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Die Welt · 1908-05-22 · 20 (22.5.1908) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 20 : DIE LT auch von der Zahlung der Abgaben befreit seien. Nun aber hat mich unser Freund, der Gelehrte Jakob Bachrach, über diese Angelegenheiten genau unterrichtet und mir den Nachweis erbracht, daß ich in einem Irrtum befangen war. Ich iriuß mich deshalb noch genau über diese Angelegenheit informieren. Gott stehe uns bei, daß wir bei dieser halachischen Frage das Richtige treffen, und möge Seine Gunst die Kolonisation des Heiligen Landes fördern, daß wir es noch erleben, seine Herrlichkeit zu schauen. Mit besten Grüßen und in der Hoffnung, das Aufleben unseres Landes mit Freuden begrüßen 2u können und die Erfüllung der Gebote des Schmittahjahres zu erleben usw. Kowno, 3. Adar 5648. gez. Isaak Elchanaan Drittes Schreiben des Oberrabbiners Isaak Eschanaan An meinen Freund, den berühmten Gaon usw. Samuel Mohilewer Oberrabbiner in Bialystock. Friede und Heil! Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß ich vom Oberrabbiner Samuel Salant aus Jerusalem eine Nachricht erhalten habe, daß -ein Herr Dr. Goldberg, Bevollmächtigter des Philanthropen (Rothschild) von Paris in Jerusalem eingetroffen ist, um einen Verkaufskontrakt für das Schmirtahjahr beim Beth Din dort abfassen zu lassen, und daß er, der Oberrabbiner Salant, sich weigere, diesen Kontrakt abfassen zu lassen, weil nach seiner Ansicht ein Kontrakt beim Beth Din, der nicht durch die nichtjüdischen Gerichte bestätigt worden sei, keine Gültigkeit habe. Darauf habe ich ihm geantwortet, es sei vollständig genügend, daß diese Formalität bei einem jüdischen Gericht vollzogen sei, wie ich es bereits in meiner Broschüre in ausführlicher Weise begründet habe. Nach Beantwortung dieses Schreibens erhielt ich wieder neue Briefe von den Rabbinen des Kolel Poruschim und des dortigen' Beth Din mit siebzehn Unterschriften von Leuten, die in lärmender Weise gegen - meinen Dispens protestieren und sich in Strafpredigten ergehen. Sie behaupten auch, es komme bei Beobachtung der Schmittahgesetze gar keine Existenzfrage in Betracht, im Gegenteil, das Wohl des Landes und des Kolel erheische sie. Sie schreiben dies mit vielen Worten und erheben gegen mich große Anklagen, die ich unerwidert gelassen habe. Heute gelangte an mich wieder ein Schreiben des Herrn Dr. Goldberg, der mich um Rat bittet, wie er es eigentlich machen soll, da man sich dort weigert, den Dispens anzuerkennen und im Gegenteil ein Verbot gegen die Früchte des Schmittahjahres erlassen hat, sowie gegen die Arbeit der nichtjüdischen Arbeiter mit strengen Warnungen eifert, daß man sich nicht auf irgendeinen Dispens verlassen soll, wie sie es gewöhnlich machen. Außerdem teilt mir Herr Dr. Goldberg mit" daß der Beth Din der Aschkenasim keinen Kontrakt aufnehmen will und darauf besteht, der Kontrakt solle nur nichtjüdischen Gerichten zur Bestätigung vorgelegt werden, der Beth Din der Sefardim hingegen sei gerne bereit, den Kontrakt abfassen zu lassen und ihn als gültig anzuerkennen. Infolgedessen fragt mich der obengenannte Doktor, ob es uns, den Aschkenasim, gestattet sei, bei dem Beth Din der Sefardim Kontrakte zu machen. Ich habe diese Briefe bis jetzt noch nicht beantwortet, denn augenscheinlich wird dort ein großer Streit über diese Frage entfacht Ich fühle mich auch tief gekränkt und habe diese Dinge gar nicht voraussehen können. Die Protestierenden berufen sich auch auf den Gaon Rabbi Jehbschua Leib (aus Brisk), er hätte sich ihnen auch angeschlossen. Sie entstellen dabei die Schilderung, die in unserm Dispens über die Sachlage gegeben worden ist, und behaupten, es sei keine Spur von Not vorhanden. All dies ist in einer streitsüchtigen und skandalösen Form von ihnen breitgetreten worden. Ich teile Ihnen dieses mit und bitte Sie um Ihre Antwort und auch um .eine Mitteilung darüber, was unser Freund, der Gaon Rabbi Josua aus Kutno, erwidert hat denn ich vermute, daß auch Sie diese Briefe bekommen haben. Die Sache macht mir sehr viel Kummer. Möge sich Gott erbarmen und uns die Freude Zions und Jerusalems schauen lassen. Mit den besten Wünschen zum bevorstehenden Fest usw. gez.: Isaak Elchanaan P. S. In meinem Schreiben, das ich Ihnen durch die Vermittlung unseres gelehrten Freundes Jakob Bacharach gesandthabe, schrieb ich deutlich, daß die Frage wegen persönlicher Arbeit der ärmeren Kolonisten noch einer Untersuchung bedürfe, daß hingegen die Verrichtung der Arbeit durch nichtjüdische Arbeiter mit aller Bestimmtheit gestattet werden könne.' Auch dagegen wird dort in stürmischer Weise mit Übertreibungen und argen Entstellungen Protest erhoben, ohne Rücksicht auf den wahren Wortlaut meiner Briefe. Möge sich Gott erbarmen, unser Elend einsehen, uns stärken und den Weg der Wahrheit und des Friedens zeigen. Kowno, 4. Siwan 5648. Ihr Freund usw. Die Juden im „Block" Die preußischen Landtagswahlen werden am 3. Juni stattfinden und darüber entscheiden, ob nach wie vor in Preußen ein Wahlrecht mit Vorrechten fortbestehen oder aber eine eingehende Wahlreform stattfinden soll. Alle Parteien sind ferner darüber einig, daß es von dem Ausfall dieser Wahl abhängt, ob in Preußen eine liberalisierende Politik gleich der im Reiche beginnen oder aber das bisherige Obergewicht des östlichen Konservativismus die Regierungsmaßnahmen bestimmen wird. Denn selbst eine innerlich fortgeschrittene Regierung kann Reformen nicht aufoktroyieren, sie muß der Stimmung des Landes Rechnung tragen. Mit einem Parlament in dem den vereinigten Konservativen nur wenige Stimmen zur absoluten Mehrheit fehlen, ist eine liberale Politik unmöglich. Die Wahlen müssen also wenigstens einen Ruck nach links bringen, wenn eine neue Politik inauguriert werden soll. Möglich ist dieser „Ruck" gewiß, haben wir doch in den Konfliktsjahren trotz des Dreiklassenwahlrechts eine liberale Mehrheit im Abgeordnetenhause gesehen. Aber sehr zweifelhaft bleibt, ob die Bevölkerung sich zu einer wirklich energischen Tat wird aufraffen wollen. Wir glauben es kaum. Vielleicht werden die Parteien der Linken ein oder zwei Dutzend Mandate gewinnen, weil der Regierungsapparat diesesmal neutral bleiben soll. Und das wird zu einer mäßigen Verbesserung des Wahlrechts genügen. Aber zu einer wesentlichen Verschiebung in den Machtverhältnissen der Parteien wird es schwerlich kommen, denn allen Reden zum Trotz wünscht in den Kreisen von Bildung und Besitz, die bei der preußischen Wahl den Ausschlag geben, eigentlich kaum jemand ehrlich das Reichstagswahlrecht für Preußen. Natürlich nicht die Großgrundbesitzer. Aber auch nicht die größeren Industriellen, die mit den Arbeiterheeren im ständigen Kampfe liegen und ihnen schwerlich freiwillig parlamentarischen Einfluß gönnen werden, nicht die größeren Kaufleute und nicht die Kleinbauern. Jedes simple Stammtischgespräch und jede Versammlung schafft darüber Klarheit Bis weit in die Kreise der freisinnigen Volkspartei hinein lehnt man das Reichstagswahlrecht ab, und nicht ganz mit Unrecht. Ein wirkliches Interesse am Stimmrecht der breiten Masse haben nur Zentrum und Sozialdemokratie, die allein der Menge sicher sind und daher für möglichst umfangreiche Beteiligung derselben an der Politik eintreten. Für die liberalen Parteien hat dagegen das allgemeine und gleiche Stimmrecht noch immer erhebliche Mandatsverluste gebracht Sie sind ihrer ganzen Entstehung und Konstruktion nach Parteien der Weltanschauung und können daher beim Werben um die Gunst der Besitzlosen nicht die Konkurrenz der radikalen Parteien aushalten, die an die materiellen Instinkte appellieren. Innerhalb dieser Mehrheit der Parteien, die — offen eingestanden oder heimlich — das Reichstagswahrecht für Preußen ablehnen, stehen inihrer politischen Naivität die Juden als Wahrer des demokratischen Prinzips. Treu, ehrlich und verständnisvoll kämpfen sie für die „Volksrechte". Wer sind die Rufer im Streit? Die Frankfurter Zeitung und das Berliner Tageblatt, — die beiden Zeitungen, die als typische „Judenblätter" gelten. Das Tageblatt versichert täglich, das Reichstagswahlrecht müsse erkämpft werden, „und wenn der Block in Stücke ginge". Aber die Parteiführer denken ganz, ganz anders. Die Macht ist süß, man darf eben so - tun, als ob man selbst ein wenig daran beteiligt wäre. Dann liebt man die misera contribuens plebs wirklich nicht so, um ihretwegen sich mit der Regierung zu überwerfen, — und ein jeder weiß, daß die Wähler nicht mitgehen würden, wenn man allzu hastig das forderte, was innerlich der behäbige Kleinbürger gar nicht will. Und schließlich, — die zermorschte Linke hat gar nicht mehr die innerliche Kraft, vorzugehen, wenn der Regierungsapparat einmal wieder gegen sie arbeiten sollte. Und darum bleibt sie friedlich im Block und begnügt sich mit kleinen Reformen. Die Juden täten gut es ebenso zu mächen und die Rolle der Rufer im Streite andern abzutreten. Das allgemeine gleiche Wahlrecht ist für uns absolut wertlos und sogar gefährlich. Wir haben gar kein Interesse daran, daß die durchweg antisemitisch gestimmte Masse ausschlaggebend" wird. Niemand wird glauben, daß es uns unter dem allgemeinen gleichen Wahlrecht gelingen würde, 6 oder 8 jüdische Abgeordnete wie jetzt in den Landtag zu bringen. Sie würden schnell verschwinden und der Landtag so judenrein werden, wie es der Reichstag ist und vorläufig bleiben wird. (Man verzeihe uns, wenn wir Herrn Singer nicht als Vertreter des Judentums anerkennen.) Die Möglich - keit Juden zu wählen, beruht für uns nur auf dem Einfluß, den Bildung und Besitz verleihen, denn nur so kann die winzige jüdische Minorität ein Machtfaktor sein. Sie sinkt zur Bedeutungslosigkeit hinab, wenn die Stimmen gezählt, nicht aber gewogen werden. Nun ist es ja richtig, daß die Herren Wolff, Peltasohn, Aronsohn

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