Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 DiE^ELT No. 21 gemeinsam mit dem Palästinaressort der zionistischen Leitung auf den verschiedensten Gebieten der praktischen Palästinaarbeit zu wirken. Mit vorzüglicher Hochachtung und Zionsgruß Gesellschaft zur Unterstützung von Ackerbauern und Handwerkern in Syrien und Palästina gez. M. Ussischkin An das Odessaer Palästinakomitee z. H.'des Herrn Ingenieurs M. Ussischkin, Odessa Sehr geehrter Herr Ussischkin! Im Besitze Ihres werten Schreibens vom 13. Mai 1908 tut es mir leid, daß die Gesellschaft zur Unterstützung von Ackerbauern und Handwerken Syriens und Palästinas in Odessa sich veranlaßt gesehen hat, eine Beteiligung an der P. L. D. C. abzulehnen. Aus der Begründung ersehe ich zu meinem Bedauern, daß die Gesellschaft die Idee der P. L. D. C. nicht verstanden hat. Denn gerade die Punkte, welche die Gesellschaft für wesentlich für die Kolonisation hält, werden ja durch die P. L. D. C. in vollem Maße erfüllt. Das administrative Bewirtschaftungssystem, welches die Gesellschaft tadelt und für verkehrt hält, tritt bei der P. L. D. C. doch nur bei dem Lehrgut in Erscheinung, und ein Lehrgut wird immer administrativ verwaltet werden müssen, einerlei ob es einen Nutzen abwirft oder mit einem Defizit arbeitet. Es ist aber nicht einzusehen, warum ein solches Gut durchaus mit Schaden arbeiten muß; es mögen ja einmal schlechte Jahre kommen, im Durchschnitt wird sich aber doch aller Voraussicht nach ein Nutzen erzielen lassen. Übrigens werden es die meisten Aktionäre schließlich verschmerzen können, wenn ihre 20 Mark betragenden Aktien ihnen nicht gleich in den allerersten Jahren Dividende bringen. Bei der gesamten sonstigen Tätigkeit der P. L. D. C. wird doch gerade das administrative Bewirtschaftungssystem mit Ausnahme der eventuell sich als notwendig erweisenden Ameliorationsarbeiten ausgeschaltet, genau so, wie es in Deutschland seit Jahren bei Tausenden von Kolonisten mit dem allergrößten Erfolg geschehen ist. Und gerade die Landbanken pflegen durchaus nicht ertraglos zu arbeiten. Wir schlagen doch nicht neue unerprobte Bahnen ein, sondern folgen vielmehr der bewährten preußischen Kolonisationsmethode der letzten 10 Jahre. Der einzige Unterschied ist der, daß wir, da wir vorläufig noch nicht über genügend geschulte und den palästinensischen Verhältnissen angepaßte und gleichzeitig ein gewisses Kapital besitzende Ansiedler verfügen, für die erste Zeit jedenfalls eines Lehrgutes kaum werden entraten können. Wird sich mit der Zeit herausstellen, daß dieses Gut unnötig ist, so kann es jederzeit parzelliert oder als ganzes verpachtet werden. Aber auch zur Ausbildung der besten landwirtschaftlichen Methoden wird es vermutlich dauernd wünschenswert sein, wenigstens ein Muster¬ oder Versuchsgut zu besitzen, einerlei ob es für sich selbst allein Gewinn bringt oder gar kleine Verluste. Was den zweiten Einwand betrifft, daß das Unternehmen reichlich Geldmittel voraussetzt, welche die P. L. D. C. schwerlich wird aufbringen können, so gilt das für jede Kolonisationsarbeit; ohne Geld ist nun einmal landwirtschaftlich und kolonisatorisch nichts zu machen. Auch das reine Kreditgeben erfordert große Mittel. Für das Lehrgut genügen die Mittel der P. L. D. C. schon jetzt, falls die P. L. D. C. den bewilligten Kredit des Nationalfonds wirklich in Anspruch nehmen will. Wir sind aber überzeugt, daß die P. L. D. C. schon in kurzer Zeit völlig auf diesen Kredit wird verzichten können, indem sie selbst über Mk. 100 000.— eingezahlten Kapitals verfügen wird. Was die Parzellierungsarbeit betrifft, die doch frühestens im nächsten Jahre beginnen kann, so ist anzunehmen, daß die P. L D. C. dann schon genügend Geld zum Ankauf und zur Parzellierung eines Gutes haben wird, wozu die zweiten Mk. 100 000.— ja reichlich genügen würden. Außerdem würde, wenn die P. L. D. C. die Bewirtschaftung des Lehrgutes aus eigenen Mitteln durchführt, dann ja der Kredit des Nationalfonds für Ankauf eines Parzellierungsgutes zur Verfügung stehen, und hierzu könnte ohne jede Bedenken der Nationalfondskredit tatsächlich seitens der P. L. D. C. in Anspruch genommen werden, da der Nationalfonds ja durch die Verpfändung des Bodens absolut gesichert sein würde, und gerade die Beleihung von Grund und Boden in eminenter Weise zu den vom Nationalfonds zu unterstützenden Aufgaben gehört. Schließlich ist kein Grund vorhanden, warum die P. L. D. C, wenn die Methode der Parzellierung sich bewährt, nicht auch später seitens der Jewish Colönisation Association größere Geldmittel erhalten sollte behufs Ansiedlung in Palästina ansässiger Juden, da dies ja ebenso gut zu den Aufgaben der J. CA. gehört, wie die Ansiedlung russischer Juden in Argentinien. Es wird die weitere Ausdehnung des Kolonisationswerkes der P. L. D. C. ausschließlich von den Erfolgen abhängen, und zwar nicht von den wirtschaftlichen Ergebnissen des Lehrgutes, über dessen Erfolg, oder Mißerfolg man ja erst nach einer Reihe von Jahren im klaren sein wird, sondern davon, ob die in Deutschland erprobte Kolonisationsmethode sich auch unter dem palästinensischen Himmel bewähren wird oder sich wenigstens den palästinensischen Verhältnissen wird anpassen lassen. Vorläufig läßt sich nur sagen, daß die Sache unter der Leitung des Herrn Dr. Ruppin in den besten Händen liegt, und daß a priori nicht einzusehen ist, warum diese schon in gewissem Sinne_von der J. C. A. mit Erfolg angewandte Methode der Jangsamen Überführung von landwirtschaftlichen Arbeitern über das Pächterstadium zu selbständigen Bauern sich nicht auch in geschäftlich rentabler Weise in Palästina wird entwickeln lassen. Ganz unangebracht ist es aber, hierüber von vornherein den Stab zu brechen, gestützt auf eine angebliche Kenntnis des Menschenmaterials; wir sind der festen, durch Beobachtung der jüdischen und der allgemeinen Kolonisation gewonnenen Überzeugung, daß der Jude ebenso wie jeder andere Erdenbürger gern die Gelegenheit ergreift, durch eigene Arbeit zum freien Besitze einer Erdscholle zu gelangen, wenn ihm die Möglichkeit und die nötige Belehrung dazu geboten wird. In dienender Stellung mag der Jude störrischer sein als andere Völker, in freier Betätigung hat er sich noch stets als guter Arbeiter erwiesen. Was den dritten Einwand betrifft, daß durch die P. L. D. C. die Frage des Agrarkredits in den Hintergrund des öffentlichen Interesses rücken wird, so sind wir der Ansicht, daß gerade das Umgekehrte der Fall sein wird; erst die Tätigkeit der P. L. D. C. wird es ermöglichen, bisher besitzlose Leute kreditfähig zu machen, nachdem sie sich als Arbeiter und Pächter vor Sachverständigen als kreditwürdig erwiesen haben werden. Die Schwierigkeit ist doch gerade die, daß wenn wir jetzt vom Nationalfonds größere Summen für den Agrarkredit auswerfen, es sich bei den schwierigen Besitzverhältnissen in Palästina nur um Personalkredit handeln kann und ein solcher bei nicht an sich kapitalkräftigen Leuten im wesentlichen eine Vertrauenssache ist, sei es nun, daß der Kredit auf dem direkten Vertrauen des Geldleihers dem Geldnehmer gegenüber beruht, sei es, daß das Vertrauen durch die eingeschobene Instanz einer Kreditgenossenschaft auf eine Vielheit von Leuten verteilt wird. Es ist aber doch klar, daß das Vertrauen nur gewinnen kann, wenn der einzelne Geldnehmer sich durch sein Vorleben als kreditwürdig erwiesen hat und vor allem auch den Beweis dadurch geliefert hat daß er imstande gewesen ist, sich sein Inventar zum großen Teil schon selbst durch eigene Arbeit zu erwerben. Was den vierten von Ihnen angegebenen Punkt betrifft, so läßt sich schwer darauf antworten, da der Ausdruck „Kolonisation von unten" und „Kolonisation von oben" doch nur Schlagworte sind, denen an sich keine bestimmten Begriffe zukommen. Sind die Gegensätze identisch mit demokratisch und aristokratisch, oder nach eigenem Ermessen und bureaukratisch oder mit individuell und korporativ resp. sozial, oder bedeuten sie freiheitlich und zwangsweise? Aus dem zweiten Satz scheint hervorzugehen, als ob der Gegensatz bedeuten soll, nach praktischen Erfahrungen oder nach theoretischen Programmen. Ist das richtig, so ist diese Gegenüberstellung mit derjenigen des vorhergehenden Satzes nicht identisch, denn ebenso gut können die Kolonisten nach theoretischen Programmen (z. B. nach marxistischen) und die Kolonisationsgesellschaften nach praktischen Gesichtspunkten arbeiten wie umgekehrt. Jedenfalls ist eine Methode der Ansiedlung in Form von Rentengütern, wie sie in Deutschland so vielfach mit Erfolg angewandt wird — allein Herr Auhagen, der uns bei unserer Arbeit beraten wird, hat 15 derartige Kolonien geschaffen, — nicht mehr ein theoretisches Programm zu nennen. Die Schwierigkeit liegt einzig in der Anpassung der in Deutschland gewonnenen praktischen Erfahrungen an die. palästinensischen Verhältnisse. Was hier also die sogenannte Theorie fertig gebracht hat, das hat in Hunderten von Jahren „die freie natürliche Selbsttätigkeit der Privatinitiative" nicht erreichen können. Zum Schaden unseres leider allzu individualistisch gearteten und daher gegen sozialen Zusammenschluß mißtrauischen Volkes, verspüren wir überall, welch große Erfolge andere Völker durch derartige Organisationen zu erzielen vermögen. Sind die Bestrebungen der Vorschußkassen, der Konsumvereine und der verschiedenen Genossenschaften nicht gleichfalls Organisationen wie die Landbanken? Hat nicht bei der Ansiedlung durch Landbanken ein jeder Kolonist m reichem Maße Raum, eine „gesunde Privatinitiative" zu entfalten? Natürlich wäre es besser, wenn die zukünftigen Kolonisten selbst die Fonds für die Landbank oder eine anders benannte Kolonisationsgenossenschaft hergeben würden, aber wo findet man derartige Menschen? Wie oft haben wir die Poale Zion ermahnt, Geld unter sich