Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 20 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 20 — DIE% Österreich Die Brünner Konferenz Die Ergebnisse der Brünner Beratungen, über die wir bereits vorige Woche berichtet haben, liegen nunmehr vor. Die westösterreichischen Distriktskomitees schließen sich zu einer zionistischen Gesamtorganisation zusammen, die vom Zentralkomitee in Wien geleitet wird. Die Zionisten Westösterreichs haben sich mit der Tatsache der Zusammenfassung ihrer galizischen Gesinnungsgenossen zu einer autonomen Landesorganisation abgefunden. Der organisatorische Zusammenschluß der westlichen Hälfte der zionistischen Organisation Österreichs konnte nicht mehr hinausgeschoben werden. Der erste Parteitag der neu geschaffenen westösterreichischen zionistischen Organisation wurde für den 28. und 29. Juni nach Brünn einberufen. Bis zur Einberufung des Parteitages fällt die provisorische Leitung der gemeinsamen Angelegenheiten einem Ausschuß zu, dem die Herren A. Böhm, Dr. Zweig, Löwy, Dr. E. Margulies, G. Finzi und E. Stein angehören. Der Ausschuß hat folgende Tagesordnung des Parteitages entworfen: 1. Organisation. Ref. Dr. Emil Margulies. 2. Wahl des Zentralkomitees. 3. Nationalfonds. Ref. Emil Stein. 4- Palästina. Ref. Adolf Böhm. 5. Wirtschaftliche Gegenwartsarbeit. Ref. Abg. Dr. Mahler. Die Brünner Beratungen .zeichnen sich durch ihre Einmütigkeit und Nüchternheit aus. Die Umrisse der zu schaffenden Organisation wurden festgelegt, die Kompetenz des Wiener Zentral- Komitees umschrieben. Zu diesen Aufgaben gehört die Vertretung der drei Distrikte (Innerösterr. Mähren-Schlesien und Böhmen) nach außen, die Überwachung der Zions-Partei der betreffenden Distrikte, die Leitung und Zentralisierung der Sammlungen für zionistische Zwecke, die Leitung und Überwachung der Tätigkeit der D.-K's und die Festsetzung eines Budgets. Bemerkenswert ist der Beschluß, die Tätigkeit des Z.-K. auf rein zionistische Angelegenheiten zu beschränken. Die Verschiedenheit der Verhältnisse zwischen Ost und West tritt in dieser einschränkenden Entschließung zutage. Während das Lemberger Zion. Zentralkomitee zugleich die Parteileitung der Jüdischen Nationalpartei bildet, lehnen es die Zionisten Westösterreichs ab, die zionistische Organisation zu einem Instrument irgend einer politischen Partei zu machen. Die fortwährende Differenzierung der zionistischen Organisation dieses Landes hat erfreulicherweise ein Ende genommen. Das Bedürfnis nach Zusammenfassung, nach Konsolidierung wurde um so dringender, je weiter der Atomisierungsprozeß fortschritt. Nunmehr bestehen zwei Landesorganisationen in Oesterreich. Ihr gegenseitiges Verhältnis wird Gegenstand von Unterhändlungen sein. Die Brünner Konferenz sprach sich für die Aufrechterhaltung der Einheit der gesamtösterreichischen Landesorganisation aus und verlangte in einer Resolution die Einberufung eines- Gesamtparteitages. Die galizischen Zionisten werden diesem Vorschlag wahrscheinlich nicht ablehnend gegenüberstehen. Sonst müßten sich die zwei Bruderorganisationen als selbständige Föderationen im Sinne des Kongreßstatuts konstituieren. Amerika Der Zionismus in Amerika Unter einer Reihe von Überschriften: -„Die Großen werden Zionisten", „Reiche Juden schreiten daran, unserldeal zu verwirklchen", „In Samuel Straus's Wohnung versammelten sich gestern die jüdisch-amerikanischen Notabein und organisierten einen Zionverein, der zusammen mit unseren Diplomaten und Millionären. dem Zwecke sich widmen will, Palästina zu einem Judenheäm zu machen" und „Jakob H. Schiff hat seinen Antizionismus aufgegeben" veröffentlicht das jüdische New Yorker „Morgen- Journal" (vom 11. Mai, Nr. 2049) folgende Mitteilung, die wir unter allem Vorbehalt wiedergeben. „Der Zionismus hat jetzt einen großen Sieg zu verzeichnen. Eine Anzahl hervorragender amerikanischer Juden ist zum Zionismus bekehrt worden. Gestern (am 10. Mai) wurde der Grundstein für eine neue'zionistische Organisation reicher Juden gelegt Diese neue Organisation wird sich nach dem Muster sämtlicher zionistischer Vereine Amerika's der „Federation of American Zioniss" anschließen. „Der Haupt-Organisator dieser neuen Bewegung unter den amerikanischen Juden ist allem Anschein nach Herr Samuel Strauß, Eigentümer und Redakteur des New-Yorker „Globe". In seinem Hause fanden sich gestern viele Vertreter der amerikanischjüdischen Aristokratie zusammen. Der Zionismus wurde reiflich erörtert und das Ergebnis dieser Erörterungen war die Gründung einer neuen zionistischen Organisation reicher Juden. KELT 19 „Der Zweck der Organisation ist, wie Herr Samuel Strauß erklärt hat, das Wecken der Sympathie der reichen Juden für jüdische Ideale und für die Erlangung Palästinas als einer Heimstätte für das jüdische Volk. Die Frage hat sich jetzt, wie sich Herr Samuel Strauß äußerte, in den Worten zugespitzt: „Zionismus oder Assimilation?" Assimilation kann für die jüdische Gesamtheit nicht als ein Hilfsmittel gelten, es bleibt also nur der einzige Weg: für die Verwirklichung des Zionismus zu arbeiten. „Außer Herrn Strauß haben auch andere einflußreiche Juden ihre Ansicht über den Zionismus geäußert. Mr. Untermeyer von der berühmten Firma Untermeyer, Guggenheimer & Marshall erklärte, die traurige Lage der Juden in Rußland, Rumänien und Galizien habe ihn dazu angeregt, dem Zionismus sein Interesse zuzuwenden. Ein zweiter Vertreter dieser Firma, Herr Louis Marshall, sagte, sein Interesse gelte dem Zionismus aus religiösen Motiven. Er bemerkte hierbei: „Der denkende Teil der reichen amerikanischen Juden schenkt schon jetzt dem Zionismus seine ernste Aufmerksamkeit" „Jakob Schiff — erklärte Herr Marchall weiter — habe ihm unlängst einen Brief geschrieben, aus dem zu entnehmen ist, daß er nicht nur seine Gegnerschaft aufgegeben habe, sondern sogar der zionistischen Bewegung jetzt freundlich geneigt sei und die erste, beste Gelegenheit wahrnehmen werde, einer ihrer eifrigsten Anhänger zu werden. „Herr Schiff beteiligte sich an der gestrigen Versammlung nicht, weil er zwar sympatisch gestimmt aber vorläufig noch nicht Zionist sei. Es wird aber nicht mehr lange dauern, bis er eins der wichtigsten Mitglieder der neuen zionistischen Organisation werden wird. „Um die reiche Klasse dem Zionismus zugänglich zu machen, beabsichtigen die neuen aristokratischen Zionisten den Führer der zionistischen Organisation, Herrn David Wolfssohn und Sir Francis Montefiore aus London zu einem Besuche nach Amerika einzuladen." Wir reproduzieren obige Nachricht, die das genannte New- Yorker Blatt an erster Stelle gebracht hat, und enthalten uns jeden Kommentars, solange eine offizielle Bestätigung dieser Mitteilung ausbleibt Ein zionistischer Orden Am 26. April fand in Clinton Hall, New York, die erste Jahresversammlung des neugegründeten Ordens „Freie Söhne Zions" statt. Die Versammlung wurde Samstagabends mit einer Ansprache des Präsidenten Dr. J. L. Magnes eröffnet. Der Jahresbericht des Sekretärs J. Sprayregen zeigt daß sich dem Orden bisheran 18 Logen mit insgesamt 575 Mitgliedern angeschlossen haben. 64 Delegierte waren bei der Jahresversammlung anwesend. Im Laufe der Beratungen am Sonntag wurde ein Statut angenommen, daß die Ziele des Ordens folgendermaßen darstellt: a) die Zionistenkongresse in ihrem Bestreben zu unterstützen, dem jüdischen Volke eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina zu schaffen; b) die Mitglieder des Ordens in jeder denkbaren Weise moralisch und materiell zu unterstützen; c) einen Witwen- und Waisenfonds einzurichten. Zum Großmeister des Ordens wurde Mr. David Blaustein gewählt. Außerdem gehören dem Vorstande noch an die Herren: Sprayregen, Bluestone, Gordon, Masliansky, Kehlmann, Bublick, Prensky, Lewin-Epstein (dieser als Vorsitzender des Palästinakomitees). Bulgarien Die VI. Bulgarische Landeskonferenz, die vom 26. bis 29. April in Sofia stattfand, hat den Sitz des Landeskomitees nach Philippopel verlegt und zum Vorsitzenden Herrn Persiado Romano, Advokat in Philippopel, gewählt. Das neue Landeskomitee setzt sich nunmehr, wie folgt, zusammen: P. Romano, Vorsitzender; Dr. H. Rimalovsky, Vizepräsident; D. Kaleb, Schriftführer; Rachamim Ascherof, Samuel Benjamin, Beisitzende. Verbands-Vorturnerkursus der Jüdischen Turnerschaft Die Jüdische Turnerschaft (Verband der jüdischen Turnvereine) veranstaltet Pfingsten in Köln ihren ersten allgemeinen Vorturnerkursus. Die Teilnehmerzahl dürfte voraussichtlich recht beträchtlich sein. Bis jetzt sind Vorturner der verschiedensten Vereine aus Deutschland und Österreich angemeldet. Gelegentlich des Kursus findet eine allgemeine Besprechung über theoretische Fragen des Turnens in den jüdischen Turnvereinen statt.