werden wird. Heute ist er nur eine quantitfe negligeable. Eine andere Frage schneidet Dr. Adolf Friedemann in der letzten Nummer dieser Zeitschrift an. Er untersucht die Frage, ob die preußischen Juden Ursache haben, sich für die Übertragung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts auf die Wahlen zum preußischen Landtag einzusetzen. Indem er nun den Juden anrät ihre politischen Ideale von Freiheit und Gleichheit usw. einer Nützlichkeitspolitik zu opfern, die ihnen in ihrer Stellung als Juden Vorteile zu bringen in der Lage sei, gelangt er zum Schlüsse* daß die Juden töricht handelten, wenn sie sich weiter als Bollwerk für populäre Schlagworte gebrauchen ließen und für ein Wahlrecht einträten, dessen Durchführung ihnen nur Schaden bringen könne. Von der Masse hätten die Juden nichts zu erwarten. Gelange die Masse auch in Preußen zur Macht werde es den Juden ebenso ergehen wie im deutschen Reichstag, wo bekanntlich kein bürgerlicher jüdischer Abgeordneter sitzt, während der preußische .Landtag bisher sechs Juden als freisinnige Abgeordnete aufzuweisen hatte. Wir sind nun im Prinzip mit Herrn Dr. Friedemann einig, soweit er verlangt daß der deutsche oder preußische Jude bei den politischen Wahlen zunächst einmal seine jüdischen Forderungen in den Vordergrund rücken und seine jüdischen Interessen nicht Schlagworten opfern solle, die er von den vorhergehenden Generationen quasi als heiliges Vermächtnis empfangen hat. Ganz richtig sagt Dr. Friedemann: „Ringsumher treibt jedermann eine Politik seiner Interessen, und er ist auch berechtigt dazu, solange er nicht die Gesamtheit schädigt Weshalb wir nicht?" Wenn aber Df. Friedemann auf dieser Grundlage zu der Folgerung kommt daß die Juden im Block bleiben und das allgemeine gleiche Wahlrecht verwerfen sollen, so scheint mir, widerspricht wenigstens die erste Forderung dem von ihm aufgestellten Prinzip der Nützlichkeitspolitik, und die Nützlichkeitspolitik der zweiten geht nicht über. den engsten bourgeoisen Interessenkreis hinaus. In dem Augenblick, wo wir die Forderung aufstellen, „die Juden gehören in den Block", begehen wir ja nichts anderes, als was Dr. Friedemann vermeiden will; wir lassen uns wieder von einem . Schlagworte einfangen. Daß es diesmal die Regierung ist der wir folgen sollen, ändert nichts an der Sache, solange nicht bewiesen ist, daß wir besser dabef fahren als bisher. DerGrundsatz derNützlichkeitspolitik als solcher muß ja jede Bindung ausschließen. Und wenn wir uns heute im Gefolge der Freisinnigen der Regierung ausliefern, ohne unsere Gegenrechnung präsentiert und ihre Begleichung garantiert bekommen zu haben, wird man uns von dieser Seite ebenso als quantite negligeable ansehen, unsere so leicht erkaufte Bundesgenossenschaft ebenso leicht bewerten, wie es bisher die oppositionellen Parteien getan haben. Nun hat man aber bisher kein Wort davon vernommen, daß unter den vielen Blockforderungen die Judenfrage auch nur erwähnt worden wäre. Man sprach viel von den Rechten der Polen und denen der Börse und der Arbeiter, auch für die Beamtenforderungen legte sich der Block energisch ins Zeug, aber von den Juden war auch nicht einmal andeutungsweise die Rede. Und man sollte doch meinen, daß, wenn der Block beinahe deswegen zu zersprengen drohte, weil man die Polen, deren separatistische Gelüste doch kaum zu bestreiten sind, im Gebrauch ihrer Sprache etwas behindern will, die Forderung, daß man durchaus loyale Staatsbürger nicht ihrer Religion wegen als Menschen fünfter Klasse betrachten, ihnen die Ausübung ihrer Religion nicht wie bisher durch allerhand_ Schikanen unmöglich machen, sie nicht von allen staatlichen Ämtern und Ehrenstellen ausschließen, und 2