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Die Welt · 1908-05-22 · 20 (22.5.1908) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 20 DIE] man erkennt doch die meisten von ihnen schon an ihrem äußeren Bau. Sie sprechen nicht aufdringlich die ^deutliche Formensprache der Stylsymbolik, aber sie wirken durch ihren spezifischen, ruhigen, ernsten, mehr durch die Abwesenheit des Komforts und der Zeichen, als durch deren Vorhandensein bezeichnenden Rhythmus, daß sie dem einzigen ewigen; geistigen Gott geweihtsind. Dieser Teil der Aussteifung ist illustratorisch die höchste Leistung, die man nach dem Stand dieser Forschung — auf die Mängel der Forschung habe ich bereits hingewiesen — fertig bringen konnte. Ich meine die Ausstellung der Synagogenarchitektur, denn die Ausstellung der Inneneinrichtung ist schon nicht nur illustratorisch, aber zu einem großen Teil in naturam sehr mannigfaltig und belehrend. Brief aus Galizien (Von unserm Berichterstatter) Ein interessanter Prozeß Vor dem Zionistischen Zentralkomitee in Lemberg als Parteigericht wurde in verflossener Woche ein .Prozeß verhandelt, der in den zionistischen Kreisen großes Aufsehen erregte. Die hebräische Wochenschrift „Hamizpeh" brachte vor ungefähr zwei Monaten einen Schmähaitikel gegen den bekannten hebräischen Schriftsteller Hurwitz. In diesem Artikel wurde ein von~ Hurwitz herrührender Artikel über „Haskala und Chassidismus" im „Ha'OIam" zum Anlaß genommen, um dem Verfasser vorzuwerfen, er sei ein Missionar und wolle durch solche Artikel die Taufbewegung unter den Juden fördern. In den folgenden Nummern des „Hamizpeh" erweiterte dessen Herausgeber, M. Lasar, seine Anschuldigungen gegen Hurwitz dahin, daß dieser ein bezahlter Agent .der Missionsgesellschaften sei und auch seinen Einfluß in der Organisation „Sinai", die ebenfalls materiell von den Missionsgesellschaften abhängig sei, zu missionären Zwecken ausnutze. Hurwitz klagte daraufhin gegen Lasar vor dem Lemberger Zionistischen Zentralkomitee als Parteigericht. Den Vorsitz in der Verhandlung führte Dr. M. Brau de, Präsident des Zionistischen Zentralkomitees für Galizien; dem Kollegium gehörten außerdem die übrigen Mitglieder des Zentralkomitees, die Herren Is. Phillip, Rabbiner Dr.. Guttmann, Dr. Rappaport und B. Jahr an. Kläger und Beklagter waren be:de zur Stelle; den Verhandlungen, die in vollster Öffentlichkeit stattfanden und mehrere Tage dauerten, wohnte eine größere Zuhörermenge, darunter Reichstagsabgeordneter Stand und Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis-Sofia, bei. Die Verhandlung begann am Samstag den 9. ds., abends 8 Uhr, die erste Sitzung zog sich bis 2 Uhr nachts hin. Die ganze Verhandlung wurde in hebräischer Sprache geführt. Zunächst nahm der Kläger Hurwitz das Wort zu einer längeren Ansprache, in der er sämtliche Beschuldigungen Lasars auf das entschiedenste zurückwies und auf die schwere Beleidigung hinwies, die ihm durch die gänzlich unberechtigten und unmotivierten Angriffe des „Hamizpeh" zugefügt worden sei. Seine Ausführungen im „Ha'OIam" seien rein theoretischer Natur gewesen. Auch sein Gegner Horodetzki, gegen den er sich in diesem Artikel gewandt habe, habe die Parallele zwischen Chassidismus und Christentum gezogen. Er selbst gehöre zu den ältesten Zionisten Rußlands und habe niemals auch nur andeutungsweise für die Taufe Propaganda gemacht; niemand, der ihn kenne, vermöge zu glauben, daß er einen solchen Standpunkt einnehme. Er verlange für die ihm zugefügte unerhörte Beschimpfung eine schwere Bestrafung seines Gegners. Der Beklagte Lasar erwiderte, daß er alle seine Anschuldigungen aufrechterhalte und den Wahrheitsbeweis dafür antreten wolle. Er habe schon aus früheren Artikeln Hurwitz, den Eindruck gewonnen, daß dieser missionären Bestrebungen nicht fernstehe, der letzte Artikel habe ihm diese Oberzeugung zur Gewißheit gemacht. Man schritt hierauf zur Erhebung über den yon Lasar angebotenen Wahrheitsbeweis, der indes vollständig mißglückte. Der Beklagte wollte als Beweismittel Briefe aus dem Leserkreise des „Hamizpeh" angesehen haben, die die Sympathie der Schreibenden mit den Angriffen auf Hurwitz zum Ausdruck brachten. Da diese Briefe aber sämtlich nach Erscheinen der Angriffe geschrieben waren und irgendwelches tatsächliche Material nicht enthielten, mußten sie natürlich als Beweisstücke vollständig ausscheiden. Auch andere angebliche Beweise stellten sich als leere Redereien heraus, die der eine Teilhaber des „Hamizpeh" auf einer Geschäfts- £E LT 11 reise durch Galizien aufgeschnappt hatte und die den Eindruck aufkommen ließen, als ob das Vorgehen des „Hamizpeh" nicht zum wenigsten dem Geschäftsneid gegenüber dem in Galizien stark verbreiteten „Ha'OIam" entsprungen sei. Schließlich blieb von allen angebotenen Beweisstücken nur mehr eine Reihe von Briefen übrig, die Lasar von dem bekannten hebräischen Schriftsteller Dr. Bernfeld erhalten hatte. In diesen Briefen gibt Bernfeld seiner Überzeugung Ausdruck, daß Hurwitz und auch der „Sinai" missionäre Tendenzen verfolge. Ausdrücklich betont er aber, daß keine Rede davon sein könne, daß Hurwitz dafür bezahlt werde. Diesen Teil seiner Beleidigungen mußte Lasar demgemäß als von ihm frei erfunden von vornherein fallen lassen. Im Kreuzverhör stellte er dann noch allerhand merkwürdige Behauptungen auf, so. die, daß schon die ehemalige „Demokratische Fraktion" eine versteckte Missionspropaganda getrieben habe usw. usw. In einer längeren Replik konstatierte der Kläger Hurwitz, daß der Beklagte bisher nicht einen einzigen Beweis für seine Behauptungen erbracht habe. Die von Lasar zum Beweise angeführten Artikel des Klägers im „Haschiloach" seien alles andere als missionärisch. Er habe zwar pessimistische Anschauungen über die Fortentwicklung des Judentums, deswegen könne man aber doch nicht von ihm behaupten, daß er die Taufe predige. Hurwitz legte sodann an ihn gerichtete Briefe Dr. Bernfelds vor, in denen Bernfeld zum Ausdruck bringt, daß er in den Artikeln des Klägers irgendein Unrecht nicht finde und sich ganz in dem kritisch-pessimistischen Sinne Hurwitz's äußert. Das Gericht kam zu der Überzeugung, daß von dem ganzen Wahrheitsbeweis nur. die Briefe Bernfelds als erheblich zu betrachten seien, und beschloß demgemäß, Dr. Bernfeld telegraphisch zur Einvernahme vorzuladen. In der zweiten Sitzung am Sonntag den 17. ds. versuchte Lasar nachzuweisen, daß auch andere Zeitschriften gegen Hurwitz Stellung genommen hätten; aber auch dieser Beweisversuch hatte keinen Erfolg. Nachmittags wurde über das Zeugnis einer Person verhandelt, die von Lasargeladen war, um zu beweisen, daß Hurwitz wirklich als Missionär tätig gewesen sei. Es hatte sich aber inzwischen herausgestellt, daß dieses Zeugnis falsch war. In der vierten Sitzung am Mittwoch nachmittag war Dr. Bernfeld als Zeuge anwesend. Dieser stellte zunächst fest, daß der erste Schmähartikel des „Hamizpeh" erschienen sei, ehe er von der ganzen Sache gewußt habe. Er selbst habe schon früher den Eindruck gewonnen, daß Hurwitz christliche Ideen propagiere, und habe deswegen mit ihm auch im „Sinai" und „Heatid" gekämpft. Als er den letzten Artikel von Hurwitz gelesen habe, sei ihm darin zunächst nichts aufgefallen. Er habe deshalb Hurwitz sogar beglückwünscht(I). Später erst habe man ihn von dritter Seite auf die christianisierende Tendenz des Artikels aufmerksam gemacht, und darauf habe er sich veranlaßt gesehen, Lasar die erwähnten Briefe zu schreiben. Auf Anfrage des Vorsitzenden erklärte Dr. Bernfeld, daß er niemals behauptet habe, Hurwitz habe für sein missionäres Auftreten Geld erhalten. Er habe lediglich zum. Ausdruck bringen wollen, daß Hurwitz aus idealen Gründen die Juden zum Christentum hinüberführen wolle. Hierauf ergreift Hurwitz das Wort, um die Ausführungen Dr. Bernfelds zurückzuweisen; er kennzeichnet das, was man gegen ihn aus seinem angeblichen Verkehr mit Dr. Fromer, — dem früheren Sekretär der Berliner israelitischen Gemeinde, der wegen seines Eintretens für die Taufe entlassen wurde, — vorbrachte, als Klatsch. Es sei lächerlich, zu behaupten, daß der„Sinai"Missionszwecke verfolgte. Vielmehr sei er immer dafür eingetreten, daß diese Organisation auf national-kulturellem Boden stehe, während Dr. Bernfeld aus opportunistischen Gründen dagegen war, daß die Sinai-Organisation im nationalen Sinne tätig sei. Es seijächerlich, wenn Lasar die vom „Sinai" veranlaßte Wellhausen-Übersetzung als Beweis für seine Behauptung der missionären Tendenz des „Sinai" aufgefaßt haben wolle, da doch Wellhausen von christlich-orthodoxer Seite ebenso bekämpft werde wie von jüdischer. Er, Hurwitz, habe übrigens Wellhausen gar nicht gekannt und nie gelesen. Vielmehr haben Dr. Bernfeld und Klausner, ihm dieses Buch als geeignet zur hebräischen Übersetzung durch den „Sinai" empfohlen. Daraufhin erst sei man dieser Frage nähergetreten und habe mit mehreren Schriftstellern Unterhandlungen wegen der Übersetzung angeknüpft, diesich gleichfalls für dieses Unternehmen ausgesprochen hätten. Umsomenr sei man dann überrascht gewesen, als plötzlich in der „Jüdischen Presse" ein Angriff gegen diesen übersetzungsplan von demselben Dr. Bernfeld erschien, der ihn doch überhaupt erst veranlaßt hatte (!). Auf Befragen habe dann Dr. Bernfeld seine Handlungsweise durch die Rücksicht erklärt, die er auf die deutsch-orthodoxen Kreise zu nehmen gezwungen sei.

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