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Die Welt · 1908-05-22 · 20 (22.5.1908) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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neuern, — und wie war es denn früher mit der Geisteskultur? In der guten alten Zeit lernte fast jeder Jude, er mochte noch so sehr „beruflich" beschäftigt sein, oder im vorgerücktesten Alter gestanden haben. Nicht die chronometrische gleichmäßige rituelle Pünktlichkeit,- die seit jeher'in mehreren Nuancen variierte," sondern. das einheitliche und einigende geistige Bewußtsein schützte uns, wie „ein diamantharter Panzer". Alles andere war Nebensache: Gemeinde, Vorstand, oder geistliche Hierarchie, die nur in einem ganz minimalen Maße existierte. Alles Flitterprunk, „Potemkinsche Dörfer"! Man verstand, daß man Bettler ist ohne Geist, beseligt und reich durch ihn. Das Lernen diente dem Juden, sein Ich zu läutern und seine Persönlichkeit zu vertiefen. Jede einigermaßen anständige jüdische Familie mußte unbedingt eine kleine Bibliothek besitzen; Leute, die in ihrer Jugend nicht genug gelernt haben, bemühten sich, das Versäumte nachzuholen. Die eigentlichen Führer waren die Wissensreichen, die Geistesaristokraten — die unwissenden Frömmler, die Enterbten des nationalen Adels waren komische Figuren. Man lachte sie aus, so oft sie in grotesker Verzerrung die Religion in albern-seichter Weise parodierten. Den Niedergang des Judentums hat vor allem das Überhandnehmen der Ignoranz verschuldet. Der Zusammenhang der Juden verschiedener Länder — der „Minhag" (Brauch) trennte oft, aber die Thora vereinigte immer die Zerstreuten — und ihre Widerstandsfähigkeit gegen das äußere Milieu; die Möglichkeit, daß alle TeüVzur Bildung eines symphonischen Geisteszentrums zusammenwirken, in richtigen Verhältnissen zueinander stehen und sich dem nationalen Genius, der Thora, unterordnen; der edle Intellektualismus, der keinen Kastengeist und keine Fetischmajestät des goldenen Kalbes aufkommen ließ, — all' diese Lebenselemente des Judentums wurden in der neueren Zeit geschwächt und preisgegeben. Es blieb nur ein bißchen Glaube, ein bißchen Pietät und ein bißchen Angewohnheit, und so gestaltete sich - das modern-konfessionelle Judentum, so wurde das schönste und edelste Gut, die Thora, hinabgezerrt. Wohlgemerkt, das Jüdisch-Geistige, das heiligste Pflichtgefühl des ernsten, unablässigen Lernens,die Ehre und derRuhm,die Macht und die Autorität des Intellekts! Verstehen wir dies und wiederholen wir das schöne Wort: „Der Zionismus ist eine Rückkehr zum Judentum" nicht gedankenlos, sondern mit tiefem Bewußtsein, so können wir auch das Absurde einer Anwandlung begreifen, die die frivole Laune darstellt, eine der Tatsachen, die wir bekämpfen müssen, als ein Gesetz proklamieren zu wollen. Man versuche nicht, Modeströmungen, veränderte Zeitverhältnisse, Berufspflichten und dergleichen vorzuschützen! „Was Ihr den Zeitgeist nennt, ist der Herren eigener Geist." Die Modeströmungen, veränderte Zeitverhältnisse usw. begünstigen den Zionismus überhaupt nicht. Der Zionismus ist ja ein Sichlosringen. Wir stehen ja mit diesen Verhältnissen in. einem Kampfe und dürfen vor ihnen nicht die Waffen strecken. Wenn wir die Mißachtung des Geistes, die Blasiertheit und Trivialisierung gelten lassen wollen, so gehen wir ja in den Fußstapfen der Assimilanten, d. h. derjenigen Partei, gegen die wir heiß, ungestüm und freiheitsjung in die Schranken getreten sind. Wenn wir nur das Äußerlich-Formelle, und nicht zugleich den intellektuellen Inhalt des Zionismus pflegen, verfallen wir ganz in denselben Fehler den die, Assimilanten im Judentum begangen haben, indem sie das hebräische Wissen der Archäologie zugewiesen und den flitterbunten Tand . eines Ge-. meindewesens als das einzig Jüdische betrachteten. Die Thora müssen wir in ihrem ganzen; Umfange zurückgewinnen — in der Kenntnis der Ursprache, m der Verbreitung des geschichtlichen Wissens, in der Pflege des Jüdisch-Schönen. Auch in der tieferen Kenntnisaller Fragen der jüdischen Gegenwart erblicken wir ein klärendes und einigendes Moment. Sind die Leute denk- und lesefaul, sosoll man sie zum Denken und zum Lesen antreiben und, wie die Sage erzählt: „den Berg über siespannen". Hier erschließt sich ein Arbeitsgebiet für. zionistische Vereine, — und von diesen Vereinen kann man ja nicht verlangen, daß sie Tag für Tag die gleiche Leier mit den paar Stücken im Register in Bewegung setzen. Einer dürftigen Saat können keine schönen Blüten ersprießen. Man muß den einzelnen und den Vereinen geistige Nahrung in unablässiger Mühe zuführen. Und nicht nur für uns, — im Gesamtjudentum müssen wir die Pioniere des Wissens, des hebräischen Wortes, der. Volkskenntnis, der Phantasie und der Kunst sein. Durch diese Fähigkeit werden wir in unseren Kreis neue Kräfte ziehen. Unser eigner Wille wird dadurch fester, unser Geist behender werden, die Mühe wird uns locken, die Schwierigkeiten und Hindernisse werden die Tatkraft reizen, und was wir jemals empfunden, geahnt und gewünscht, wird sich zu einer großen, leuchtenden Schrift einfügen, die vor uns in unserer Literatur liegen wird. Das ist die notwendige Voraussetzung für eine weitere größere Entwicklung des Zionismus. Man kann nicht durch einen schöpferischen „Es werde"-Ruf etwas aus Luft schaffen, aber man kann wohl durch vorbereitenden Stoff ein Gebilde formen und entwickeln. Begreifen wir einmal die hochbedeutende Wichtigkeit dieser Arbeit, so werden uns die zwei letzten der obengenannten Einwände in ihrer ganzen Nichtigkeit erscheinen. Betreffs des zweiten Punktes ist es zwar ein trauriges Gesetz, daß man für diese Arbeiten Geldmittel haben muß; aber es darf nicht außer acht gelassen werden, daß man es auch für alle anderen vorbereitenden Versuche benötigt. Das Bibelwort lautet diesbezüglich: „Sende dein Brot über die Gewässer, nach vielen Tagen wirst du es wiederfinden." Unsere Weisen hatten noch ein anderes inhaltsreiches Wort: „Eine Gemeinde ist nie,arm." Sie sagten auch: Es. gibt keine Armut, wo Reichtum sein soll, d. h. bei einer Gesamtheit, die groß tun muß, darf kein pedantisches Geizen, kein Nörgeln und Mäkeln vorkommen. Das ist auch die sehr richtige allgemeine Auffassung in bezug auf sogenannte direkte Versuche im Zionismus. Leider verstehen es manche nicht, daß die Volksvorbereitung ebenfalls ein ganz direkter Versuch ist. Sie verstehen es nicht, wenn ihr Sinn an der Oberfläche haften bleibt und das feiner Geartete und tiefer Verborgene nicht erblickt. Und ist kein Verständnis, oder nur ein geringes' Verständnis für etwas, vorhanden, so kann man nicht genug, an dem „Sport" und den „Phantasien" zerren und herumzausen, und sie, besonders wenn sie Geld kosten, verurteilen. Alles in allem liegt der Fehler nicht in dem. Umstände, das man dies und jenes versucht und Ausgaben gemacht, sondern daß die zionistische Gesamtheit — einzelne haben ihre Pflicht getan — die Arbeiten nicht

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