Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 20 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10 DIE^ELT No. 20 bewußt, und doch erachte ich es für wichtig, daß man fernerhin auch dem Lehrhause, eben weil es eine in vielen Orten verschwindende Institution darstellt, eine größere Aufmerksamkeit zuwende. In den osteuropäischen Ländern sind noch viele Lehrhäuser vorhanden, darunter sind freilich wenige, die ein höheres Alter aufweisen könnten, aber diese wenigen müßten in Abbildungen festgehalten werden. Auch die nicht sehr alten sind, wenn wir uns auch nur auf die Form beschränken, reich an Eigenart. Die Inneneinrichtung eines „Beth-ha-Midrasch" umfaßt Gegenstände, die in einer Synagoge nicht zu finden sind, wie z. B. Bücherschränke, Tische und Bänke fürs Lernen. Ich zitiere ein einziges Beispiel. Wir besitzen eine große Anzahl von Photographien, die uns das Innere irgendeiner Synagoge in einer kleinen westeuropäischen Stadt, und nicht nur das Innere, sondern zuweilen auch eine Gottesdienstszene, darstellen. Wie sieht es in einem großen „Beth-ha-Midrasch", etwa in einer „Jeschiwa" wie Woloshin10) aus, wo Generationen von Rabbinern und Gelehrten erzogen worden sind? Das wäre auch vom Standpunkte der Formenbeobachtung, der anschaulichen Gestaltung spezifisch-jüdisch gestalteten Schaffens — wir können auch beim Ausdruck „Religion" bleiben, trotzdem dieser Ausdruck kaum alle Begriffe des jüdischen geistigen Lebens deckt — von ungeheurem Interesse. Hier erstreckt sich ein sehr aussichtsreiches, wenn auch nicht leicht erreichbares Feld für künstlerische Forschung. Ich .täusche mich über die Hindernisse nicht hinweg. Es ist leichter, eine alte Synagoge, etwa in Casale Monferrato oder in Ferrara, die auf dem Wege touristischer Streifzüge liegt, als das Innere der Jeschiwa in Mir11), das ganz abseits liegt, zu photographieren. Es ist auch nicht leicht, das noch Lebende, das sich naturgemäß den Blicken außenstehender Beobachter entzieht, richtig anzupacken. Man muß zu diesem Zwecke mehr in das Innere zu dringen versuchen, mehr Zusammenhänge mit dem Volkstümlichen, mehr geistig-literarische Verbindungen schaffen. Ich will dabei zugeben, daß eine alte Synagoge in einem italienischen Städtchen architektonisch interessanter als sämtliche Jeschiwot Rußlands, Galiziens und Ungarns sein können. Aber erstens sind die architektonischen Besonderheiten auch bei alten Synagogen nicht immer vorhanden, und zweitens kommt ja das Künstlerische auch in andern, intensivem Formen zum Ausdruck. Ich kenne so ungefähr sämtliche jüdische Kunstsammlungen, aber eine so reichhaltige Kollektion von Synagogenabbildungen, wie die Düsseldorfer, dürfte, so viel ich weiß, nirgends existieren. Daß die Frankfurter Gesellschaft und, um die Sache beim richtigen Namen zu nennen, Herr Direktor Frauberger, in Deutschland alles aufgenommen und gesammelt hat und weiter zu sammeln bemüht ist, ist ja natürlich. Aber auch Italien ist sehr stark und der Orient ziemlich bedeutend vertreten.. Ich .war angenehm überrascht, auch die Abbildungen der Holzsynagogen Polens zu finden. Ich kenne die Synagoge in Nasielsk und habe seinerzeit meinem verehrten Freund Herrn 10) Ein kleines Städtchen im Gouv. Wilna, wo vor ungefähr 100 Jahren Rabbi Chaim, einer der Schüler des Wilnaer Gaons, eine Jeschiwa begründet hat. M) Ein kleines lit. Städtchen, in deren Jeschiwa Hunderte von Talmudjüngern studieren. Mathias Bersphn manche Notizen über diese Synagoge gegeben. Er ließ sie dann photographieren, und nun wandert das Klischee mit den Angaben durch Enzyklopädien und Zeitschriften. Es ist jammerschade, daß man dabei stehen geblieben ist und daß man nicht die polnischen Synagogen weiter erforscht. In ~01kusz, in Kazimierz (nicht zu verwechseln mit dem Stadtteil Krakau's, der diesen Namen trägt), in Sandomierz u. a. sind noch merkwürdige Synagogen vorhanden, die bis jetzt einer genauen Beschreibung harren. Auch die Synagogen Podoliens, die einen Festungscharakter tragen, sind von der Synagogenforschung bis jetzt nur leicht und oberflächlich gestreift worden. Außer Ostrog, Szarogrod, Nierniröw sind noch viele andere interessante Synagogen in Podolien vorhanden. Man müßte die Provinz durchqueren und speziell sich in den kleinen, abseitsliegenden Orten aufhalten, um das Material zu sammeln. - Woran wir auf diesem Gebiete leiden, — das ist eine gewisse bequeme Stereotypie. Herr Mathias Bersohn hat einige Synagogenabbildungen in den Annalen der Krakauer Jagiellon'schen Akademie und dann in Frankls Monatsschrift veröffentlicht, — und dabei ist es geblieben. Herr Bersohn hat das Seinige geleistet, nun ist er infolge seines -hohen Alters nicht imstande, seine Arbeit fortzusetzen; da müßten doch jetzt neue Kräfte einspringen. Davon hört man vorläufig nichts: immer die Bersohnschen Synagogen, vom seligen Kauffmann neu erwähnt, in der ,.„Jewish Encyclopedia" neu abgeklatscht. So ist es auch mit den Synagogenüberresten Spaniens. St. Maria la. Bianca haben wir schon alle gesehen. Herr Levy in Sevilla erzählte mir, es seien noch andere Überreste vorhanden. ' Man müßte lange Reisen machen, um sie zu finden, oder um sich davon zu überzeugen, ob sie überhaupt existieren. Portugal ist noch ganz unerforscht; es dürften aber auch dort noch Synagogen, die in Kirchen umgewandelt worden sind, vorhanden sein. Selbstverständlich treffen diese anspruchslosen Bemerkungen weder die Frankfurter Gesellschaft, noch die Ausstellung, die das Menschenmögliche auf diesem Gebiete getan und so viel zusammengebracht hat, daß man eine wahre Lust empfindet, in den Räumen herumzuwandeln und jedes Stück zu studieren. Aber als Anregungen für ein weiteres Arbeiten werden vielleicht diese Notizen einiges enthalten, das eine gewisse Wirkung haben mag. Im Synagogenbau finden wir die Einflüsse aller Kulturen, aller Stilarten, aller äußeren und inneren Verhältnisse der Judenschaft im allgemeinen und der Gemeinden im besondern. Die Juden haben keinen speziellen, eigenen Baustil geschaffen. Aber eine Tendenz zu selbständigem Schaffen bestand. Beweis: die Bauart in Andalusien, die man" als die arabisch-jüdische bezeichnet. Die Juden schufen in der Diaspora nicht aus sich heraus, sondern blickten entweder nach eignen antiken, oder nach fremden zeitgenössischen Vorbildern. Da die eignen antiken Vorbilder sehr spärlich und die fremden zeitgenössischen nicht schlechtweg nachgeahmt werden durften, so entwickelte sich ein gewisser Kreis von Mustern, der eine große Mannigfaltigkeit umfaßt und trotzdem in einem Rahmen einer zwar veränderlichen, aber doch durch gewisse eigne Merkmale bedingten Eigentümlichkeit bleibt. So verschieden auch die Synagogen sein mögen,