Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 20 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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keine idealen Vertreter unserer Interessen sind. Aber einmal können im Laufe der Zeit an ihre Stellen geeignetere Juden treten, und dann wird man zugeben müssen, daß z. B. Herr Kassel, sich zu wiederholten Malen energisch unserer Interessen angenommen hat. Und das war sehr, sehr nötig! ' Ohne jüdische Vertretung im Abgeordnetenhaus würden wir hei der Beratung des Schulgesetzes, des Justizetats usw. recht schlecht abgeschnitten haben. Sind die- Erfolge auch keine überwältigenden gewesen, so ist doch größerer Schaden glücklich verhütet worden. Es ist aber auch garnicht unser Interesse, daß an der Wahlrechtsfrage etwa der Block zerbricht. Es ist uns höchst schädlich, dauernd in der Opposition zu sein. Daß uns die Massen nicht fördern, darüber muß wohl auch dem blindesten bei der letzten Reichstagswahl Licht aufgegangen sein. Radikal-Liberale und Sozialdemokraten haben sich, allen freiheitlichen Prinzipien zumTrotz, 'mit den Antisemiten verbunden, wo es ihr Vorteil erheischte.. Und wirklichen Einfluß auf die Regierung werden die Radikalen auf lange Zeit hinaus nicht gewinnen, uns also nichts nützenkönnen. Dagegen ist die Regierung für Unterstützung empfänglich, und ihr Wohlwollen ist für uns von größter Wichtigkeit. Schließlich vergibt sie allein und nach ih^em Gutdünken die Beamtenstellen, arbeitet die Gese:zentwürfe aus und. handhabt die Verwaltungspraxis. Ist es verständig, aus Prinzipiengründen den ständig zu bekämpfen, von dem man doch Förderung erhofft? Wer von uns stärkt denn seine Gegner, warum also sollte es die preußische Regierung tun? Bleiben wir im Block, so hat die Regierung Interesse an unserer Förderung, andernfalls auch nicht das allergeringste. Dagegen höre ich nun bereits den Einwand, daß ich eine öde Nützlichkeitspolitik verteidige usw. Ganz recht, das tue ich auch. Rings um uns her treibt Jedermanndie Politik seiner Interessen, und er ist auch berechtigt dazu, solange er nicht die Gesamtheit schädigt. Weshalb nicht wir? Unsere Lage ist eine viel schwierigere als die der andere 1 Klassen und Rassen im Staat. Uns fehlt die wirtschaftliche Gemeinschaft und die örtliche Geschlossenheit. Es ist also für uns doppelter Anlaß gegeben, unsere Interessen, die der beschränkten und zersplitterten Minderheit, zu betonen. Wir können das mit um so besserem Gewissen, als wir niemand zuleide, lediglich für unsere stets bedrohte bürgerliche Stellung, also für die Sache der Gerechtigkeit eintreten. Natürlich meine ich nicht, daß wir den Fortschritt bekämpfen und etwa die konservativ-agrarische Mehrheit stützen sollen. Unser Platz ist auf der Linken. Aber nicht bei den "Wahlrechtsstürmern, sondern bei denen, die gemäßigt und innerhalb des Blocks für die liberalere Leitung der öffentlichen Angelegenheiten einstehen. Gelingt es bei den Wahlen die Machtverhältnisse soweit nach links zu verschieben, daß ein Pluralwahlrecht, wie es die Regierung vermutlich vorschlagen wird, an die Stelle des Dreikiassenwahlrechts tritt, so ist uns damit sehr gut gedient. Sturmböcke der Radikalen zu sein, haben wir keinerlei Veranlassung. Nach getaner Arbeit würde man uns freundlich lächelnd beiseite schieben, denn in der. Politik gibt's keine Dankbarkeit, — niemand hat das öfter erfahren als wir. Da aber, wo man an uns ein eigenes und deshalb dauerndes Interesse nimmt, sollen wir wirken. Weshalb treten unsere Gesinnungsgenossen nicht in den Kreisen mit starker jüdischer Bevölkerung an die Kandidaten heran und verlangen von ihnen Stellungnahme zur Judenfrage und zum Zionismus? In England hat man mit diesem Vorgehen gute Erfolge erzielt. Insbesondere in Posen und Schlesien brauchen die deutschen Kandidaten die jüdischen Stimmen dringend, und sie würden daher leicht zu beeinflussen sein. Man sollte auch versuchen, ob nicht in einem der Wahlkreise, wo den Juden ein Kandidat herkömmlich zugestanden wird, ein uns nahestehender Mandatsbewerber gefunden werden könnte. Es gibt für uns Wichtigeres zu tun, als extreme Wahlrechtsänderungen zu fordern, und jetzt, wo die Wahlen vor der Türe stehen, sollte man den Augenblick nicht versäumen. Eine gleich günstige Gelegenheit zur Gewinnung von Einfluß wird auf Jahre hinaus nicht wiederkehren, sorgen wir, daß sie nicht ungenützt vorübergehe. _ Dr. Friedemann Die jüdische religiöse Kunst (Eindrücke von der Düsseldorfer Ausstellung) Von N. Sokolow I. Ein überaus farbenprächtiges, abwechslungsreiches Bild bietet sich in den Räumen des Kunst-Gewerbemuseums in Düsseldorf unsern Äugen dar: die „Ars sacra" der Juden. Alles, was mit dem Judentum irgendwie zusammenhängt, und was in künstlerische Form sich kleidet, — alles, von der großen Synagoge bis zum kleinen Chanukakreisel, von der heiligen Thorarolle bis. zum unbedeutendsten Erinnerungsblatt für die Toten zeitgenössischer') Art! Natürlich steht die Synagoge, ihr äußerer Bau und ihre Inneneinrichtung in erster Reihe. Die verschiedenen Bauarten der Synagogen werden in einer reichhaltigen und vielseitigen Sammlung photographischer Abbildungen und Zeichnungen alter und neuer Synagogen vorgeführt. Es wäre zwar verlockend, aber ziemlich kostspielig und schwierig, anstatt der Abbildungen größere architektonische Nachbildungen von Synagogen auszustellen. Eine spätere, allgemeinere Ausstellung dürfte sich vielleicht an eine solche Aufgabe heranwagen; die jetzige leistete genug, indem sie bahnbrechend wirkte und konnte schließlich nicht aus diesem Rahmen heraustreten. Wenn sich eine Reihe von Sammlern und Kunstfreunden zusammentut, um eine Ausstellung zu veranstalten, wie dies z. B. in London 1884"-") und 1906 =*) bei den dortigen jüdischen Ausstellungen der Fall war, so wurden eben die Mittel ganz diese« speziellen Zweck angepaßt. Man sammelte von vornherein nur das Anschauliche, das Prägnante und Effektmachende, öder wenn man sehr wählerisch war und einen feineren Geschmack hafte, so war ja immerhin auch nur das einmalige Demonstrieren der Zweck. Ganz anders hingegen ist es bei Museumsausstellungen, wo nicht für eine Ausstellung oder unter dem Gesichtspunkte irgendeiner Ausstellungsmöglichkeit, sondern das reine Sammeln für theoretische und praktische Zwecke betrieben wird. Wenn eine solche Institution einmal ihren Besitz — im gegebenen Falle ist es nicht der ganze Besitz — ausstellt, so darf man an ein solches Werk nicht den Maßstab der gewöhnlichen Ausstellungen legen und auch nicht auf einen Augenblick die Tatsache außer acht lassen, daß nicht das dekorativ-momentane, sondern das beständige, pädagogische Moment hier bestimmend war,- und daß der Zweck der Ausstellung nicht in der Ausstattung eines Schaustückes für ein einziges Mal, sondern, in dem _ populärisatorischen Bestreben besteht, eine größere Öffentlichkeit damit bekannt zu machen, was die bestehende Gesellschaft im großen und ganzen besitzt, wie bis jetzt gesammelt worden ist — das „Wie" ist wichtiger als das „Was" — und wie die Gesellschaft weiter zu sammeln gedenkt; Es ist eine jüdisch-religiöse Ausstellung in dem Sinne, daß sie nicht .einer profanen Augenlust frönt. Was man als eine spezifisch-jüdische Anschauung, noch allgemeiner als eine semitische, im Gegensatz zur hellenischen Anschauung betrachtete, daß das innere Sein wichtiger ist als der glänzende Schein4) und was ') Die meisten dieser Blätter wurden in westeuropäischen Ländern, wo der „Kaddisch"- und „Jahrzeif-Kultus sich einer besondern Pflege erfreute, gedruckt. « 2) Diese Ausstellung führte den Namen: „Jewish Historical Exhibition". Im II. Jahrgange meines „Ha-Assif" (1886) brachte ich einen ausführlichen Bericht nebst Illustrationen über diese Ausstellung, zu dem mir der selige F. D. Mocatto das Material geliefert hat (Ha-Assif, p^ 216, Warschau 1886). Infolge dieser ersten ausführlichen Abhandlung in hebräischer Spracher die in dem Jahrbuche erschienen ist, das seinerzeit eine so ungeheure Verbreitung wie kein anderes Buch der .neuhebr. Literatur erreicht hat, wurden aus osteuropäischen Ländern, wie Mocatto im Jew. Chron. (1888, Nr. 15) mitteilte, manche Kunstgegenstände von hohem Wert den Sammlern nach London geschickt. 3) Sie hieß schlechtweg: Jewish Exhibition und war vielseitiger und größer, aber weniger systematisch als die von 1884. *) Renan: Le Semitisme, Paris 1S76, p. 14.