Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 20 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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genügend und nicht mit der. nötigen Geduld und Ausdauer unterstützt haben. Von einem Mißerfolg kann ebensowenig auf diesem Arbeitsgebiet wie auf anderen Gebieten, auf denen hundertmal so viel ausgegeben worden ist, die Rede. sein. Arbeiten dieser Art sind nicht von heute auf morgen zu berechnen; sie sind überhaupt nicht zu schematisieren! Wo und wann vermaß sich eine nationale Bewegung ihr Ziel zu erreichen, ohne sich auf den Schwingen der Literatur, der Kunst und der Presse tragen zu lassen? Wo und wann hat es eine politische Partei in irgendeinem Lande zu etwas gebracht, ohne im Laufe vieler, vieler Jahre, mit den schwersten Opfern, ihre Literatur, ihre populären Broschürenmassen, ihre Presse, nicht in engbeschränkter Wiederholung der Parteiparolen, sondern in Behandlung aller menschlichen und volkstümlichen Probleme in eigenem Geiste zu schaffen? Wir wollen hier nicht statistische Tatsachen anführen, die in ihrem Grundwesen allgemein bekannt sein dürften. Überall waren in den ersten Jahren, in den ersten Jahrzehnten die Aufwendungen groß und die Erfolge kaum bemerkbar. Man war aber stark und mutig, man hielt die Aufwendungen für keinen Verlust. Die Förderung geistiger Arbeit, die Popularisierung der Ideen — das ist eine unbestrittene Maxime — schafft Werte, Keime, treibende Impulse, und nichts ist so produktiv und von einer so dauerhaften Bedeutung, nichts kennzeichnet so deutlich die Entwickelungsetappen und das Vorwärtstempo einer Partei, wie gerade diese Tätigkeit. Muß es nicht jeden Denkenden eigenartig anmuten, die Mißachtung dieser schon allgemeinen, auch den Nationen (die doch überhaupt der Form mehr, als dem Inhalt huldigen) bekannten, Wahrheit gerade unter uns,' dem Volke des Geistes, dem Volke des Buches konstatieren zu müssen? Und noch eins. Wir vergessen, daß jede Untätigkeit einer Partei den gegnerischen Parteien nur Nutzen bringen kann. Schaffen wir nicht eine Literatur, so schaffen sie die andern. Und sie haben sie geschaffen! Hat nicht das Reform-Tempel-Konfessionsjudentum eine Literatur in seinem Geiste geschaffen? Glaubt man, die Kommerzienräte allein wären imstande gewesen, dem westeuropäischen Judentum ein System so tief einzuprägen, wenn es nicht in der Literatur und in der Belletristik seinen Ausdruck und seinen Weg zum Volke gefunden hätte? Und geschieht das nicht jetzt weiter? Es geschieht fortwährend und — gutta cavat lapidem. Da sollen wir die Hände in den Schoß legen und uns darauf verlassen, daß Wunder geschehen und die Schleier und Binden sich von selbst von den Augen der Unwissenden lösen werden? Ist nicht der Zionismus gerade in seinem ganzen Wesen ein Aufgeben des willenlosen Fatalismus, eine Selbsthilfe, ein Ringen nach Licht und Wahrheit, -nicht nur für sich, sondern für das ganze Judentum? Und wie soll das ohne eine große, lange und gründliche Belehrungsarbeit geschehen? Ein aufgeklärter und edeldenkender Rabbiner (Dr. Seligmann) sprach vor kurzem in einer größeren Versammlung über den Zionismus. Er gab die moralische Bedeutung einer jüdischen Gemütsbelebung zu, rügte jedoch die Ausschließiichkeit des Rassenmoments und die 'Außerachtlassung der geistigen Pflege. Wir gestehen, dieser Vorwurf schmerzte uns mehr als die Anklagen der verbissensten Gegner, — weil wir das Auftauchen dieser Mutmaßung bei Außenstehenden begreiflich finden. Wir wissen zwar, daß dem nicht so ist. Für uns besteht nicht nur die Rasse und nicht nur das Elend, sondern auch unser geistiges Bedürfnis und Verlangen, unser ideeller, seelischer Drang nach einer Erfüllung und Verlebendigung alles dessen, was das Judentum in sich trägt. Aber das muß unserseits nicht nur behauptet, es muß auch in unserem Schaffen Gestalt gewinnen, damit man nicht sage, daß die Schwäche unserer Leistungen nur durch die Größe unserer Einbildungskraft übertroffen wird. Nur so werden wir zu einem Lebenszentrum des Judentums, anstatt in den Formen einer isolierten Partei zu erstarren. Hier und, nicht im Paktieren liegt der „neutrale Boden". Hier* braucht man einander nichts nachzugeben; hier braucht man auch nicht die Gemeinden zu „erobern". Schaffen wir die besten pädagogischenHilfsmittel, die reichhaltigste Literatur, die schönste Kunst, und wir haben das Judentum nicht „erobert", sondern in Frieden und Liebe zu unseren Gunsten umgestimmt. Seien wir imstande, den Außenstehenden zu sagen: Seht die gewaltige sittliche Macht des Zionismus! Seht die nationale Begeisterung! Seht, wie sie bemüht sind, die Kenntnis der Nationalsprache sich anzueignen, — die vielbeschäftigten Akademiker, sogar die alten Leute, ganz wie im klassischen Judentum, ganz wie bei den modernen national-wiederaufstehenden Völkern. — Da gibt's keine Ironie, kein Zaudern. Seht, wie sie alle zu wissenden Juden werden, wie sie sich für die Vergangenheit interessieren, wieviel Literatur sie schaffen, wie sie sammeln, wie ihre Reichen Konkurse ausschreiben, wie sie immer nach den Lehrhäusern eilen! . . . Seien wir imstande, ein solches Bild zu zeigen, so können wir sicher sein: Alles, was im Judentum noch lebt und blüht, muß zu uns kommen, — weder durch Gewalt noch durch Kraft, sondern durch den Geist. Denn im Judentum lebt und blüht noch vieles, sehr vieles und sehr Bedeutendes, das assimilationsmüde ist und neue Wege sucht... Alf diese förderlichen Elemente werden wir durch ein eigenes jüdisch-kulturelles Aufblühen ohne jeden Kampf, ohne jedes Bedürfnis feiger Transaktion heranziehen können. Dann leiden wir nicht mehr an Menschenarmmut und Mittelmangel. Zum Punkt III — nur eine kurze, klare Bemerkung. Es ist eine arge Entstellung, wenn man die nationale Erziehung von vornherein als eine konservative oder fortschrittliche, als eine fromme oder unfromme stempelt. Geistig erziehlich, theoretisch soll man den Zionismus ausbauen und vertiefen, — das ist ein allgemeines Prinzip. Daß dem einen diese oder jene Erziehungsanstalt, dies oder jenes literarische Werk nicht zusagt, ist nicht zu vermeiden. Hier muß die föderative Form zur Geltung kommen. Die Gegensätze sind unseres Erachtens gar nicht so groß,wie sie durch eine überspannteMegalopsie dargestelllt werden. Und sind sie da, — so soll ihnen zur Betätigung der freieste Spielraum gegeben werden. Ruhige und geklärte Geister haben sich schon lange zu dieser Anschauung durchgerungen. Hiermit zerfällt der letzte Einwand in nichts. Aus obigen Erwägungen ergeben sich folgende Schlüsse : Kleinökonomische und praktische Behaglichkeitsrücksichten mögen noch so sehr für die Ausschaltung aller erziehlichen, geistigen und literarischen Arbeiten sprechen, die die Vorbereitung des Volkes bezwecken.