Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 die^elt No. 2.1 Und erfahren wir — nicht aus gefühlsreichen Agitationsschriften, sondern aus nüchternen Konsularberichten! — daß die Bevölkerung Palästinas fortgesetzt und ansehnlich wächst, daß der Wohlstand im Steigen ist, und daß alle Zweige der Volkswirtschaft eine gedeihliche Entwickelung zeigen, so überkommt uns jenes gemischte Gefühl, das R. Josua b. Levi die Worte entlockte: „Land, Land! Für wen bringst du deine Früchte hervor?" (Ket.) Die Antwort auf diese Frage ist in dem obenerwähnten Amori-Israeliten-Dialog gegeben: Denjenigen, die es verstehen werden, ihre Arbeit am fruchtbringendsten zu gestalten! Den Tüchtigsten! Nicht den lärmvoll Vordringenden, und nicht den in Träumen Versunkenen. Den Stillen, den umsichtig und kenntnisreich Arbeitenden gehört die Zukunft. Daß der Israelit dem Amori wieder sagen könne: Schau, wie meine Weinberge prangen, wie meine Gärten blühen, und wie hoch und schwer meine Ähren wachsen! — Er wird es übrigens gar nicht zu sagen brauchen. Das Land soll es sagen! Es ist wahr: Die Kolonisation besteht nicht nur in der Bearbeitung des Bodens. Aber der Schwerpunkt des ganzen wirtschaftlichen Lebens Palästinas liegt nichtsdestoweniger in der Landwirtschaft und im Gartenbau. Solange die Jüdische Bevölkerung nicht in den Stand gesetzt wird, ihr hauptsächlichstes Produktionsmittel, den Grund und Boden tüchtig auszunutzen und von der gegebenen Bodenfläche möglichst hohe Reinerträge zu gewinnen, kann man auf eine namhafte Vermehrung des noch sehr dünnen Kolonistenelements und auf einen erheblichen Aufschwung der Gewerbe nicht rechnen. Im Interesse der ganzen Kolonisation liegt es deshalb, daß notwendige Neugestaltungen auf diesem Gebiet vorgenommen werden. Nach welcher Richtung sind Neugestaltungen erforderlich, und wer soll sie durchführen? Zwei dringende Notwendigkeiten erfordern eine energische Tätigkeit: 1. Die Förderung des Kleingrundbesitzes und 2. die technische Belehrung und der Fortschritt der Arbeiter. Unter den jetzigen Umständen ist ein kräftiger Kleingrundbesitz die gesundeste Kolonisationsform. Gemeinschaftsbesitz läßt sich nicht durchführen. Der sorgfältige und fleißige Arbeiter vollzieht die Arbeiten besser und erzielt größere Erfolge als der lässige und träge. Nun haben die für die Kultur des Bodens gemachten Aufwendungen das Eigentümliche, daß ihre Wirkungen sich auf eine Reihe von Jahren erstrecken, und häufig erst nach einer Reihe von Jahren voll in die Erscheinung treten. Dem jeweiligen Besitzer eines Grundstückes fehlt der nötige Antrieb zu dessen sorgfältiger Behandlung, wenn er sich sagen muß, daß der Erfolg seiner Bemühungen nicht so sehr ihm als einem andern zugute käme. Wir müssen also den privaten Kleingrundbesitz fördern, der dem einzelnen eine freie und dauernde Verfügung über die von ihm besessenen Grundstücke sichert. Im Lichte dieser Anschauung stellt sich uns die Poalim (Arbeiter)-Frage in Palästina in ihrer richtigen Bedeutung dar. Es ist ein Irrtum, zu behaupten, die Schwierigkeiten in der Lage der Poalim lägen nur und ausschließlich in ihren Einkommensverhältnissen. Sie liegen vielmehr in der abhängigen Lage der Poalim, in ihrer Isoliertheit, Heimatlosigkeit, in der Unsicherheit ihrer Stellung, in dem Mangel an Aussicht, später einmal in den Besitz eines kleinen Grundeigentums und damit einer gesicherten Existenz zu gelangen. Der arme Arbeiter, welcher nicht mit dem Ausfall der Ernte, sondern mit dem Lohne zu rechnen hat, verliert das Interesse am Fortschritt und lebt gleichgültig dahin, wenn er nicht ganz (d. h. nach einem anderen Lande) oder halb (d. h. nach einem andern Berufe) emigriert. Abhilfe kann nur dadurch geschafft werden, daß man den Poalim die Möglichkeit darbietet, sich mit Hülfe von Anleihen, Vorschüssen, Unterstützungen und natürlich, wenn es möglich ist, am allerbesten mit Hülfe gemachter Ersparnisse irgendwo als grundbesitzende Arbeiter niederlassen zu können. Dasselbe gilt auch für den jungen Nachwuchs der Kolonisten, für die das karg bemessene väterliche Gut nicht mehr ausreicht. Dies Ziel ist keineswegs unerreichbar und war ja auch vor längerer Zeit der Zweck des Kastinje-Unternehmens und vor kurzer Zeit der des von Sedjera. Freilich haben die Ergebnisse nicht alle Erwartungen erfüllt, aber resultatlos sind die Bemühungen nicht geblieben. Und übrigens befinden wir uns in einem Stadium, wo auch früher mißlungene, weil frühzeitige Bemühungen aufs neue aufgenommen werden müssen. Wir dürfen uns nicht in Details verlieren; die richtige Methode wird man schon durch ein vorsichtiges Experimentieren finden. Die Hauptsache ist vor allem, das Ziel ins Auge zu fassen. Dieses Ziel ist zunächst eine vernünftige Lösung der Poalimfrage. Denn mustergültig wird das Kolonialsystem nur, wo es seinen Hauptzweck in der Gewinnung des guten Willens und der Zueignung der arbeitenden Klassen, ihrer Erziehung und Fortbildung, in der Erschließung und Entwicklung des Bodens und der Heranbildung eines vorzüglichen Kleingrundbesitzerstandes erreicht. Zunächst taucht die Frage des technischen Fortschritts auf. Soweit ein Laie sich über derartige Fragen äußern darf, — erfahrungsgemäß diktiert der Verstand, daß hier nicht Schulen oder Akademien alles vermögen. Hier gilt das Koheleth-Wort: Der Augen Gesicht ist besser als der Seele Gang. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die theoretische Belehrung allein auf den Landwirt wenig Eindruck macht und ihn nicht leicht zu Änderungen in seinem Betrieb bewegt. Erst wenn er durch die in der eigenen oder in benachbarten Wirtschaften gewonnenen Anschauungen und gemachten Erfahrungen 'die Überzeugung erlangt hat, daß die Änderungen auch wirklich Verbesserungen sind, entscheidet er sich zu deren Einführung. Alle Fortschritte gehen von einzelnen Landwirten und einzelnen Betrieben aus. Haben sie sich bei diesen durch die erzielten Erfolge bewährt, so werden sie zunächst von den Nachbarn eingeführt und finden dann allmählich weitere Verbreitung. Wir erinnern uns, vor Jahren in der hebräischen Jerusalemer Zeitung „Haschkafah" eine Rubrik gelesen zu haben, die uns als die wichtigste in diesem Blatte vorkam. Es waren Briefe von Kolonisten, die ihre Probleme und Neuerungen mitteilten. Es schien damals ein neuer frischer Geist unter sie gefahren zu sein. Manche von ihnen begnügten sich nicht einmal damit, die empfohlenen Verbesserungen in ihrem eigenen Betriebe zu erproben und dann als dauernde Einrichtungen einzuführen, sondern sie hielten sich auch für befähigt und verpflichtet, ihre bewährten Erfahrungen durch