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Die Welt · 1908-05-22 · 20 (22.5.1908) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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drückend, dann wieder den Kopf hochhebend: „Wenn es dir nun doch keine Freude macht . . , sondern im Gegenteil . . . ." und plötzlich wieder lebhaft und hell sprechend: „Nee, wirklich nicht, hör', Verdruß macht es mir nicht . . . Ich begreif dich gut . . . nee." Und sie stand auf, sagte, daß sie nach Hause müßte. Er lief auf und ab, unzufrieden mit sich selbst, daß er nicht direkt zugegeben hatte . . . -Nun war sie ärgerlich, und er sah es wohl ein, er hatte ihr' eine Freude verdorben. Ach Gott, zu was war er eigentlich noch nütze .... da haste es nu . . . . Nun hat er sich das wieder vorzuwerfen .... nicht mal nett zu jemanden gewesen, der so gut für ihn war .... Und er wurde wieder gereizt . . . Wenn er nur rechtzeitig gestorben wäre . . . Von ihr war es prächtig, gesegnet soll sie sein . . aber, wenn du nun beizeiten gestorben wärst, hätt'ste doch überhaupt nichts mit zu tun gehabt . . . die Menschen sagen, du mußt dankbar sein, wenn du gesund alt wirst .... na, was heißt dankbar .... wie der alte Jacob Duparc immer sagt: Wenn's eine Bestimmung oder "n Schicksal gibt, dann is 's grad so wie 'ne Frau, die 'n Kaffeeklatsch gibt. . . se quatscht solange uff de Menschen 'rein, bis se den Kuchen "runteressen, ob se App'tit haben oder nich . . . leben mußt du . . . O weih, o weih, wie is es mer mies ... Mitten hinein in sein aufrührisches und verdrießliches Denken ertönte plötzlich gleichsam zähmend und beruhigend der helle Klang ihrer schmeichelnden Stimme: „Onkel, Onkel, wie wirst du ungalant; sind das Manieren, einfach mich ajleine meinea Mantel anziehen zu lassen?" sagte sie, und wie er aufblickte, gewahrte er in dem Spiegel ihr ihn fröhlich anlachendes Gesicht, dann sah er sie selbst: die gekrümmten Arme halb in den Ärmeln des Boleros, den Kragen in der Hälfte des weißen Blusenrückens hängend. „Ich hab' da wirklich nicht dran gedacht," sagte er lächelnd, schlürfte zu ihr, streckte, sein kleines Leibchen in die Höhe reckend, die Arme aus und wollte ihr den Bolero hochziehen. „Nee, nee, Onkel," rief sie schnell und lachte ihn schalkhaft aus, _dazu hab" ich dich nicht nötig .... du mußt meine Bluse glatt halten, während du das Jäckchen hochziehst, wart", ich werd' mich 'n bißchen kleiner machen, dann hast du"s bequemer". Und die Kniee beugend, ließ sie sich so weit herunter, daß ihre Köpfe sich auf gleicher Höhe befanden. Als sie den Bolero glücklich an hatte, drehte sie sich, sich aufrichtend, wieder um, und ihre Hände auf seine Schulter legend, während sie ihm fest in die Augen blickte, fragte sie: „Weißt du, warum du nicht dran gedacht hast . . . . he . .?" Er lachte, verlegen mit den Augen -blinzelnd. „Du warst wieder am Schmollen; kannst du das nun nicht lassen?.....Onkelchen, Onkelchen, mußt du dich da nu immer so dranhalten....." „Nee, wirklich nich," sagte er mit komischer Heftigkeit, die Gelegenheit, alles wieder gut zu machen, beim Schöpfe fassend, „aber ich dachte gerade, weil du's doch willst......'s mir vielleicht wirklich lästig auf d'r Straß', ohne Uhr ..... nee . . nee . . . ich mein's wahrhaftig so......." schloß er, verlegen unter ihrem festen Blick. „Jaaa?" frug sie gedehnt, und traurig lächelnd sah sie auf, als ob sie es glaubte, sah dann wieder, mit ernstem Ausdruck in den großen, dunklen Augen, eben flüchtig in den Spiegel und ordnete etwas an ihrem Haare. „Nu muß ich doch gehn ..... Adjee, Onkel," sagte sie und reichte ihm die Hand. „Nu, man nich so sitzen und grübeln, horste .... und heut nacht schlafen, die Sache ist erledigt." Und etwas leiser: „Morgen komm ich mal eben...... morgen mittag, 's früh genug, he?" „Oh ja," antwortete er, in demütiger Bewunderung vor ihr stehend. Aber dann wieder, vorsichtig, zögernd: „Aber weißte auch, ob Alfred mit einverstanden is?..... krieg in Gottsnamen kein'n Streit wegen mir ..... nich 'n kleinsten, horste . . . . sonst . ... ." Und indem er sie scharf anschaute, preßte er fester ihre Hand. „Na, das ist ja noch schöner," lachte sie. „Wer denkste wohl, ist der Herr, der Mann oder die Frau ... ich kann gut merken, daß du nie verheiratet warst." Dann legte sie ihre Hände auf seine Schultern, und mit ernstem Gesicht ihm tief in die Augen sehend, sagte sie, während ihr die Unsicherheit, wie sie ihm, ohne ihn zu verletzen, beibringen sollte, daß sie seine Lage schon lang-e erkannt hatten, doch die Röte ins weiße Gesicht trieb: „Nein, aber im Ernst, Onkel, ich weiß, horste......daß er ganz mit einverstanden ist......" „•Oh," und auch er wurde rot, und in der ihm jetzt deutlich ins Bewußtsein tretenden beschämenden Gewißheit, daß sie sein Geheimnis schon längst erraten hatten, beugte er sein Haupti Aber dann fühlte er wieder eine stille Zufriedenheit, daß sie so freundlich sorgsam an ihn gedacht und sich mit seinem Schicksale befaßt hatten, ohne daß er es ahnte. Er schaute dankbar in die Höhe und sprach: „Aber du weißt doch noch gar nicht, wie viel es ist." Und nachdem er das gesagt hatte, nahm sein Gesicht wieder den Ausdruck furchtsamer Verlegenheit an. Lächelnd zog sie ihre Augenbraunen hoch: „Zwanzig Gulden die Woche?" fragte sie leise, ihre Hand auf seiner Schulter. „Bist du närrisch," rief er froh aufatmend aus, „mit zehn Gulden bin ich die letzten Jahre gut ausgekommen." „Jawohl," nickte sie, „aber wie ....," sie kniff die Äugen zusammen.....„Nun, "morgen werden wir ja sehn," sagte sie dann, ein paar Schritte nach dem Ausgange zu machend. „Adjee." Sie nickte ihm zu und öffnete die Tür. „Ich danke dir, danke dir herzlich, horste," flüsterte er heiser, indem er hinter ihr herlief und mit beiden, Händen ihren Arm umklammerte. „Papperlapapp, mach keine Dummheiten," plauderte sie eilig. Er wollte sie bis unten vor die Haustüre, begleiten. Aber sie, sich wieder umdrehend sagte: „Wenn du das riskierst, krieg' ich's fertig, mich wie ein Junge am Treppengeländer hinunterzulassen." Er lachte, blieb stehn und sah ihr nach, bis sie ihm aus dem Gesicht war, rief dann nochmals „Adjee", hörte sie echoartig von fern zurückrufen und dann die Tür ins Schloß fallen. Hierauf trat er in seine Kammer zurück und schloß die Tür. Langsam, vornherübergebogen, ging er weiter, eine wohltätig wärmende Freude im Inneren darüber fühlend, daß er doch noch etwas galt......Was war sie doch für'n guter Engel von einer Frau . , . . . gesegnet soll se sein.....er auch .... ein Chesjiewes..... Wie viel sie doch von ihm hielten .... es-'s doch herrlich, w.enn jemand so viel für dich übrig hat .... Er setzte sich in seinen Stuhl und drückte

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