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Die Welt · 1908-05-29 · 21 (29.5.1908) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
21 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAR01.INGERR1NG 6\/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG xir. JAHRG. Köln, 29. Mai 1908?mr6 eVnn'f« DIE PFLICHTEN PRAKTISCHER PALÄSTINA-ARBEIT i Wir stehen vor einem Problem, das für unser Volk von allergrößter Wichtigkeit ist. Von der Lösung dieser Frage hängt unsere national-palästinensische Zukunft ab. Ein Volk benötigt nicht nur genügende Lebensmittel und nicht nur Geist und Bildung (und zwar seinen Geist und seine Bildung), sondern auch Boden. Ohne Boden verkrüppelt es und sinkt auf das Niveau eines Nomadenstammes, ohne Sicherheit für den kommenden Tag, herab. Was soll auch eine Gefühlsstimmung, ein Nationalkulturgeist, der über uns als ein Ahnen und Empfinden schwebt, das nirgends einen gesicherten Grund und Boden hat? Was soll ein Bestreben nach Selbständigkeit erreichen, die in ihrer Vollkommenheit in der. Diaspora unerreichbar, als ein unbestimmtes Etwas sich nur ein Reich der Wünsche schafft, nie aber diesem Reich eine Wirklichkeit geben kann? Ja, diese Geistesarbeit und diese Gefühlspoesie heischen unsere glühendste Liebe und unsere sorgsamste Pflege, aber zu gleicher Zeit und mit demselben Eifer muß die Bodengewinnung betrieben werden. Alle Schwierigkeiten der Auseinandersetzung der sogenannten Politischen, Praktischen und Kulturellen heben sich durch den Nachweis auf, daß die strenge Durchführung auch nur eines Teiles unseres Programms eine, gleichzeitige Wahrnehmung und Ausübung der anderen Teile geradezu voraussetzt. Wenn man eine kleine Kolonie als Embryo eines Judenstaats betrachtet, und wenn man die Frage stellt, welche erhaltende Kraft als die Kraft bezeichnet werden soll, so wird man bald sehen, wie lächerlich dieses Grübeln ist. Es existiert eben kein alleinseligmachendes Universalmittel. Alle Gefühle und Triebe müssen mithelfen: das Interesse der Selbsterhaltung, Liebe und brüderliche Gesinnung gegen andere, Gemeinsinn für die Erhaltung des Ganzen, nationale Begeisterung, ja sogar das Streben des Eigennutzes und des Ehrgeizes. Man muß ebenso politisch wie praktisch sein, ebenso den gesunden Geist wie den gesunden Körper pflegen, Und unter allen Umständen muß man ja Boden haben. So gelangen wir zum praktischen. Teil des Zionismus. Die Worte, die R. Chija b. Asche im Namen Rab's sagte, wiederholen wir nach 1800 Jahren und legen, damit Zeugnis dafür ab, daß Palästina uns heute ist was es damals den Vorvätern war. Er sagte: „Einst müssen alle dürren Bäume in Palästina Früchte tragen." (Kethuboth.) So stark war der Glaube, und das war kein selbstgefälliger Glaube, das war ein Programm! Denn die Besiedelung und die Urbarmachung Palästinas war seit jeher ein Gebot, eine Pflicht! Einen klassischen Beweis dafür, wie sich bei unsern Alten die Palästinaliebe mit einem hohen Kulturbewußtsein paarte, liefert die schöne Sage über den Dialog des amoritischen Abkömmlings mit einem Israeliten: Der Amorite befragt den Israeliten über die Ertragsverhältnisse: Wieviel erreicht ijtir von einem Baume, der am Ufer des Jordans steht? Als dieser ihm erwidert: 60 Kor, sagt jener darauf: Alsdann habet ihr das Land nicht verbessert, vielmehr verschlechtert... In Erwiderung darauf erbringt der Israelit den Nachweis, daß im Gegenteil das Land verbessert worden ist. Der Sinn dieser Legende ist klar: das geheiligtste historische Recht, die religiöse Anwartschaft, auch die flammenden Gefühle der Liebe, — sie genügen nicht, solange man nicht Beweise größerer Tüchtigkeit und kultureller Überlegenheit geliefert hat. Das sind keine homiletischen Deutungen, das sind klare und deutliche Anschauungen, die sich im „Ischuw- Erez-Israer-Begriff kristallisiert haben. „Ischuw" bedeutet zugleich Besiedelung und Urbarmachung, Erwerb und wirtschaftliche Erschließung, Bepflanzung und Kulturpflege. Bemüht man sich darum, daß die Zahl der Bewohner Palästinas zunehme, daß bisher unkultivierte Landstrecken für land- oder gartenbauwirtschaftliche Benutzung gewonnen werden, daß der Anbau bisher unbekannter oder doch wenig bekannter wichtiger Gewächse raschere Verbreitung finde, daß Viehhaltung und Viehnutzung schnellere Fortschritte mache, so bewegt man sich auf einer Linie, auf der die durch Jahrtausende geheiligte, traditionelle Pflicht des „Ischuw" einem jüdischen und allgemein-menschlichem' Ideal der Selbstvervollkommnung, dem Siege des Genies über die Naturkräfte und einer blühenden Kultur zustrebt.

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