Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-05-22 · 20 (22.5.1908) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316317--50651-3377945
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Rechtsanwalt Dr. Hirsch und Liebling-Heidelberg und Daube-Freiburg sowie die Referenten und der Vorsitzende Julius Simon- Mannheim beteiligten, wurde schließlich folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Propagierung der zionistischen Ideen ist oberste Pflicht aller Zionisten. Wir erachten aber eine intensive Stellungnahme zu allen Fragen der jüdischen Gemeindepolitik als ein wertvolles Mittel zur Erziehung der jüdischen Bevölkerung in zionistischem Sinne. Insoweit nicht taktische Fragen in Betracht kommen, soll diese Stellungnahme durch die zionistischen Organisationen als solche erfolgen auf Grund der ihnen zukommenden Pflege des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewußtseins. Zu diesem Zwecke schließen sich die badischen Zionisten zu einem engeren Landesverband zusammen." Ferner wurde auf Antrag von Herrn Dr. Moses die Schaffung eines für badische Verhältnisse bestimmten Gemeindeprogramms beschlossen und Herr Dr. Kaufmann-Freiburg gebeten, einen Entwurf, evtl. gemeinsam mit ihm geeignet erscheinenden Gesinnungsgenossen, auszuarbeiten. Herr Dr. Kaufmann-Freiburg referierte sodann über die Ausgestaltung dieses neuen Landesverbandes und legte ein vollkommen ausgearbeitetes Statut vor. Die Vorsitzenden der Gruppe Mannheim und Freiburg wurden zur Bildung des provisorischen Ausschusses bestimmt, der das Statut der nächsten Tagung vorzulegen und außerdem,die Vorschläge des Herrn Dr. Kaufmann bezüglich der Propaganda sowie der Vereinfachung der Organisation zu prüfen hat. Es wurde beschlossen, alljährlich im Mai einen badischen Verbandstag abzuhalten. Herr Synodalabgeordneter WilhelmBähr-Karlsruhe referierte sodann über die Tagung der israelitischen Synode und insbesondere über die Vorgänge, die zur Annahme des Verfassungsentwurfs führten, der den Reichsausländern das Wahlrecht nimmt. Seine Ausführungen ergänzte das weiter anwesende Mitglied der Synode Herr Dr. Jonas Simon-Heidelberg. Aus den Ausführungen der beiden Redner ging hervor, daß diese ihre Gegnerschaft gegen den ominösen Paragraphen des Verfassungsentwurfs entschieden betont, sich aber schließlich, angesichts der Haltung des Oberrats, wenn auch schweren Herzens, zum Nachgeben entschlossen haben. Herr Dr. Moses kritisierte scharf die Haltung des Oberrats, durch die die Stellung der jüdischen Reichsausländer in Deutschland weiter gefährdet erscheine, da hier eine jüdische Behörde eine Politik gegen unsere jüdischen Brüder geradezu gutheiße. Er bedauerte, daß der Oberrat die Gegner jener Bestimmung in einen schweren Gewissenskonflikt gebracht hätte, gab aber gleichzeitig der Meinung Ausdruck, daß doch ein Kompromiß auf annehmbarer Basis hätte erzielt werden können, wenn die Abgeordneten mehr gefordert hätten. Er anerkannte aber die Schwierigkeit der Situation, in der sich die Zionisten befanden, und resümirte dahin, daß es unsere Pflicht sei, dafür zu sorgen, daß unser Einfluß ein ständiger werde und daß.deshalb in die nächste Synode eine Mehrheit einziehen müsse, die derartige Ereignisse zu verhindern und nach Möglichkeit auch dahin zu wirken hätte, daß der Beschluß dieser Synode wegen der Ausländerfrage wieder aufgehoben werde. Ein * ursprünglich vorgelegter Antrag, den zionistischen Abgeordneten ein Mißtrauensvotum zu erteilen, wurde darauf zurückgezogen. Eine Interpellation des Herrn Rechtsanwalt Veit-Offenburg über den gegenwärtigen Stand der zionistischen Bewegung beantworteten die Herren Dr. Moses und Julius Simon-Mannheim. Herr Rechtsanwalt Veit gab in Erwiderung der Ausführungen dieser Redner dem Wunsche Ausdruck, daß jede zionistische Tagung mit einer Schilderung des jeweiligen Standes der Bewegung - beginne, daß das A.-C. von Zeit zu Zeit vertrauliche Berichte an die Vertrauensmänner im Lande erlasse, die jene über den politischen Stand der Bewegung unterrichteten, und daß die Landesorganisation sich darum bemühen sollte, regelmäßig gutgeleitete Gesellschaftsreisen nach Palästina zu yeranlassen. Schließlich wurde noch kurz über den deutschen Delegiertentag in Breslau gesprochen. Der Vorsitzende regte an, .dem deutschen Delegiertentag eine Resolution vorzulegen, in der betont werde, daß man die Verletzung der religiösen Gefühle der orthodoxen Zionisten durch die Vorgänge im Zentralbureau bedauere und es als wünschenswert betrachte, wenn ein Beschluß möglichst in das Organisationsstatut aufgenommen werde, der ausdrücklich festsetzt, daß durch die offizielle zionistische Zentralleitung und ihre Organe keinerlei zionistische Tätigkeit ausgeübt werden dürfe, die dem jüdischen Religionsgesetz widerspräche. Man müsse die Propaganda der gesetzestreuen Zionisten unter den orthodoxen Juden nach Möglichkeit erleichtern. Die Versammlung beschließt, den Vorsitzenden und die Herren Otto Simon-Mannheim und Rechtsanwalt Dr. Pfälzer-Weinheim zur Abfassung einer entsprechenden Resolution zu ermächtigen. * Herrn Dr. Adler-Nordrach, der am Erscheinen gesundheitlich verhindert war und telegraphische Grüße. übersandte, wurden seine Grüße herzlich erwidert mit den Wünschen auf baldige vollkommene Genesung. Auch Präsident David Wolffsohn wurden Grüße übermittelt. Die Beratungen, die um */*3 Uhr begonnen, erreichten abends V«8 Uhr ihr Ende. Dessau: Einen eigenartigen Vortrag, eigenartig sowohl nach hihalt sowie was die Person des Referenten anbetrifft, hatte am Sonntag den 3. Mai unsere Ortsgruppe. Der liberale Landtagsabgeordnete Rechtsanwalt Dr. Cohn, Führer" der hiesigen freisinnigen Vereinigung, sprach in dem übervoll besetzten Saale des jüdischen Gemeindehauses, der von der zionistischen Ortsgruppe zu dauernder Benutzung gemietet ist, „über die Tätigkeit des Hilfsvereins der deutschen Juden in Palästina*, und zwar auf Veranlassung des Unterzeichneten und des Herrn Kantor Blitz. Die Ausführungen des Referenten, nach Inhalt und Form gleich bebedeutend, auf die ja bekannte Tätigkeit des Hilfsvereins, vor allem was das Wiederaufleben der hebräischen Sprache anbetrifft, hinweisend, gipfelten in den für den Umschwung der Meinungen über den Zionismus innerhalb des deutsch-jüdischen Bürgertums charakteristischen Worten, auf einer derartigen Grundlage, wie sie der, Hilfsverein und auch der Zionismus schaffe, bestehe wohl die Möglichkeit, nein, müsse sich einmal wohl ein nationales Gefüge aufbauen. Brausender Beifall lohnte diesen Ausführungen, die auch jeder Zionist unterschreiben konnte. In der Diskussion führte der unterzeichnete Vorsitzende aus, man müsse in der Kritik an dem Gesagten diesmal nicht nur das Vorgetragene, sondern auch den Vortragenden einer näheren Betrachtung unterziehen. Denn der Vortragende repräsentiere, allerdings im besten Sinne, den Typus der von uns Zionisten früher. nicht gerade allzugeliebten deutschjüdischen Bourgeoisie, die, erst voll Haß gegen den bloßen Namen „Zionismus", von nicht allzugroßer Sachkenntnis getrübt, gegen den Zionismus zu Felde zog, dann aber den Bankerott des Prinzips der Dezentralisation zur Lösuug der Judenfrage erkennend, freimütig dem Prinzip der Zentralisation der Judenmassen in einem Punkte, in Palästina, sich anpassend, mit Umgehung des Zionismus, sich den Hilfsverein der deutschen Juden schuf. Dieser sei ja eigentlich „Zionismus" ohne das Wort „Zionismus", „Zionismus" in einem den deutschen Juden sympaüscheren Gewände, auch nach den Schlußausführungen des Referenten. Das unsterbliche Ver- . dienst des Hilfsvereins sei es aber, als erste der großen Organisationen, die auch mit der Jca und Alliance in engster Beziehung ständen, das Prinzip der Zentralisation der großen jüdischen. Massen in einem _Punkte - in Palästina anerkannt und so der Jca und Alliance den Obergang zur Zentralisation erleichtert zu haben. Die folgenden Diskussionsredner, Herr Kantor Blitz, Herr Ruckenstein wie der Referent in seinem Schlußwort, hoben das Einigende zwischen Zionismus und Hilfsverein hervor, mit dem Ausblick, daß, wenn erst alle Organisationen, auch die Ica und Alliance, an einem Strange ziehen würden, der Tag der Lösung der Judenfrage in zionistischem Sinne nicht" mehr fern sei. Mit diesem erhebenden Gedanken schloß diese denkwürdige Versammlung; denkwürdig deswegen vor allem, weil ein freisinniger Landtagsabgeordneter und Führer einer freisinnigen Vereinigung, ein früherer Assimilationsjude im guten Sinne des Wortes, als Referent in einer zionistischen Versammlung die Möglichkeit der Erfüllung des zionistischen Programms zugegeben hat. Dr. Moses Breslau: Am 28."v. M. sprach in einer gut besuchten Versammlung Herr Dr. Sandler über „Die bisherigen Erfolge der Kolonisation in Palästina". Redner gab einen interessanten Rückblick auf die bisherige Entwicklung der palästinensischen Kolonisation, insbesondere durch uns Juden. Er zeigte, wie gefährlich sich alle Bevormundung bei der Kolonisation erwiesen, wie im Gegensatz dazu die Selbständigkeit und eigne Verantwortung zu guten Erfolgen geführt haben. Wir müssen jetzt vor allem .das eine tun, eine Kreditbasis schaffen, aber nicht durch Experimente für die andern. Wir haben bereits eine Anzahl neuer Unternehmungen in Palästina, die den Weg gewiesen haben und die geeignet seien, das Großkapital für Palästina zu interessieren. Auf diesem Wege müsse weiter gearbeitet werden. So gut auch alle unsere Sammlungen seien und so schöne Erfolge dabei auch erzielt werden, genügen sie natürlich nicht, wenn wir etwas wirklich Großes schaffen wollen. Das könne nur mit Hilfe des Großkapitals geschehen. — Am 13. d. M. fand die Wahlversammlung statt. Zu Delegierten wurden gewählt die Herren Lippmann Bloch, Max Kober, Dr. Aron Sandler und Leo Grünthal, zu Ersatzdelegierten die Herren Dr. Walter Steinitz, Dr. Curt Weiß und Redakteur S. Gottschalk.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.