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Die Welt · 1908-05-22 · 20 (22.5.1908) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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sich etwas freier und sicherer werden. „Nein, Kind, es ist nichts Himmlisches----denn jetzt hab' ich kein Geld mehr .... und nun muß ich einem andern zur Last fallen." Und er schüttelte das Haupt und starrte vor sich hin: Ob das schlimm war, . . . . von einem anderen abhängig . . . daß es nun doch wirklich geschehen war .... daß es nun in diesem Augenblicke geschah .... und er da saß .... nachdem er sein ganzes Lebenslang nicht nötig gehabt hatte . . . wozu nützte es ... . Aber sie wiederholte mit einem ihn gleichsam lustig auslachenden Gesichte: „Zur Last fallen . . . zur Last fallen." Und spielerisch kokett, mit gespitzten Lippen, wie ein junges Mädchen, das ganz gut weiß, daß man seine schalkhafte Dreistigkeit nett findet: „Was 'ne Wichtigkeit!" Dann, ohne sich zu überlegen, instinktiv fühlend, daß es jetzt angebracht sei, das Besprechen des persönlichen Falles zu unterbrechen durch einen gewissermaßen abstrakten Hinweis auf derartige Fälle im allgemeinen, um ihm auf diese Weise indirekt zu verstehen zu geben, daß sie ihn gern unterstützen wollte, und. als hielte sie seine Sorgen für etwas so Gewöhnliches und so leicht Abhelfbares, daß sie selbst bei einer Aussprache wie der gegenwärtigen ganz davon abstrahieren konnte, sagte sie, nachdenklich zu Boden schauend und mit ein paar Kuchenkrümeln auf dem Schüsselchen spielend: „Nein, aber . . . sieh' mal im Ernst . . . ich finde, daß wenn jemand achtzig Jahre alt ist . . . nun ja . . . achtzig Jahr ... ich mein, wenn jemand alt ist und nicht mehr ... ja, wie soll ich mich ausdrücken . . . nicht mehr gut vorwärts kann . . . und er hat stets als ein nützlicher Mensch gelebt, dann hat er die Gesellschaft schon längst dafür bezahlt, was die nun für ihn tun -muß, und dann kann von Last "überhaupt keine Rede sein .... Und wenn nun der eine oder der andere, den seine Mittel dazu instand setzen, dies an Stelle der Gesellschaft tun darf, ich sage darf.. . . dann finde ich das eine große Gunst für so einen .... desto mehr, wenn er große Stücke von dem Manne,hält." Und während sie das letzte sagte, fand sie das alles so rührend; sein Sitzen da mit seinem alten Haupt .... ihr eigenes Sprechen . . Sie fand es auch von" sich selbst gut, und daß es uch so gehörte, und ihre Stimme zitterte von innerer Bewegung. Über sein Gesicht huschte es . . . es blühte förmlich auf wie von nach außen brechenden Strahlen eines inneren schönen Gefühls, eines Gedankens, und von der Freude, dieses gefühlt oder gedacht zu haben. Sonderbar, in diesem Augenblicke fühlte er keine Freude darüber, daß er jetzt von seinen Sorgen befreit war, sondern einzig, weil jenes herrlich Menschliche, das er empfand, sich aus Genugtuung und Achtung vor ihm offenbarte und sich ihm darbot. Er fühlte sich als ein Stolzer und Glücklicher. Er stand auf, lief hin und her, um seine Rührung zu bekämpfen und ihrer Herr zu werden, seine Nichte von der-Seite mit einem innigen, sie umfassenden und liebkosenden Blicke betrachtend. Endlich blieb er hinter ihr stehen, und seine Hände kräftig auf ihre Schultern drückend, sagte er: „Danke, Kind ..... du bist gut." „Ach, Onkel," lächelte sie, den Kopf umwendend. Aber er lief, nachdem er ihre Schultern noch, einmal innig gedrückt hatte, wieder nach seinem Stuhl und setzte; sich. Sein erblaßtes Gesicht hatte etwas Kindliches, etwas Offenherziges und Glückliches. „Komm, erzähl' mir nun," sagte sie, ihm wie einem Kinde lieb zunickend, „Hat es schon nicht mehr gelangt?" Dann -mit leiser, geheimnisvoll gedämpfter Stimme flüsterte sie, das Haupt nach vorn gestreckt, ein Fältchen über den hochgezogenen Brauen, die Augen groß und lieb vertraulich fragend: „Schon was verkauft?" Er sah zu Boden, errötete, und mit den Fingern das Tischtuch streichend: „Nee, Nee . . . ." „Papperlapapp", drohte sie spassig, „du traust dir ja nicht, mich anzusehen." Und wieder ernst, indem sie ihren Arm über den Tisch streckte und seine Finger festhielt, „komm, sag' mir's nun, sonst habe ich das Gefühl, daß du doch nicht viel von mir hältst und es nicht gern von mir annimmst ..." „Ach, wirklich, 's nix, was.ich nötig hab'." Und in überzeugendem Tone, während er seine Hand sachte losmachte und sich aufrecht hinsetzte:. „Nein* es ist wirklich nichts Besonderes." Sie sah ihn nur schweigend traurig an. „Nun, wenn du es nicht sagen willst ..." sagte sie, zurückgestoßen und enttäuscht. Sie zog ihren Arm zurück und ihren Kopf schief abwendend, schaute sie mit' einem Ausdrucke verhaltenen Leides, den Mund ein wenig geöffnet, die oberen Lider wie schläfrig schwer die Augen halb überschattend, an ihm vorbei. Aufschauend fühlte er etwas Gewissensbisse. „Nun, Kind," sagte er, auf sie zugehend und sachte seine Hand auf ihre Schulter legend, „werd' man nicht bös ... 's meine Uhr mit d'r Kette," aber wirklich, da geb' ich nichts drum." Sie beugte sich errötend nach vorn, nestelte etwas an ihrem Rocke und fragte, beinahe flüsternd: „Verkauft oder . . .?" Hastig ließ er sie los und lief wieder hinter ihr herum. „Nee," sagte er verschämt, die jetzt auf dem Rücken gefalteten Hände fest ineinanderkneifend, „ich dacht' .... so kann sie nach meinem Tode .... sie kommt dann wenigstens nicht in fremde Hände." „Nun, dann mußt du sie jetzt wiederholen lassen, wirst du es tun ...?" fragte sie, sich wieder aufrichtend,' ohne ihn anzusehn. Aber er lief wieder nach seinem Stuhl, setzte sich, und sie erregt und hartnäckig anschauend: „Nee, Helene, das nich," sagte er in heftiger Abwehr und wie in Angst, daß sie doch auf ihrem Willen beharren möchte. „Warum denn nicht, Onkel," sagte sie schmollend. „Ja, sieh ... ich will dir's sagen," antwortete er, verlegen auf seinem Stuhle hin- und herrückend, die Augen zu Boden, als ob er nach seinen Gedanken sähe. „Siehst du, ich nehm* alles gern von dir . . . wahrhaftig, . . . deshalb ist es nicht ... aber . . . was nur nötig ist, ist nötig . . . aber'n Luxus, siehst du . . . Nee ... ich bitf dich, laß es mich nicht tun . . . ." Sie schüttelte traurig den Kopf, beugte sich tief nach vorn herüber, die Arme auf ihrem Schoß ausgestreckt, die Hände fingerweise gekreuzt. „Nee," sagte sie bitter vor sich -hin, „'n Mensch ist machtlos, .... er kann machen, was er will ... er kann 'n andern nicht recht glücklich machen . . . nee ..." Und sie richtete sich mit einem Seufzer wieder auf, wandte ihren Kopf ab und sah traurig nachdenkend auf die Wand. „Ach. Kind," sagte er, wieder bereuend, während er -zu ihr ging und seine Finger liebkosend auf ihre Wange legte. „Nee, wenn es dich so ärgert, dann werde ich's doch wohl tun." „Nein, nein, Onkel, das ist es nicht," lächelte sie, seine Finger zwischen ihrer Wange und Schulter ein-

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